Die Sowiesos

Die Sowiesos
Stadtkritik – VIII

Es gibt sie noch. die Leute die brav ihre Steuer zahlen, die bei rot an der Ampel stehenbleiben, die den ausgeschilderten Preis einer Ware anstandslos bezahlen, die noch kulturellen Content für Geld kaufen. Das sind die, mit denen man immer rechnen kann, auf die man immer zählen kann. Eine Verfügungsmasse die gebraucht wird um die Dinge am Funktionieren zu halten, auf die man gleichzeitig wenig Rücksicht nehmen muss. Das sind die Sowiesos. Kein gesellschaftlicher Bereich der nicht auf sie angewiesen wäre, der ohne sie funktionieren würde. Auffällig, nein, auffällig werden sie nie, da muss man keine Angst haben.

Diejenigen die uns hier interessieren sind die Sowiesos des öffentlichen Raumes – die Fußgänger.

Gibt es nicht Fußgängerzonen, wird nicht ständig über die Qualität des öffentlichen Raumes diskutiert, werden sie fragen. Ja, aber sicher, ist die Antwort.

Trotzdem betrachtet man die Flächenzuteilungen im öffentlichen Raum, betrachtet man aktuelle Diskussionen so kommt der Sowieso-Fußgänger meist nur beiläufig vor. Meist geht es um Verbesserung der Bedingungen für Radfahrer, um die Qualität des Autoverkehrs etc. pp. Obwohl, oder vielleicht gerade weil die Fußgänger immer da, immer verfügbar und für ein städtisches Leben unverzichtbar sind, sind die Einschränkungen denen sie sich unterwerfen müssen kaum alle zu benennen – fahrende und parkende Autos, allüberall, Radfahrer, denen man das Fahren auf den Gehwegen anerzogen hat, was sie in ihrer anarchischen Gutmenschenmentalität gerne angenommen haben und inzwischen als ihr verbrieftes Recht betrachten. Jammern über all diese Misslichkeiten die sich im öffentlichen Raum unserer Städte zuungunsten der Fußgänger eingeschlichen haben hilft nicht viel. Umdenken und aktiv dagegen vorgehen, heißt es !
Bei der Betrachtung und Behandlung aller Menschen, die sich im öffentlichen Raum bewegen, muss endlich Gleichberechtigung herrschen. Beobachten sie sich selbst, beobachten sie wie der Missbrauch von Flächen im öffentlichen Raum sie selbst schon konditioniert hat. Gehen sie auf einem Gehweg, der nur ein bisschen breiter als minimal ist und der es beispielsweise dem Radfahrer ermöglicht ohne abzusteigen zu nächsten Ampel zu gelangen, so wird die Mehrzahl der Radmenschen die Möglichkeit nutzen und selbstverständlich den shortcut über den Gehweg nehmen. Beobachten sie sich selbst, wie sie reagieren. Natürlich passt ihnen das überhaupt nicht. Gelegentlich murren sie auch wenn wieder einer von hinten an ihnen vorbeizischt, dennoch werden sie feststellen, dass sich bei ihnen eine Verhaltensweise einstellt, die dazu führt, dass man am Rand des Gehweges geht obwohl man genausogut in der Mitte gehen könnte. Das ist die Konditionierung der Sowiesos. Sie funktioniert im Alltag, sie funktioniert auch in der Planung. Da ist zuerst die offensichtliche Missachtung, da ist, nicht weniger bedeutsam, ein eingeschliffener falschgewichteter Diskurs. Haben sie schon jemals erlebt, dass im Zusammenhang mit den Beteiligten im öffentlichen Raum über die Qualität des Gehens gesprochen wurde. Nein, der Fokus liegt auf dem Aufenthalt, dem Verweilen auf Bänkchen und Cafestühlchen, auf Grünflächen oder neuerdings Sitzpodesten. Das ist genauso fragwürdig wie die obsessive Fokussierung mit dem Platz und dem Park als öffentliche Räume bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Strasse oder Gasse. Ich behaupte hier und damit stehe ich vermutlich nicht allein, dass das Gehen, die täglichen Wege zu Fuß in der Stadt weit mehr zum öffentlichen Leben beitragen als jeder nochsogut gestaltete Platz. Auf dem Weg zu Fuß werden mehr Kontakte realisiert, wird mehr gesehen und mehr kommuniziert als anderswo. Die Qualität der Räume in denen wir uns bewegen, wieviel Platz wir dort haben, wieviel Möglichkeiten uneingeschränkt durch andere stehenzubleiben, mit Bekannten oder manchmal auch Unbekannten zu reden, uns auszutauschen, unbedrängt Auslagen anzusehen oder auch nur stehenzubleiben um einen Anruf entgegenzunehmen, das ist ein wesentlicher Faktor für die Lebensqualität unserer Umwelt, unseres Stadtteiles, unseres Wohnumfeldes.

Natürlich ist der Verteilungskampf um das knappe Gut öffentlicher Raum hart. Jeder der Beteiligten hat Ansprüche, die er auch entsprechend begründen kann. Der eine wirtschaftlich – der Verkehr muss schon aus ökonomischen Gründen fliesen, die Geschäfte gehen ein wenn man nicht vor der Türe parken kann, der andere aus Umweltgründen – Fahrradfahren vermeidet Schadstoffausstoß und Umweltverschmutzung und muss bevorzugt werden. Alles richtig. Alles wichtig. Und Fußgänger ? Na ja, die sind halt da, sowieso da. Da muss man sich doch nicht viel drum kümmern. Da gibt es doch viele schöne Plätze zum Verweilen und Ausruhen. Ja und dazwischen ? Da muss man halt durch, wie man so schön sagt. Ein Blick auf Flächenstatistik beleuchtet frappierende Verhältnisse. Ein fahrendes Auto braucht statistisch gesehen 140 m2 Platz, ein Radfahrer ca. 40 m2 ein Fußgänger ca. 1m2. Das Missverhältnis, das hier zum Ausdruck kommt spricht für sich. Wenn es dann in die Diskussion über dieses Missverhältnis geht, kommt zwischen Auto und Radverkehr und sonstigen Fahrvehikeln der Fußgänger ganz schnell unter die Räder. Fortbewegung ist in unserem Denken permanent aufs Rad fixiert. Vom Auto, über das Fahrrad, das E-Bike, den Cityroller, den Segway uns sonstige „selbststabilisierende“ Radmodelle. Sie sind vermeintlich schnell, bequem und bestenfalls auch noch chic und strahlen Modernität aus, erwecken Aufmerksamkeit und last but not least schaffen Verkaufsmodelle, bilden wesentliche Wirtschaftszweige. Dagegen sieht der Fußgänger arm und rückständig aus.
Nichtsdestotrotz ist zufußgehen die menschliche Fortbewegung schlechthin. Der Mensch ist entwicklungsgeschichtlich ein Läufer. Heißt, der Mensch braucht die fußläufige Art der Bewegung für seine körperliche Gesundheit. Was könnte also naheliegender sein als diese mit all den weiteren positiven Effekten auch entsprechend zu fördern. Je angenehmer es empfunden wird Erledigungen und Wege in der Stadt zu Fuß zu bewerkstelligen desto öfter wird das auch geschehen. Kleine Anfänge ziehen größere Kreise. Qualität macht von sich reden und findet Nachahmer. So entstehen Trendwenden.
Beginnen muss dies mit einer Korrektur unserer Betrachtungsweise des Fußgängers – die Essenz seiner Bedeutung liegt in der vergleichsweise langsamen Fortbewegung, die Kontakt, ob nun tatsächlich kommunikativ verwirklicht, oder nur visuell vollzogen am allerbesten ermöglicht, die die Wahrnehmung, auch von Details und Veränderungen unserer alltäglichen Umgebung möglich macht.
Unausweichlich ist auch die Korrektur von Flächenzuweisungen für die Nutzer des öffentlichen Raumes zugunsten derer die die Mehrheit darstellen und am meisten zu seiner Lebendigkeit und Lebenswertheit beitragen, gefolgt von den platzsparendsten radgebundenen Verkehrsmitteln. Auf gut deutsch eine Umkehr der aktuell gültigen Flächenverteilung. Das ist ein permanenter Kampf der offensiv geführt werden muss. Argumente und Beispiele wie dies gelingen kann gibt es inzwischen genug. Der Platz auf dem Stadtboden gehört den Fußgängern, Radfahrer werden toleriert. Alle die sich im Lebensraum Stadt bewegen haben dies mit einer angemessenen Geschwindigkeit zu tun. Die liegt unter 30 Stundenkilometern.
Was uns sonst noch abhält zu Fuß zugehen sind mentale Sperren, die uns anerzogen wurden – automobile Muttermilch. Entfernung ist nicht nur real vorhanden und messbar, im Zusammenhang mit menschlichem Verhalten hat sie eine gewichtige mentale Komponente. Gespräche über Destinationen, die man zu Fuß erreichen könnte, wie Innenstadt, Kino oder Kneipe, offenbaren in der Regel krasse Fehleinschätzungen der Laufzeiten. Mentale Sperren münden häufig in die Floskel nahezu jede Entfernung die über das unmittelbare Wohnumfeld hinausgeht sei doch viel zu weit um sie zu Fuß, ohne Schweißausbruch mit folgender sozialer Stigmatisierung und völlige physische Erschöpfung bewältigen zu können. Da spürt man wie sehr unsere automobile Konditionierung unseren Lebensalltag durchdrungen hat.
Überwindung, Umkehr ist nicht einfach, aber möglich. Man muss sie nur von mehreren Seiten gleichzeitig angehen. Förderung der individuellen Gesundheit, Steigerung der Lebensqualität im Alltag des Wohn- und Stadtumfeld sind gewichtige Argumente aus denen Bewegungen im besten Sinne des Wortes entstehen könnten. Abstimmung mit den Füßen tut not.

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DAS GROSSE GESCHREI

München braucht einen neuen Konzertsaal, München braucht keinen neuen Konzertsaal ! München bekommt einen neuen Konzertsaal, München bekommt einen alten, neuen Konzertsaal ! München blamiert sich, ist bieder und langweilig sowieso ! Der Ministerpräsident verspricht einen neuen Konzertsaal, der Ministerpräsident will aber trotzdem keinen neuen Konzertsaal, ! Die Landeshauptstadt will ihre Ruhe ! Promis jeder Couleur müssen einen neuen Konzertsaal haben, sonst sehen sie sich genötigt München umgehend verlassen und vermutlich nach Hamburg oder Berlin oder gar ins Ausland auszuwandern. Der unvermeidliche kulturelle Supergau steht dann folgerichtig vor der Tür. Auch Architektenkollegen wollen nicht abseits stehen und liefern Beiträge. Manche so brillant, dass man, kämen dieselben Entwürfe von Studenten, diese postwendend zum gründlichem Nachdenken nach Hause geschickt würden. Wir sind gefordert hier Nachsicht zu üben, geht es doch um Dinge die uns Alle beschäftigen, um Aufmerksamkeit, um den Namen in der Presse, um die notwendige Publicity. Sachzwänge, da kommt man halt nicht dran vorbei. Peinlich ? War gestern !

Was also will man zu dem Ganzen hin und her eigentlich noch anmerken, was nicht ohnehin schon zigmal gesagt wurde ?

Braucht München einen weiteren Konzertsaal ? Vermutlich ! Wie und an welcher Stelle sich das am Besten bewerkstelligen lässt kann durch solide Voruntersuchungen geklärt werden. Zur Findung einer außergewöhnlichen Lösung gibt es bestens erprobte, kompetitive Verfahren. Dass davor über den richtigen Weg diskutiert oder auch gestritten wird ist richtig und normal. Dass mit dem Kulturzentrum am Gasteig schon lange kein Kulturschaffender auch nur irgendetwas zu tun haben möchte verwundert auch nicht. Geliebt wurde es ja noch nie. Jetzt aber scheint es ein Lepröser oder gar der Ebolapatient unter den Münchner Kulturbauten geworden zu sein. Vorsicht Ansteckungsgefahr !

Wenn einem das vielstimmige Geschrei noch erlaubt grundsätzlich über die Forderung nach immer Neuem nachzudenken dann könnte man möglicherweise zu der Erkenntnis gelangen wes Geistes dieses und anderes Geschrei nach immer Neuem, unter Ausschluss der Weiterverwendung von Vorhandenem, ist. Das ist der Geist des Überflusses !

Noch brummt die Wirtschaft und die Einnahmen der öffentlichen Hand steigen scheinbar ständig. Wie lange mag das so weitergehen? Ewig jedenfalls nicht. Wer ständig Neues baut, seien es Museen, seien es andere öffentliche Bauten oder auch nur gewöhnliche Infrastrukturbauten wie Straßen und Brücken, der kommt nicht umhin, diese auch zu pflegen, zu reparieren, zu erneuern. Das geht aber nur wenn die Einnahmen zunehmen, zunehmen, und immer weiter zunehmen. Mehr Bauten bedeuten mehr Unterhalt und mehr erforderliche finanzielle Mittel über lange Jahre. Gehen die Einnahmen zurück, stehen profane, ebenso wie herausragende Bauten, immer noch da und wollen betrieben und unterhalten werden. Dann ist guter Rat meist teuer. Dann legen wir sie erstmal vorläufig still, müssen sie, wenn sich nichts ändert, am Besten still und leise, verkommen lassen, um sie letztendlich wieder abzureissen. Ein fraglicher Kreislauf.

Wenn München einen neuen Konzertsaal braucht und vermutlich auch bekommt, dann muß er in allen Belangen auf der Höhe der Zeit sein und sich Innen wie Außen als Highlight, als architketonische Ikone präsentieren. Der intendierten Höchstqualität der musikalischen Darbietung muß die Qualität der Architektur entsprechen. Da soll und darf nicht ausgerechnet die Architektur hintanstehen.

Was allerdings ein Highlight, eine architektonische Ikone, ist, welche Eigenschaften sie aufweisen, wo und wie sie ikonisch wirken sollte, darüber müsste längst fachlich und öffentlich diskutiert werden. Heute sind derartige Ikonen leider allzu häufig nach dem HdM-muster oder Hadid-mascherl gestrickt – höchster Erstellungsaufwand und aufgrund der baulichen Komplexität ein ebensolcher Unterhaltsaufwand. Wer einmal auf der Baustelle der Elbphilharmonie war und die unglaubliche Diskrepanz zwischen der eleganten Raumschöpfung und der dafür erforderlichen baukonstruktiven Qual gesehen hat, kann ein Lied davon singen. Was lernen wir daraus ? Wohl nichts ! Das Motto ist und bleibt – wer kann der kann ! Wenn wir ehrlich sind, können wir, langfristig betrachtet, eigentlich nicht. Deshalb ist weniger, intelligenter, einfacher und nachhaltiger bauen die Forderung der Stunde. Das sind die Themen über die generell und ganz besonders im Zusammenhang mit Architekturikonen, wie z.B. herausragenden Konzertsälen, dringend nachzudenken ist.

Zum Schluss soll nicht vergessen werden, dass dieses Konzertsaalprojekt wieder eines ist, das in erster Linie der ohnehin hochsubventionierten und elitären „Hochkultur“ zugute kommt. Niemand stellt dabei deren Existenzberechtigung in Frage. Die Frage aber, wohin begrenzte öffentliche Budgets fließen, darf und muss auch einmal in diesem Zusammenhang gestellt werden. Der kulturelle Supergau tritt deshalb noch lange nicht ein.