DAS GROSSE GESCHREI

München braucht einen neuen Konzertsaal, München braucht keinen neuen Konzertsaal ! München bekommt einen neuen Konzertsaal, München bekommt einen alten, neuen Konzertsaal ! München blamiert sich, ist bieder und langweilig sowieso ! Der Ministerpräsident verspricht einen neuen Konzertsaal, der Ministerpräsident will aber trotzdem keinen neuen Konzertsaal, ! Die Landeshauptstadt will ihre Ruhe ! Promis jeder Couleur müssen einen neuen Konzertsaal haben, sonst sehen sie sich genötigt München umgehend verlassen und vermutlich nach Hamburg oder Berlin oder gar ins Ausland auszuwandern. Der unvermeidliche kulturelle Supergau steht dann folgerichtig vor der Tür. Auch Architektenkollegen wollen nicht abseits stehen und liefern Beiträge. Manche so brillant, dass man, kämen dieselben Entwürfe von Studenten, diese postwendend zum gründlichem Nachdenken nach Hause geschickt würden. Wir sind gefordert hier Nachsicht zu üben, geht es doch um Dinge die uns Alle beschäftigen, um Aufmerksamkeit, um den Namen in der Presse, um die notwendige Publicity. Sachzwänge, da kommt man halt nicht dran vorbei. Peinlich ? War gestern !

Was also will man zu dem Ganzen hin und her eigentlich noch anmerken, was nicht ohnehin schon zigmal gesagt wurde ?

Braucht München einen weiteren Konzertsaal ? Vermutlich ! Wie und an welcher Stelle sich das am Besten bewerkstelligen lässt kann durch solide Voruntersuchungen geklärt werden. Zur Findung einer außergewöhnlichen Lösung gibt es bestens erprobte, kompetitive Verfahren. Dass davor über den richtigen Weg diskutiert oder auch gestritten wird ist richtig und normal. Dass mit dem Kulturzentrum am Gasteig schon lange kein Kulturschaffender auch nur irgendetwas zu tun haben möchte verwundert auch nicht. Geliebt wurde es ja noch nie. Jetzt aber scheint es ein Lepröser oder gar der Ebolapatient unter den Münchner Kulturbauten geworden zu sein. Vorsicht Ansteckungsgefahr !

Wenn einem das vielstimmige Geschrei noch erlaubt grundsätzlich über die Forderung nach immer Neuem nachzudenken dann könnte man möglicherweise zu der Erkenntnis gelangen wes Geistes dieses und anderes Geschrei nach immer Neuem, unter Ausschluss der Weiterverwendung von Vorhandenem, ist. Das ist der Geist des Überflusses !

Noch brummt die Wirtschaft und die Einnahmen der öffentlichen Hand steigen scheinbar ständig. Wie lange mag das so weitergehen? Ewig jedenfalls nicht. Wer ständig Neues baut, seien es Museen, seien es andere öffentliche Bauten oder auch nur gewöhnliche Infrastrukturbauten wie Straßen und Brücken, der kommt nicht umhin, diese auch zu pflegen, zu reparieren, zu erneuern. Das geht aber nur wenn die Einnahmen zunehmen, zunehmen, und immer weiter zunehmen. Mehr Bauten bedeuten mehr Unterhalt und mehr erforderliche finanzielle Mittel über lange Jahre. Gehen die Einnahmen zurück, stehen profane, ebenso wie herausragende Bauten, immer noch da und wollen betrieben und unterhalten werden. Dann ist guter Rat meist teuer. Dann legen wir sie erstmal vorläufig still, müssen sie, wenn sich nichts ändert, am Besten still und leise, verkommen lassen, um sie letztendlich wieder abzureissen. Ein fraglicher Kreislauf.

Wenn München einen neuen Konzertsaal braucht und vermutlich auch bekommt, dann muß er in allen Belangen auf der Höhe der Zeit sein und sich Innen wie Außen als Highlight, als architketonische Ikone präsentieren. Der intendierten Höchstqualität der musikalischen Darbietung muß die Qualität der Architektur entsprechen. Da soll und darf nicht ausgerechnet die Architektur hintanstehen.

Was allerdings ein Highlight, eine architektonische Ikone, ist, welche Eigenschaften sie aufweisen, wo und wie sie ikonisch wirken sollte, darüber müsste längst fachlich und öffentlich diskutiert werden. Heute sind derartige Ikonen leider allzu häufig nach dem HdM-muster oder Hadid-mascherl gestrickt – höchster Erstellungsaufwand und aufgrund der baulichen Komplexität ein ebensolcher Unterhaltsaufwand. Wer einmal auf der Baustelle der Elbphilharmonie war und die unglaubliche Diskrepanz zwischen der eleganten Raumschöpfung und der dafür erforderlichen baukonstruktiven Qual gesehen hat, kann ein Lied davon singen. Was lernen wir daraus ? Wohl nichts ! Das Motto ist und bleibt – wer kann der kann ! Wenn wir ehrlich sind, können wir, langfristig betrachtet, eigentlich nicht. Deshalb ist weniger, intelligenter, einfacher und nachhaltiger bauen die Forderung der Stunde. Das sind die Themen über die generell und ganz besonders im Zusammenhang mit Architekturikonen, wie z.B. herausragenden Konzertsälen, dringend nachzudenken ist.

Zum Schluss soll nicht vergessen werden, dass dieses Konzertsaalprojekt wieder eines ist, das in erster Linie der ohnehin hochsubventionierten und elitären „Hochkultur“ zugute kommt. Niemand stellt dabei deren Existenzberechtigung in Frage. Die Frage aber, wohin begrenzte öffentliche Budgets fließen, darf und muss auch einmal in diesem Zusammenhang gestellt werden. Der kulturelle Supergau tritt deshalb noch lange nicht ein.