Die Sowiesos

Die Sowiesos
Stadtkritik – VIII

Es gibt sie noch. die Leute die brav ihre Steuer zahlen, die bei rot an der Ampel stehenbleiben, die den ausgeschilderten Preis einer Ware anstandslos bezahlen, die noch kulturellen Content für Geld kaufen. Das sind die, mit denen man immer rechnen kann, auf die man immer zählen kann. Eine Verfügungsmasse die gebraucht wird um die Dinge am Funktionieren zu halten, auf die man gleichzeitig wenig Rücksicht nehmen muss. Das sind die Sowiesos. Kein gesellschaftlicher Bereich der nicht auf sie angewiesen wäre, der ohne sie funktionieren würde. Auffällig, nein, auffällig werden sie nie, da muss man keine Angst haben.

Diejenigen die uns hier interessieren sind die Sowiesos des öffentlichen Raumes – die Fußgänger.

Gibt es nicht Fußgängerzonen, wird nicht ständig über die Qualität des öffentlichen Raumes diskutiert, werden sie fragen. Ja, aber sicher, ist die Antwort.

Trotzdem betrachtet man die Flächenzuteilungen im öffentlichen Raum, betrachtet man aktuelle Diskussionen so kommt der Sowieso-Fußgänger meist nur beiläufig vor. Meist geht es um Verbesserung der Bedingungen für Radfahrer, um die Qualität des Autoverkehrs etc. pp. Obwohl, oder vielleicht gerade weil die Fußgänger immer da, immer verfügbar und für ein städtisches Leben unverzichtbar sind, sind die Einschränkungen denen sie sich unterwerfen müssen kaum alle zu benennen – fahrende und parkende Autos, allüberall, Radfahrer, denen man das Fahren auf den Gehwegen anerzogen hat, was sie in ihrer anarchischen Gutmenschenmentalität gerne angenommen haben und inzwischen als ihr verbrieftes Recht betrachten. Jammern über all diese Misslichkeiten die sich im öffentlichen Raum unserer Städte zuungunsten der Fußgänger eingeschlichen haben hilft nicht viel. Umdenken und aktiv dagegen vorgehen, heißt es !
Bei der Betrachtung und Behandlung aller Menschen, die sich im öffentlichen Raum bewegen, muss endlich Gleichberechtigung herrschen. Beobachten sie sich selbst, beobachten sie wie der Missbrauch von Flächen im öffentlichen Raum sie selbst schon konditioniert hat. Gehen sie auf einem Gehweg, der nur ein bisschen breiter als minimal ist und der es beispielsweise dem Radfahrer ermöglicht ohne abzusteigen zu nächsten Ampel zu gelangen, so wird die Mehrzahl der Radmenschen die Möglichkeit nutzen und selbstverständlich den shortcut über den Gehweg nehmen. Beobachten sie sich selbst, wie sie reagieren. Natürlich passt ihnen das überhaupt nicht. Gelegentlich murren sie auch wenn wieder einer von hinten an ihnen vorbeizischt, dennoch werden sie feststellen, dass sich bei ihnen eine Verhaltensweise einstellt, die dazu führt, dass man am Rand des Gehweges geht obwohl man genausogut in der Mitte gehen könnte. Das ist die Konditionierung der Sowiesos. Sie funktioniert im Alltag, sie funktioniert auch in der Planung. Da ist zuerst die offensichtliche Missachtung, da ist, nicht weniger bedeutsam, ein eingeschliffener falschgewichteter Diskurs. Haben sie schon jemals erlebt, dass im Zusammenhang mit den Beteiligten im öffentlichen Raum über die Qualität des Gehens gesprochen wurde. Nein, der Fokus liegt auf dem Aufenthalt, dem Verweilen auf Bänkchen und Cafestühlchen, auf Grünflächen oder neuerdings Sitzpodesten. Das ist genauso fragwürdig wie die obsessive Fokussierung mit dem Platz und dem Park als öffentliche Räume bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Strasse oder Gasse. Ich behaupte hier und damit stehe ich vermutlich nicht allein, dass das Gehen, die täglichen Wege zu Fuß in der Stadt weit mehr zum öffentlichen Leben beitragen als jeder nochsogut gestaltete Platz. Auf dem Weg zu Fuß werden mehr Kontakte realisiert, wird mehr gesehen und mehr kommuniziert als anderswo. Die Qualität der Räume in denen wir uns bewegen, wieviel Platz wir dort haben, wieviel Möglichkeiten uneingeschränkt durch andere stehenzubleiben, mit Bekannten oder manchmal auch Unbekannten zu reden, uns auszutauschen, unbedrängt Auslagen anzusehen oder auch nur stehenzubleiben um einen Anruf entgegenzunehmen, das ist ein wesentlicher Faktor für die Lebensqualität unserer Umwelt, unseres Stadtteiles, unseres Wohnumfeldes.

Natürlich ist der Verteilungskampf um das knappe Gut öffentlicher Raum hart. Jeder der Beteiligten hat Ansprüche, die er auch entsprechend begründen kann. Der eine wirtschaftlich – der Verkehr muss schon aus ökonomischen Gründen fliesen, die Geschäfte gehen ein wenn man nicht vor der Türe parken kann, der andere aus Umweltgründen – Fahrradfahren vermeidet Schadstoffausstoß und Umweltverschmutzung und muss bevorzugt werden. Alles richtig. Alles wichtig. Und Fußgänger ? Na ja, die sind halt da, sowieso da. Da muss man sich doch nicht viel drum kümmern. Da gibt es doch viele schöne Plätze zum Verweilen und Ausruhen. Ja und dazwischen ? Da muss man halt durch, wie man so schön sagt. Ein Blick auf Flächenstatistik beleuchtet frappierende Verhältnisse. Ein fahrendes Auto braucht statistisch gesehen 140 m2 Platz, ein Radfahrer ca. 40 m2 ein Fußgänger ca. 1m2. Das Missverhältnis, das hier zum Ausdruck kommt spricht für sich. Wenn es dann in die Diskussion über dieses Missverhältnis geht, kommt zwischen Auto und Radverkehr und sonstigen Fahrvehikeln der Fußgänger ganz schnell unter die Räder. Fortbewegung ist in unserem Denken permanent aufs Rad fixiert. Vom Auto, über das Fahrrad, das E-Bike, den Cityroller, den Segway uns sonstige „selbststabilisierende“ Radmodelle. Sie sind vermeintlich schnell, bequem und bestenfalls auch noch chic und strahlen Modernität aus, erwecken Aufmerksamkeit und last but not least schaffen Verkaufsmodelle, bilden wesentliche Wirtschaftszweige. Dagegen sieht der Fußgänger arm und rückständig aus.
Nichtsdestotrotz ist zufußgehen die menschliche Fortbewegung schlechthin. Der Mensch ist entwicklungsgeschichtlich ein Läufer. Heißt, der Mensch braucht die fußläufige Art der Bewegung für seine körperliche Gesundheit. Was könnte also naheliegender sein als diese mit all den weiteren positiven Effekten auch entsprechend zu fördern. Je angenehmer es empfunden wird Erledigungen und Wege in der Stadt zu Fuß zu bewerkstelligen desto öfter wird das auch geschehen. Kleine Anfänge ziehen größere Kreise. Qualität macht von sich reden und findet Nachahmer. So entstehen Trendwenden.
Beginnen muss dies mit einer Korrektur unserer Betrachtungsweise des Fußgängers – die Essenz seiner Bedeutung liegt in der vergleichsweise langsamen Fortbewegung, die Kontakt, ob nun tatsächlich kommunikativ verwirklicht, oder nur visuell vollzogen am allerbesten ermöglicht, die die Wahrnehmung, auch von Details und Veränderungen unserer alltäglichen Umgebung möglich macht.
Unausweichlich ist auch die Korrektur von Flächenzuweisungen für die Nutzer des öffentlichen Raumes zugunsten derer die die Mehrheit darstellen und am meisten zu seiner Lebendigkeit und Lebenswertheit beitragen, gefolgt von den platzsparendsten radgebundenen Verkehrsmitteln. Auf gut deutsch eine Umkehr der aktuell gültigen Flächenverteilung. Das ist ein permanenter Kampf der offensiv geführt werden muss. Argumente und Beispiele wie dies gelingen kann gibt es inzwischen genug. Der Platz auf dem Stadtboden gehört den Fußgängern, Radfahrer werden toleriert. Alle die sich im Lebensraum Stadt bewegen haben dies mit einer angemessenen Geschwindigkeit zu tun. Die liegt unter 30 Stundenkilometern.
Was uns sonst noch abhält zu Fuß zugehen sind mentale Sperren, die uns anerzogen wurden – automobile Muttermilch. Entfernung ist nicht nur real vorhanden und messbar, im Zusammenhang mit menschlichem Verhalten hat sie eine gewichtige mentale Komponente. Gespräche über Destinationen, die man zu Fuß erreichen könnte, wie Innenstadt, Kino oder Kneipe, offenbaren in der Regel krasse Fehleinschätzungen der Laufzeiten. Mentale Sperren münden häufig in die Floskel nahezu jede Entfernung die über das unmittelbare Wohnumfeld hinausgeht sei doch viel zu weit um sie zu Fuß, ohne Schweißausbruch mit folgender sozialer Stigmatisierung und völlige physische Erschöpfung bewältigen zu können. Da spürt man wie sehr unsere automobile Konditionierung unseren Lebensalltag durchdrungen hat.
Überwindung, Umkehr ist nicht einfach, aber möglich. Man muss sie nur von mehreren Seiten gleichzeitig angehen. Förderung der individuellen Gesundheit, Steigerung der Lebensqualität im Alltag des Wohn- und Stadtumfeld sind gewichtige Argumente aus denen Bewegungen im besten Sinne des Wortes entstehen könnten. Abstimmung mit den Füßen tut not.

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Fremd werden

Guten Morgen Frau Nachbarin,  guten Abend Herr Nachbar !
So würde ich Sie vielleicht ansprechen wenn sie im gleichen Haus wohnen würden wie ich. Tun Sie aber nicht ! Genau ! Deshalb ist dies auch nur der Auftakt zu einer Betrachtung über das fremd werden.

Wenn die Geschichte beim Nachbarn beginnt, so beginnt sie, am anderen Ende der Skala, dort wo man sich noch nicht fremd ist. Geht also Einer aus der Türe seiner Wohnung so ist er Nachbar. Geht Einer aus dem Haus auf die Straße so ist er auch Nachbar – für den der im Nachbarhaus wohnt. Geht er zwei Strassen weiter so ist er ein Fremder, obwohl ihm selbst der Ort nicht fremd ist und er sich dort auch in der Regel nicht fremd fühlt. Geht er in den Laden, der drei Blocks weiter liegt, und in den er immer geht, so ist er dort ein Bekannter. Trifft er dort Leute die dort, ebenso wie er, auch öfter einkaufen, so sind auch sie Bekannte. So entwickelt sich ein Geflecht von Beziehungen mit graduellen Abstufungen, ein Geflecht wie es an allen Orten, wo Menschen zusammen leben, zu finden ist.  Personen und Orte sind dabei miteinander verbunden. Der Ort lokalisiert die Person, gibt ihr Identität und Verankerung. Das Geflecht, das Netz aus Orten und Menschen und ihren Beziehungen hat, um sich ausbreiten zu können und eine gewisse Wirksamkeit entfalten zu können, Vorraussetzungen. Wie alle Netze erfordert es Kontinuität, die Kontinuität seiner Maschen. Ein Netz kann jedoch auch Fehlstellen haben. Die sind dort wo die Maschen gerissen, oder zu groß sind. Zu groß sind sie wenn etwas hindurchschlüpfen kann, der Zusammenhalt des Netzes geschwächt ist. Löcher im Netz sind Gefährungsstellen für das Netz als Ganzes. Ein Netz lebt von der kontinuierlichen Kraftübertragung. Ist sie geschwächt oder mehrfach unterbrochen droht Rissgefahr. In der Folge kann das Netz seinen Zweck, Verbindungen zu schaffen und im Verbund zusammenzuhalten irgendwann nicht mehr erfüllen.  Aus diesem Grund sind klassische Netze in der Regel gleichmässig strukturiert, Masche an Masche. Natürlich kann man Netzte auch anders knüpfen, wenn sie beispielsweise einem anderen Zweck dienen.

Auch Städte können als Netze gelesen werden, als Netze aus Strassen, aus Wegen und Gassen. Die Maschen sind hier manchmal regelmäßig, und rechtwinklig, öfter jedoch unregelmäßig und polygonal, bei größeren Gebilden meist gar aus vielerlei Teilnetzstrukturen zusammengefügt. Die Löcher, Fehlstellen oder Einschnitte dieser Netzte sind große Parks, Grünzüge, Wasserflächen, Industriebrachen, abgeschlossene Bereiche wie z.B. Miltärareale, Krankenhaus- oder Schulanlagen um nur die wichtigsten zu nennen. Diese Löcher, denken wir beispielsweise an einen Park, können auch positive Einflussfaktoren sein, jedoch nicht für den Belang des Netzzusammenhalts. „Löcher“ sind jedoch nicht die einzigen Störfaktoren des Netzzusammenhalts, nein auch die Art wie das Netz geknüpft ist kann ein Störfaktor sein. Der kontinuierliche Kraftverlauf entlang der Netzmaschen kann verglichen werden mit dem kontinuierlichen Strom der Passanten in einem räumlichen Netz.  Dieser funktioniert umsobesser je gleichmässiger die Maschen angelegt sind, je kontinuierlicher sie verlaufen. Engmaschigkeit allein ist dabei kein Kriterium für gutes Funktionieren des Netzes. Es funktioniert dann gut, wenn es, mit graduellen Abstufungen, eine gleichmäßige Präsenz von Menschen im Netz (des öffentlichenRaumes) sicherstellt. Es gibt die Beispiele, die zeigen, daß enmaschige Netze, verbunden mit einer strukturellen Diskontinuität das Funktionieren des Netzes massiv stören  (ein gut untersuchtes Beispiel ist das Marquess Road Estate in London, einstmals preisgekrönt und vielbeachtet, heute bekannt als muggers paradise). Hier bricht sich an den Aussengrenzen des Estates der Strom der Passanten ab. Das Estate ist wie ein kleinteiliges Labyrint angelegt, mit vielen Verschwenken und Richtungswechseln der Wege, mit vielen kleinen Aufenthaltplätzen. Das Netz ist im Estatebereich sehr viel kleinteiliger und weniger kontinuierlich angelegt. Irgendwie idyllisch, doch trügerisch. Dorthinein verirrt sich kein Fremder und diejenigen die hineinmüssen, weil sie dort wohnen, fühlen sich zu bestimmten Zeiten unwohl, weil sie kaum jemandem mehr begegnen. Bricht der Passantenstrom so bricht auch auch die örtliche Kenntnis.  Ein Ort den niemand betritt, auch nicht zufällig, ist fremd und bleibt fremd. Fremd sein heißt nicht kennen, kein Nachbar sein, auch kein Bekannter sein. Fremdsein lässt Spekulationen Raum, leistet Gerüchten und Stigmatisierungen Vorschub. Fremdsein hat nicht nur über Länder und Kontinentgrenzen eine räumliche Dimension sondern auch im Nahbereich unserer Städte. In nahezu jeder Stadt gibt es die Bereiche die keiner kennt, wo niemand zufällig hinkommt. Dies mag in einigen der bereits genannten Fälle unerheblich, ja normal sein. So manches Schulgelände hat noch nie jemand, der dort nichts zutun hat, betreten. Macht erstmal nichts. Ob ich das Schulgelände kenne oder nicht  ist vielleicht nicht wirklich relevant. Relevant wird aber sein wenn das Schulgelände Größen errreicht die ganze Stadtbereiche voneinander trennen. Wir denken an den Bereiche zwischen Dachauer und XX Strasse in München. Wir denken an so manchen „Bildungscampus“ in neuen, aktuell entstehenden Stadtteilen. Das sind aus der Sicht des Netzes kritische Produkte. Produkte funktional-technokratischen Denkens in ihrer die Netzstruktur sprengenden Größe Störfaktoren städtischer Integration. Schlicht entgegen aller gut gemeinten Argumente zu vermeiden.

Noch schwieriger gestaltet sich die Situation wenn es sich um Wohngebiete handelt.  Wir lesen und hören heute viel von Integraton, vom Vermeiden von Ausgrenzung und Ghettobildung. Das ist gedanklich der richtige Ansatz. Gelingen kann er nur wenn auch seine räumliche Komponente erkannt und umgesetzt wird.

Aber klar ! rufen jetzt alle. Machen wir doch ! Fordern wir doch ständig !

Und doch tauchen sie immer wieder auf, und immer dann wenn es um mehr oder weniger reinen Wohnungsbau geht, die kleinen, von Grün umkreisten Nachbarschaften, die grünzugumzingelten Siedlungsteile, so klein daß sie einer Atomisierung des Stadtkörpers Vorschub leisten. Kleinnachbarschaftseinheiten, fein säuberlich gtrennt. Erkennbarkeit,  Ablesbarkeit, Gliederung – unverzichtbar. Oh ja ! !
Ja, Nachbarschaft braucht räumliche Nähe um Personen und Wohnorte mental verknüpfen zu können. Nachbarschaft braucht auch Räume um sich entfalten zu können, Nachbarschaft braucht jedoch keine räumlich vorgegebene Abgrenzung um sie zu erzeugen oder zu fördern. Denn Nachbarschaften in der Stadt sind fliesend und fliesend sind die sozialen Zusammenhänge dort wo Menschen zusammen leben. Eine Stadt ist selbstredend größer als ein Dorf.  Aus einer Aneinanderfügung von Dorf- oder Nachbarschaftseinheiten, nur um ein einfaches  Beispiel zu wählen, wird aber keine Stadt auch wenn die Fläche oder die Einwohnerschaft die gleiche Größe vergleichbarer Städte erreicht hat. Hinzu kommt, daß abgerenzte Nachbarschaften, wie auch Dörfer, eher soziale Homogenität als Vielfalt bedingen. Jeder der mal am Dorf gewohnt hat weiß wie schwierig all diejenigen, die anders sind, es dort haben. Die Homogenität der Mehrheit ist zu groß und dominant. Man wird Außenseiter oder geht weg. Das ist das dörfliche Prinzip, das ist das Prinzip der engen Nachbarschaft ohne Ausweg, ohne Alternativen. Da passt nicht jeder rein.
Das städtische Prinzip funktioniert anders. Es basiert auf Offenheit, einer gewissen Annonymität und Toleranz, auf der Fähigkeit und dem Willen Andersartigkeit zumindest zu tolerieren.  Auch das hat seine räumliche Vorraussetzung. Die liegt in der Offenheit des räumlichen Systems, in der Kontinuität in der das Netz der räumlichen Verbindungen geknüpft ist. Denn sie erst schafft die Vorraussetzung, die die Präsenz aller Lebensentwürfe im öffentlichen Raum ermöglicht. Der englische Philosoph und Architekturlehrer Bill Hillier hat dies die „virtual community“ genannt. Eine Gemeinschaft noch nicht realisierter sozialer Bindungen, aber mit einem unausgesprochenen, aber gelebten sozialen Konsens, beruhend auf den vorgenannten Grundeigenschaften des städtischen Systems.  Auch das ist ein Zusammenhalt, ein gesellschaftlicher Kit. Wie alles was Gesellschaften verbindet und Zusammenhält muß auch dies ständig neu verhandelt werden.  Architekten und insbesondere Stadtplaner nehmen unmittelbar an diesen Verhandlungen teil. Entsprechend hoch ist ihre Verantwortung. Haben sie kein Bewußtsein für diese Fragen entwickelt, denken sie immer nur auf der überschaubaren lokalen Ebene, dann schaffen sie die Voraussetzungen, daß wir einander fremd werden. Fremdsein lässt sich auch zuhause.

SCHÖNHEIT, VERGÄNGLICHKEIT UND WIEDERKEHR

Was ist schön, was ist hässlich, was ist nur banal ?

Über Schönheit lässt sich trefflich streiten und das ist gut so. Der im Zusammenhang mit Schönheit stets zitierte Immanuel Kant bringt es wie kein Anderer zum Ausdruck indem er dem Urteil über Schönheit einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zuschreibt. Schönheit sei „interesseloses Wohlgefallen“. Doch was schön ist oder nicht soll uns hier gar nicht interessieren. Uns interessiert was schön war, ob und wie es wiederkehrt und was wir daraus lernen könnten, wenn wir willens wären zu lernen. Man könnte es auch mit einem Zitat von leider unbekannt, einem Fundstück aus dem Netz sagen: Schönheit von gestern ist der Schmerz von heute und die Weisheit von morgen (Thomas Möginger). Man kann sich also die Frage stellen: ist Schönheit immer vergänglich. Was den Mensch betrifft lässt sich das bejahen. Natürlich wird ein schöner Mensch im Alter selten hässlich. Die Merkmale der Schönheit können meist weiter erkannt werden. Dem wahren Schönheitsideal aber können sie nicht mehr entsprechen.

Architektur hat aufgrund ihrer Beständigkeit andere Gesetzmäßigkeiten. Auch hier scheint Schönheit erstmal vergänglich zu sein. Viele der Bauten die wir heute als schön empfinden können den nächsten Modeschub schon nicht mehr bestehen. Doch anders als der Mensch kennt Architektur die Wiederkehr des Schönen von gestern. Eine neue Wertschätzung nach dem mehr oder minder langen Verlust derselben. Ein Phänomen das sich durch alle Zeiten verfolgen lässt. Das Schöne aus dem unmittelbaren Gestern ist das oft sogar der Verachtung anheimfallende des Heute. Damit muss und kann der Mensch leben. Er tat es schon immer. Der Renaissance folgte der Barock, der für letztere wenig übrig hatte, dem Barock der Klassizismus mit der gleichen Einstellung zu seiner Vorgängerin. Das ließe sich bis in die heutige Zeit fortsetzen, Moderne, Postmoderne,Dekonstruktivismus, Revision der Moderne etc., etc. . Problematisch wird das Ganze wenn der zeitweiligen Ver- oder Missachtung ein entsprechender Aktionismus oder der Furor der Erneuerung auf dem Fuße folgt, der Alles was vorher war, auszumerzen versucht. Das muss nichteinmal absichtlich sein. Es genügt die einfache, gedankenlose Missachtung des Gestrigen. Dem fallen meist unisono die guten und die schlechteren Zeugen der Vergangenheit zum Opfer.  Wenn die erneute Wertschätzung dann einsetzen könnte, sind sie oft leider schon unwiederbringlich verloren.

Dass Schönheit schnell verfällt, dass Moden ebensoschnell vergehen, das sind Allgemeinplätze. Nichts neues unter der Sonne. Warum aber, so frage ich mich, kehrt Schönheit wieder.  Warum wird Altes wieder als Schön angesehen, warum spricht uns das Gründerzeithaus an, das doch eher von durchschnittlichem ästhetischen Wert ist und nur in ganz wenigen Fällen wirkliche ästhetische Höhen erreicht. Nun werden alle sagen, natürlich sind es die immerwährenden Gesetze der Anmut und der Proportion, der Materialwahl und Lichtführung, die nach dem zeitbedingten Wertschätzungsverfall wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken und in den wirklich schönen Gebäuden, nachdem sich die Nebel der Mode gelichtet haben, wieder erkennbar werden.
Zuerst stellt sich die Frage ob es tatsächlich die Zeitgenossen eines Baustils, einer Bauepoche sind, die die Qualitäten einer einstmals abgeschriebenen Periode wiedererkennen, oder ob dieses Revival schon von der nächsten Generation ausgeht und demzufolge in seinem Ursprung keine Wieder- sondern eine Neuentdeckung genannt werden muß. Das tut dem Wiederneuentdeckten natürlich keinen Abbruch in seiner Berechtigung auf Wiederentdeckung und neue Wertschätzung. Der immerwährende zirkuläre Verlauf aus Handlung, Irrtum und Erkenntnis betrifft auch die Auffassung von Schönheit.  Nimmt man die Erkenntnis ernst muß daraus ein Plädoyer für mehr Gelassenheit, Rücksicht und Toleranz mit unseren gestrigen Bauprodukten, ganz besonders denen der nächsten und allernächsten Vergangenheit, folgen.

Das Naserümpfen , tödliche Mißachten der Zeugen jüngster architektonischer Vergangenheit durch die Architekten selbst ist stets der Beginn einer breiten öffentlichen Stigmatisierung dieser Bauten mit den bekannten Bereinigungsfolgen.

LA STRADA – DAS LIED DER STRASSE

Heute wollen wir das Lied der Straße singen. Welches Lied werden sie fragen ? Road to nowhere? Nein, road ist nicht die Straße um die es uns geht, Highway to hell, Autobahn ? Nein, auch die nicht. Streets of London, Baker street ? – Ja, das kommt der Sache näher. Ja, es geht um Strassen in der Stadt. Lieder über die Strasse gibt es im wörtlichen und im übertragenen Sinn. In Letzterem finden sie sich bevorzugt in den immer zahlreicheren Publikationen zum Städtebau. Wir denken an „Strassen für Menschen“ von Bernhard Rudofsky oder Jan Gehls „Leben zwischen Häusern“. Auch Christopher Alexanders „A Pattern Language“ enthält Passagen zur Strasse. Gerade zur Zeit der Erstveröffentlichung der genannten Bücher war der schlechte Ruf der Strasse kaum mehr zu unterbieten. Ihre Qualitäten waren ihr erfolgreich ausgetrieben worden, ihre Wahrnehmung auf Verkehrs-, Transport- und Parkraum reduziert. Ihr Lied, das Lied der Strasse, musste neu angestimmt werden. Ein Prozess der über die vielen Jahre, die seither vergangen sind, als gelungen angesehen werden kann. Alle, wirklich Alle, singen inzwischen das Lied der Straße. Keine Publikation zum Thema die heute nicht die kommunikativen Aspekte der Stadtrasse, ihre Bedeutung als Lebensraum weit über ihre Zirkulations- und Transportfunktion hinaus herausstellen würde.

Die Elogen lassen vermuten, wir lebten im goldenen Zeitalter der Strasse, der Strasse als Lebensraum. Wenn dem so wäre dann müsste sich hierfür eine Entsprechung finden lassen. Indikatoren könnten Entwürfe, insbesondere städtebauliche Entwürfe sein. An dem, was in ihnen zu Papier gebracht wird, lässt sich ablesen und zwar viel unmittelbarer als an wohlfeilen Erläuterungen und Texten, wie Planer und Gestalter denken. Jeder Stadtplaner und Städtebauer hat über Vieles und Komplexes nachzudenken. Vieles davon läuft auf einer offensichtlich bewussten Ebene ab. Wie groß sind meine Baufelder, wo liegen Plätze, Parks, Grünzüge, wie hoch sollen Gebäude sein, wo finden sich Merkpunkte etc, etc. All diese offensichtlich bewussten Überlegungen und Entscheidungen basieren auf Anschauungen und Werten die über Ausbildung, Erfahrung und den gesellschaftlichen Wertekanon in unser Handeln eingeflossen sind und es maßgeblich, aber meist unbewusst beeinflussen. „Ideas we think with“ hat dies Bill Hillier ehemals Professor an der Bartlett School of Architecture and Planning immer genannt, im Gegensatz den den „ideas we think of“, den genannten bewussten Entscheidungen. Jeder zu Papier gebrachte Entwurf ist demzufolge nicht nur auf der Ebene der „ideas we think of“, sondern auch auf der der „ideas we think with“ zu lesen. Genau das ist die Ebene die Auskunft gibt über unsere Wert- oder Geringschätzung, unsere positive, negative oder auch nur ignorante Einstellung zu städtebaulich-gesellschaftlichen Themen.

So weit so gut. Ein Beispiel folgt. Zuvor noch Grundsätzliches.

Das Problem mit der Wahrnehmung und Wertschätzung der Straße liegt tief, an der Wurzel ihrer Existenz . Da ist die Tatsache, dass die Straße unter den städtischen Räumen der Regelfall ist. Stadt konstituiert sich in ihren öffentlichen Räumen. Aus guten Gründen sind das erster Linie lineare Verbindungsräume, ob sie jetzt Strasse, Gasse oder Wege genannt werden. Die Ausnahme, das Besondere im Stadtraum sind, im Gegensatz dazu, Plätze und Parks. So sehr wir Plätze und Parks brauchen und schätzen, ihr ubiquitäres Vorkommen würde den Verlust wesentlicher Eigenschaften, die wir mit Stadt verbinden, nach sich ziehen. Regel und Ausnahme – stehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Exceptio probat regulam oder die Ausnahme bestätigt die Regel, wie wir Alle wissen. Wird die Ausnahme zur Regel ist das Ausgangssubjekt der Regel zerstört. Etwas Neues tritt an seine Stelle. Auf die Strasse bezogen bedeutet dies, dass sie in einer schwierigen Grundkonstellation gefangen ist. Das Gewöhnliche im Gegensatz zum Besonderen. Wir brauchen nicht groß weiter zu grübeln wem, in der Regel, mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Das sind natürliche, aber auch unreflektierte Denk- und Verhaltensweisen. Das Besondere liegt immer im Trend, heute mehr denn je. Trotz der Aufmerksamkeitsdominanz von Platz und Park zog die Strasse schon immer eine Reihe von Konnotationen auf sich. Gefährlich, gemein, laut, schmutzig und dergleichen wurde sie genannt. Auch das verdankt sie der Regelhaftigkeit ihres Vorkommens. Geh nicht auf die Strasse, bleib von der Strasse, sagt man. Denn will man sich in der Stadt bewegen ist die Strasse nicht zu vermeiden, der Platz, der Park als Ausnahme sehr wohl. Das ist mit Sichrheit ein Grund weshalb mit ihr auch alles assoziiert was städtisches Leben ausmacht, im Positiven wie im Negativen. Die Straße ist Stadt – könnte man zwar nicht mit ausschließlicher aber doch einiger Berechtigung sagen. Wenn die Straße aber der Regelfall der Räume in der Stadt ist, dann kann daraus nur folgen, dass sich ein Großteil des städtischen Lebens doch genau dort abspielen muss. Wir gehen nicht nur auf die Straße um uns zu einem Platz zu bewegen und dort unser Leben zu entfalten. Nein, wir leben im Strassenraum. Wir bewegen uns entlang der Strassen, wir begegnen dort allen Arten von Menschen, Fremden, Bekannten, Freunden, wir grüßen, wir reden, wir führen den Hund aus, wir schimpfen auf Auto- und Radfahrer, wir gehen windowshopping. Es ließe sich wohl leicht nachweisen, dass ein sich beutender Teil der Kommunikation außerhalb der vier eigenen Wände in Strassenräumen abspielt.

Das ist die Realität. Unser planerisches Denken sieht vielfach anders aus.

Dort liegt der Fokus immer auf den großflächigeren, besonderen Räumen, den Plätzen und Parks. Was dazwischen stattfindet, entzieht sich unserer Aufmerksamkeit. Eine paradigmatische Art zu denken. Eine Art zu denken deren Auswirkungen bei sensibilisierter Wahrnehmung täglich zu spüren sind. Nur die Gewohnheit schüzt uns vor täglichem Gram, hat sie uns doch schon so abgeschliffen, dass wir nur noch selten spüren welche Defizite uns aufgenötigt werden. Ein Mangel an Platz, eine funktionale Aufteilung die alles andere als entfaltungsfreundlich ist, die Aufenthaltsqualität eines Transitraumes mit Kurzkommunikationserlaubnis im Sinne einer Kurzparkzone. Bitte hier nur kurz stehen, kurz sprechen, kurz küssen, sitzen nur unter Konsumzwang, den Fluss der Verkehrsströme nicht behindern, weitergehen, weiterfahren, nächster Platz in nur 50m Entfernung, bitte dort zu leben ! All dies gelesen und aufgenommen ist schon mancher Planer zu einem naheliegenden Schluß gekommen – nur noch Folgen von Platzräumen zu bauen. Das aber hieße wohl das Kind mit dem Bad ausschütten. Eine “ gewöhnliche“ Stadtstraße hat Qualitäten, die uns ob ihrer Alltäglichkeit gar nicht mehr auffallen. Eine davon ist der unmittelbare Bezug der beiden Strassenseiten zueinander. Das ist ein wesentlicher Charakterzug der die Straße vom Platz unterscheidet. Deshalb braucht die Straße vielleicht mehr Platz, oder andere Platzzuteilungen, aber nicht um räumlich zum Platz zu mutieren.

Betrachten wir das versprochene Beispiel. Es gibt solche Raumgebilde. Ein Beispiel, die vielfach publizierte Kaiserau in Bozen. Hier spannen dichte, polygonale Blöcke, mit in der Regel fünfgeschossigen Gebäuden, zwischen sich ebensolche polygonale Raumfolgen anstelle klassischer Strassen auf. Entstanden ist dabei ein schwer begrifflich zu fassendes Etwas, das weder Strasse noch Platz ist. Ein stadträumlicher Alien, garniert mit viel Grün, diffus im Charakter. Die allfälligen landschaftsarchitektonischen Inszenierungen sind dabei nur Ausdruck der Hilflosigkeit was denn mit all dem Raum anzufangen wäre. Die einzigen Räume die etwas Städtisches entfalten sind hier die Innenhöfe der Blöcke. Kompakt und dicht, mit Bezug zu Eingängen, zu den Hausfassaden und den Balkonen. Ob man allerdings bei dem Großangebot an Raum drumherum so nahe aufeinander leben möchte fragt man sich.

Das Lied der Straße ist schnell angestimmt, mit Inbrunst von Allen gesungen und ebensoschnell wieder verhallt. Eine schöne Melodie, gerne gehört aber nur gegen titanische Widerstände in erlebbare Realität umgesetzt. Das beginnt beim universellen funktionalen und ökonomischen Denken, gefolgt von der Phantasie- und Mutlosigkeit politischer Entscheidungsträger, gefolgt von der Verantwortungslosigkeit der Fahrzeugindustrie mit ihrem wohlfeilen Angebot platzaasender Privatpanzer, gefolgt von der Gedankenlosigkeit und dem Egoismus derjenigen, die den Raum vor Ihrer Hasutüre als privaten Abstellraum betrachten, endend bei den Gedankenautobahnen in den Hirnwindungen von uns Planern. Wem also gehört die Strasse? Allen? Ja, theoretisch. Wie alles aber, was in einer Gesellschaft allen gehört, ist darüber gesellschaftlich zu verhandeln – permanent. Was wir hier sehen und täglich erleben ist nichts anderes als Ausdruck dieses Verhandlungsprozesses. Vieles davon ist, ob sinnhaft oder nicht, auch noch von großer Dauerhaftigkeit. Denken Sie nur daran, dass beispielsweise in München, in den attraktivsten Stadtvierteln, immer noch Einbahnstrassen zur Verkehrsbeschleunigung existieren, denken sie an das Fehlen von Sitzgelegenheiten und ganz banal von Abfalleimern, denken sie an die jahrelang geübte Münchner Praxis den Platzbedarf für fehlende Radwege zu Lasten der Gehwege zu regeln. Wenn sie von nun an aufmerksam hinsehen wird ihnen noch Einiges mehr auffallen. Der Kampf um den Lebensraum Strasse ist ein permanenter, kein rein planerischer, sondern ein gesellschaftlicher. Nachdenken über den Regelfall, das Alltägliche, die Strasse, lohnt sich. Gewinner könnten die Stadtbewohner und somit die Stadtgesellschaft sein.

DAS GROSSE GESCHREI

München braucht einen neuen Konzertsaal, München braucht keinen neuen Konzertsaal ! München bekommt einen neuen Konzertsaal, München bekommt einen alten, neuen Konzertsaal ! München blamiert sich, ist bieder und langweilig sowieso ! Der Ministerpräsident verspricht einen neuen Konzertsaal, der Ministerpräsident will aber trotzdem keinen neuen Konzertsaal, ! Die Landeshauptstadt will ihre Ruhe ! Promis jeder Couleur müssen einen neuen Konzertsaal haben, sonst sehen sie sich genötigt München umgehend verlassen und vermutlich nach Hamburg oder Berlin oder gar ins Ausland auszuwandern. Der unvermeidliche kulturelle Supergau steht dann folgerichtig vor der Tür. Auch Architektenkollegen wollen nicht abseits stehen und liefern Beiträge. Manche so brillant, dass man, kämen dieselben Entwürfe von Studenten, diese postwendend zum gründlichem Nachdenken nach Hause geschickt würden. Wir sind gefordert hier Nachsicht zu üben, geht es doch um Dinge die uns Alle beschäftigen, um Aufmerksamkeit, um den Namen in der Presse, um die notwendige Publicity. Sachzwänge, da kommt man halt nicht dran vorbei. Peinlich ? War gestern !

Was also will man zu dem Ganzen hin und her eigentlich noch anmerken, was nicht ohnehin schon zigmal gesagt wurde ?

Braucht München einen weiteren Konzertsaal ? Vermutlich ! Wie und an welcher Stelle sich das am Besten bewerkstelligen lässt kann durch solide Voruntersuchungen geklärt werden. Zur Findung einer außergewöhnlichen Lösung gibt es bestens erprobte, kompetitive Verfahren. Dass davor über den richtigen Weg diskutiert oder auch gestritten wird ist richtig und normal. Dass mit dem Kulturzentrum am Gasteig schon lange kein Kulturschaffender auch nur irgendetwas zu tun haben möchte verwundert auch nicht. Geliebt wurde es ja noch nie. Jetzt aber scheint es ein Lepröser oder gar der Ebolapatient unter den Münchner Kulturbauten geworden zu sein. Vorsicht Ansteckungsgefahr !

Wenn einem das vielstimmige Geschrei noch erlaubt grundsätzlich über die Forderung nach immer Neuem nachzudenken dann könnte man möglicherweise zu der Erkenntnis gelangen wes Geistes dieses und anderes Geschrei nach immer Neuem, unter Ausschluss der Weiterverwendung von Vorhandenem, ist. Das ist der Geist des Überflusses !

Noch brummt die Wirtschaft und die Einnahmen der öffentlichen Hand steigen scheinbar ständig. Wie lange mag das so weitergehen? Ewig jedenfalls nicht. Wer ständig Neues baut, seien es Museen, seien es andere öffentliche Bauten oder auch nur gewöhnliche Infrastrukturbauten wie Straßen und Brücken, der kommt nicht umhin, diese auch zu pflegen, zu reparieren, zu erneuern. Das geht aber nur wenn die Einnahmen zunehmen, zunehmen, und immer weiter zunehmen. Mehr Bauten bedeuten mehr Unterhalt und mehr erforderliche finanzielle Mittel über lange Jahre. Gehen die Einnahmen zurück, stehen profane, ebenso wie herausragende Bauten, immer noch da und wollen betrieben und unterhalten werden. Dann ist guter Rat meist teuer. Dann legen wir sie erstmal vorläufig still, müssen sie, wenn sich nichts ändert, am Besten still und leise, verkommen lassen, um sie letztendlich wieder abzureissen. Ein fraglicher Kreislauf.

Wenn München einen neuen Konzertsaal braucht und vermutlich auch bekommt, dann muß er in allen Belangen auf der Höhe der Zeit sein und sich Innen wie Außen als Highlight, als architketonische Ikone präsentieren. Der intendierten Höchstqualität der musikalischen Darbietung muß die Qualität der Architektur entsprechen. Da soll und darf nicht ausgerechnet die Architektur hintanstehen.

Was allerdings ein Highlight, eine architektonische Ikone, ist, welche Eigenschaften sie aufweisen, wo und wie sie ikonisch wirken sollte, darüber müsste längst fachlich und öffentlich diskutiert werden. Heute sind derartige Ikonen leider allzu häufig nach dem HdM-muster oder Hadid-mascherl gestrickt – höchster Erstellungsaufwand und aufgrund der baulichen Komplexität ein ebensolcher Unterhaltsaufwand. Wer einmal auf der Baustelle der Elbphilharmonie war und die unglaubliche Diskrepanz zwischen der eleganten Raumschöpfung und der dafür erforderlichen baukonstruktiven Qual gesehen hat, kann ein Lied davon singen. Was lernen wir daraus ? Wohl nichts ! Das Motto ist und bleibt – wer kann der kann ! Wenn wir ehrlich sind, können wir, langfristig betrachtet, eigentlich nicht. Deshalb ist weniger, intelligenter, einfacher und nachhaltiger bauen die Forderung der Stunde. Das sind die Themen über die generell und ganz besonders im Zusammenhang mit Architekturikonen, wie z.B. herausragenden Konzertsälen, dringend nachzudenken ist.

Zum Schluss soll nicht vergessen werden, dass dieses Konzertsaalprojekt wieder eines ist, das in erster Linie der ohnehin hochsubventionierten und elitären „Hochkultur“ zugute kommt. Niemand stellt dabei deren Existenzberechtigung in Frage. Die Frage aber, wohin begrenzte öffentliche Budgets fließen, darf und muss auch einmal in diesem Zusammenhang gestellt werden. Der kulturelle Supergau tritt deshalb noch lange nicht ein.

SEXY SHAPE URBANISM – Neuer Städtebau in München

 

Städtebau ist schon seit Jahren in aller Munde. Publikation folgt Publikation. Wir lesen u.a. von der amalgamen, von der kreativen, oder gar der kontrollierten Stadt um nur einige der wichtigsten Publikationstitel zu nennen. Die Aufmerksamkeit die dem Städtebau derzeit zuteil wird ist ein Hinweis auf die längst überfällige gesellschaftliche Erkenntnis seiner Bedeutung und damit ein positives Zeichen.

Ebenso wie das vorangegangene, lange gesellschaftliche Desinteresse bleibt auch die große und beinahe überbordende Aufmerksamkeit nicht ohne Folgen. Ein Trend, der sich in der Architektur schon lange durchgesetzt hat, scheint auf den Städtebau übergegriffen zu haben. Es geht dabei um ein Phänomen, das sich am allerbesten an den Wettbewerbsentwürfen ablesen lässt, die von größeren Restriktionen und Einflußnahmen noch nicht verbogen wurden. Gemeint ist die Aufmerksamkeitsabsicht (Aufmerksamkeitsintentionalität) die sich zunehmend an den Entwürfen ablesen lässt. Hier ist das Ziel des Entwurfs nicht mehr allein die Findung der besten Lösung einer Aufgabe an einem spezifischen Ort, sondern eine auffallende Andersartigkeit und Ungewohntheit.

Wie gesagt, die Architektur kennt das schon seit langem, und wir lernen damit zu leben, mit den allerorten hervorsprießenden Unikaten auch an Stellen, wo man sie mit stupender Verwunderung wahrnimmt. Einiges ist wirklich faszinierend, anderem sieht man die Qualen an, unter denen es durch die Hirnwindungen gepresst wurde. Selbst die faszinierendsten Projekte legen den Gedanken nahe, ob es sich hier wirklich um angemessene Lösungen der gestellten Aufgabe handelt. Jedes Bürohaus ein exaltiertes Eventgehäuse mit Piranesischen Raumfolgen, jede Universitätsfassade ein sich tentakelhaft windendes Relief, das in dunklen Stunden Übergriffe befürchten lässt.

 

shape rules

Dass eine Disziplin wie der Städtebau in diesem Punkt nicht lange abseits stehen kann, steht außer Frage, sind doch die hier aktiven Kollegen alle Teil einer Architektenschaft, die sich medial präsentieren und vermarkten muss. Im Städtebau geht es im allgemeinen um Konzepte, die Strukturen, Raumfolgen und Bebauungen vorschlagen, die über einen meist längeren Zeitraum hinweg realisiert werden sollen. Eine allzu prägnante, expressiv-formale Ausprägung vorgeschlagener Strukturen stellt, das leuchtet schnell ein, schon allein aufgrund der begrenzten Halbwertszeit expressiver Formen einen Widerspruch zum zeitlich gestreckten Realisierungshorizont städtebaulicher Planungen dar.

Natürlich kann man darauf verweisen, dass es solche Entwürfe schon immer gab. Man denke nur an Peter Eisenmans Rebstockpark in Frankfurt (grandios gescheitert) oder den preisgekrönten Entwurf von Liebeskind für die Landsberger Allee / Rhinstraße in Berlin. Diese waren jedoch zu ihrer Zeit Ausnahmeerscheinungen. Jetzt aber scheinen die Ausnahmen zur Regel zu werden. Wir stehen offenbar an einer Schwelle, an der Städtebau in den Strom kreativer Formfindung gerät. Das ist ein Paradigmenwechsel, denn bisher war die kreative Formfindung stets dem strukturstiftenden Städtebau nachgeordnet.

 

Münchens „Sprung nach vorn“

München, bisher eher mit dem Image „konventioneller“ Städtebaustrategien versehen, schickt sich scheinbar an, dieses mit einem großen Sprung nach vorn ablegen zu wollen. Belege sind in den letzten Jahren entschiedene, allerdings damit noch lange nicht realisierte 1. Preise von Wettbewerben wie „Leben in urbaner Natur“ 1: eine sich wurmartig, vielfach schlängelnde Bebauung aus vier Großformen mit unterschiedlichen Gebäudehöhen, durchzogen von parkartigem Grün, oder die Paul-Gerhart-Allee: polygonale Blöcke, unterschiedliche Bauformen aufnehmend, zwischen denen sich in der Mehrzahl dreiecksförmige bis polygonale Freiräume in kurzer Folge aneinanderreihen, und erst kürzlich die Wohnsiedlung an der Ludlstraße: eine Lärmschutzbebauung, die sich u-förmig um ein Baugebiet an der Autobahn nach Lindau legt. Nach außen bleiben die Raumkanten noch relativ ruhig, wenn auch nicht geradlinig, nach innen jedoch bilden sie dreiecksförmige Ausbuchtungen und polygonale Nasen, innerhalb des u-förmigen Gesamtgebildes sind pentagonale Punkthäuser gleichmäßig verteilt und von einer ca. in Mitte und in Längsrichtung des langrechteckigen Grundstücks verlaufenden Erschließungsstraße durchziehen Wohnwege, sich netzartig um die Punkthäuser legend, das Baufeld beidseits der Erschließungsstraße.

 

Sexy shapes

Alle diese Entwürfe zeichnen sich durch klar definierte aber auch sehr spezifische architektonische und städtebauliche Formen – sexy shapes – aus. Alle gewinnen ihren Reiz durch die Andersartigkeit dieser Formen und alle verlieren ihren Reiz, wenn diese Formen so nicht umgesetzt werden. Die ausgebildeten Räume nehmen zwar die Erschließungsstraßen noch auf, die Raumbehandlung ist jedoch nicht mehr auf die Definition von Straßenräumen ausgerichtet. Vielmehr liegt die Straße als Band in einem fließenden Raum, der mit anderen Räumen, seien es Hof- oder seien es Platzräume zusammenfließt. Was dabei als Hof oder Platz definiert wird, folgt mehr der Logik eines grafischen Musters denn einer räumlichen Logik. Wichtig scheint, dass es entgegen dem klassischen städtebaulichen Muster mehr Platzräume als Straßenräume gibt. In München steht mit Jürgen von Gagerns Städtebau um den Westpark ein realisiertes Beispiel. Schlängelnde Baufiguren umschließen nach außen u-förmig den Park. As hier besticht ist die Anbindung an den Park. Städtische Qualitäten, wie sie ganz „banale“ Strassen und Plätze liefern, finden wir hier nur in dem Zentrumssurrogat am nördlichen Kopfende. Ein Stück Stadt aus Randbebauung, viel Park und Einkaufszentrum. So baut man, wenn man Stadt als eine Aneinanderreihung von Versatzstücken versteht, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie durch umgebende, meist abweisende Hauptstraßen und vielleicht noch durch Grünzüge verbunden sind.

 

Zurück zu sexy shape. Ein hervorstechendes Kennzeichen dieser Entwürfe ist ihre Fremdkörperhaftigkeit mit der sie in ihre Umgebung gesetzt sind. Ist diese banal und von mediokrer Architektur geprägt, scheint das den Bestand in den Augen der Planer derart zu stigmatisieren, dass er nicht einmal des strukturellen Weiterbauens für würdig befunden wird. Verlorengegangen ist auch die klassische Straße als lebenswerter Stadtraum. Sie scheint in der Gedankenwelt vieler Planer nicht mehr vorzukommen und in dem Bestreben nach Auffälligem, das viele Wettbewerbe derzeit beherrscht, als wenig erfolgversprechende Strategie eingeschätzt zu werden. Betrachtet man die angesprochenen Lösungen unter dem Aspekt, dass sie letztlich auch nur Interpretationen dessen sind, was in der Gesellschaft gefragt oder nachgefragt wird, dann lässt sich daraus unter anderem ein Bedürfnis nach Distanz herauslesen. Denn die dort angebotenen und die Entwürfe kennzeichnenden großen Zwischenräume werden zwar als Kommunikationsräume verkauft, schaffen aber zuerst Distanz, die für aktive Kommunikation überwunden werden muss.

 

Neu und bewährt

Der Wert des „Neuen“ ist in den Zeiten, in denen Leistungen mit Aufmerksamkeitswährung vergütet werden, nicht zu unterschätzen. Neues will und sollte jedoch gut durchdacht sein, bevor Altbewährtes über Bord geworfen wird. Neues ist, vor allem im Städtebau, meist gar nicht neu, sondern hat oft einen „Innovationswert“, der in der Vergangenheit liegt. Ein Blick in die Geschichte städtebaulicher Versuche und Experimente ist hier immer hilfreich. Hilfreich aber nur dann, wenn man die Dinge vor Ort studiert oder sich zumindest aktueller Studien bedient. Andernfalls läuft man Gefahr, die Elogen der noch ungeprüften Anfangsjahre oder deren ständiger Repetition aufzusitzen und das noch nach vielen Jahren, in denen die Realität schon längst ein völlig anderes Bild hervorgebracht hat. Als Beispiele seien hier nur das notorische Marquess Road Estate oder das Brunswick Centre in London genannt. Beispiele, denen in Publikationen und Führern mit den immer gleichen Sätzen gehuldigt wurde, obwohl sie in London schon längst als soziale Problempunkte (Marquess Road Estate) oder muggers paradise (Brunswick Centre) notorisch bekannt waren.

 

Neu, urban und sexy

Dass sexy shape nicht notgedrungen mit dem Aus kippen urbaner Qualitäten einhergehen muss, zeigt die inzwischen wohl schon jedem bekannte Kabelwerkbebauung in Wien. Auf den ersten Blick stechen auch hier die sexy shapes ins Auge. Hat man das Projekt vor Ort besucht und ist man bereit, die formale Exuberanz hinter sich zu lassen, werden schnell andere Eigenschaften evident. Hier wurde sehr bewusst Einbindung betrieben, und zwar strukturell und nicht formal. Schon das selbst gewählte Motto des Projektes „Kabelwerk – ein Stück Stadt“ kündet davon. Neues und Altes, obwohl formal kaum unterschiedlicher denkbar, folgen einer Übereinkunft, die da lautet: Wir sind Stadt, wir wollen Stadt sein und so verhalten wir uns auch. Wir definieren Wegeverbindungen als Räume, wir wenden uns ihnen mit unseren Fassaden und Eingängen zu, wir glauben, dass Straßen und Wege nicht nur Transporträume sondern wichtige Kommunikationsräume sind. Bestand muss nicht auf Distanz gehalten, sondern integriert werden, egal wie gut oder schlecht seine Architektur derzeit bewertet wird. Stadt lebt von Verbindungen, die sich zu Netzen frei zugänglicher Räume verknüpfen und von fließenden Übergängen der Bebauungen. Brüche müssen nicht künstlich geschaffen werden, es gibt schon durch schwer überwindliche Infrastruktur- und Landschaftselemente genug davon.

 

Einen Konsens bezüglich guten und angemessenen Städtebaus werden wir nur sehr schwer herstellen können. Wir werden mit Fehlschlägen und Fehleinschätzungen leben müssen. Umso wichtiger ist es zurückzublicken in die unmittelbare und weitere Vergangenheit, um nicht von einem Fehler in den nächsten zu stolpern, um uns nur dann von der sexyness des scheinbar Neuen verführen zu lassen, wenn sie auch wirklich die Qualitäten bietet, die ihr schickes Layout verspricht.

 

Sexy shapes sind gefragt in München – vor Fehlern bewahren sie nicht.

 

 

1 2. Preis im Gutachterverfahren, wird jedoch umgesetzt.