Fremd werden

Guten Morgen Frau Nachbarin,  guten Abend Herr Nachbar !
So würde ich Sie vielleicht ansprechen wenn sie im gleichen Haus wohnen würden wie ich. Tun Sie aber nicht ! Genau ! Deshalb ist dies auch nur der Auftakt zu einer Betrachtung über das fremd werden.

Wenn die Geschichte beim Nachbarn beginnt, so beginnt sie, am anderen Ende der Skala, dort wo man sich noch nicht fremd ist. Geht also Einer aus der Türe seiner Wohnung so ist er Nachbar. Geht Einer aus dem Haus auf die Straße so ist er auch Nachbar – für den der im Nachbarhaus wohnt. Geht er zwei Strassen weiter so ist er ein Fremder, obwohl ihm selbst der Ort nicht fremd ist und er sich dort auch in der Regel nicht fremd fühlt. Geht er in den Laden, der drei Blocks weiter liegt, und in den er immer geht, so ist er dort ein Bekannter. Trifft er dort Leute die dort, ebenso wie er, auch öfter einkaufen, so sind auch sie Bekannte. So entwickelt sich ein Geflecht von Beziehungen mit graduellen Abstufungen, ein Geflecht wie es an allen Orten, wo Menschen zusammen leben, zu finden ist.  Personen und Orte sind dabei miteinander verbunden. Der Ort lokalisiert die Person, gibt ihr Identität und Verankerung. Das Geflecht, das Netz aus Orten und Menschen und ihren Beziehungen hat, um sich ausbreiten zu können und eine gewisse Wirksamkeit entfalten zu können, Vorraussetzungen. Wie alle Netze erfordert es Kontinuität, die Kontinuität seiner Maschen. Ein Netz kann jedoch auch Fehlstellen haben. Die sind dort wo die Maschen gerissen, oder zu groß sind. Zu groß sind sie wenn etwas hindurchschlüpfen kann, der Zusammenhalt des Netzes geschwächt ist. Löcher im Netz sind Gefährungsstellen für das Netz als Ganzes. Ein Netz lebt von der kontinuierlichen Kraftübertragung. Ist sie geschwächt oder mehrfach unterbrochen droht Rissgefahr. In der Folge kann das Netz seinen Zweck, Verbindungen zu schaffen und im Verbund zusammenzuhalten irgendwann nicht mehr erfüllen.  Aus diesem Grund sind klassische Netze in der Regel gleichmässig strukturiert, Masche an Masche. Natürlich kann man Netzte auch anders knüpfen, wenn sie beispielsweise einem anderen Zweck dienen.

Auch Städte können als Netze gelesen werden, als Netze aus Strassen, aus Wegen und Gassen. Die Maschen sind hier manchmal regelmäßig, und rechtwinklig, öfter jedoch unregelmäßig und polygonal, bei größeren Gebilden meist gar aus vielerlei Teilnetzstrukturen zusammengefügt. Die Löcher, Fehlstellen oder Einschnitte dieser Netzte sind große Parks, Grünzüge, Wasserflächen, Industriebrachen, abgeschlossene Bereiche wie z.B. Miltärareale, Krankenhaus- oder Schulanlagen um nur die wichtigsten zu nennen. Diese Löcher, denken wir beispielsweise an einen Park, können auch positive Einflussfaktoren sein, jedoch nicht für den Belang des Netzzusammenhalts. „Löcher“ sind jedoch nicht die einzigen Störfaktoren des Netzzusammenhalts, nein auch die Art wie das Netz geknüpft ist kann ein Störfaktor sein. Der kontinuierliche Kraftverlauf entlang der Netzmaschen kann verglichen werden mit dem kontinuierlichen Strom der Passanten in einem räumlichen Netz.  Dieser funktioniert umsobesser je gleichmässiger die Maschen angelegt sind, je kontinuierlicher sie verlaufen. Engmaschigkeit allein ist dabei kein Kriterium für gutes Funktionieren des Netzes. Es funktioniert dann gut, wenn es, mit graduellen Abstufungen, eine gleichmäßige Präsenz von Menschen im Netz (des öffentlichenRaumes) sicherstellt. Es gibt die Beispiele, die zeigen, daß enmaschige Netze, verbunden mit einer strukturellen Diskontinuität das Funktionieren des Netzes massiv stören  (ein gut untersuchtes Beispiel ist das Marquess Road Estate in London, einstmals preisgekrönt und vielbeachtet, heute bekannt als muggers paradise). Hier bricht sich an den Aussengrenzen des Estates der Strom der Passanten ab. Das Estate ist wie ein kleinteiliges Labyrint angelegt, mit vielen Verschwenken und Richtungswechseln der Wege, mit vielen kleinen Aufenthaltplätzen. Das Netz ist im Estatebereich sehr viel kleinteiliger und weniger kontinuierlich angelegt. Irgendwie idyllisch, doch trügerisch. Dorthinein verirrt sich kein Fremder und diejenigen die hineinmüssen, weil sie dort wohnen, fühlen sich zu bestimmten Zeiten unwohl, weil sie kaum jemandem mehr begegnen. Bricht der Passantenstrom so bricht auch auch die örtliche Kenntnis.  Ein Ort den niemand betritt, auch nicht zufällig, ist fremd und bleibt fremd. Fremd sein heißt nicht kennen, kein Nachbar sein, auch kein Bekannter sein. Fremdsein lässt Spekulationen Raum, leistet Gerüchten und Stigmatisierungen Vorschub. Fremdsein hat nicht nur über Länder und Kontinentgrenzen eine räumliche Dimension sondern auch im Nahbereich unserer Städte. In nahezu jeder Stadt gibt es die Bereiche die keiner kennt, wo niemand zufällig hinkommt. Dies mag in einigen der bereits genannten Fälle unerheblich, ja normal sein. So manches Schulgelände hat noch nie jemand, der dort nichts zutun hat, betreten. Macht erstmal nichts. Ob ich das Schulgelände kenne oder nicht  ist vielleicht nicht wirklich relevant. Relevant wird aber sein wenn das Schulgelände Größen errreicht die ganze Stadtbereiche voneinander trennen. Wir denken an den Bereiche zwischen Dachauer und XX Strasse in München. Wir denken an so manchen „Bildungscampus“ in neuen, aktuell entstehenden Stadtteilen. Das sind aus der Sicht des Netzes kritische Produkte. Produkte funktional-technokratischen Denkens in ihrer die Netzstruktur sprengenden Größe Störfaktoren städtischer Integration. Schlicht entgegen aller gut gemeinten Argumente zu vermeiden.

Noch schwieriger gestaltet sich die Situation wenn es sich um Wohngebiete handelt.  Wir lesen und hören heute viel von Integraton, vom Vermeiden von Ausgrenzung und Ghettobildung. Das ist gedanklich der richtige Ansatz. Gelingen kann er nur wenn auch seine räumliche Komponente erkannt und umgesetzt wird.

Aber klar ! rufen jetzt alle. Machen wir doch ! Fordern wir doch ständig !

Und doch tauchen sie immer wieder auf, und immer dann wenn es um mehr oder weniger reinen Wohnungsbau geht, die kleinen, von Grün umkreisten Nachbarschaften, die grünzugumzingelten Siedlungsteile, so klein daß sie einer Atomisierung des Stadtkörpers Vorschub leisten. Kleinnachbarschaftseinheiten, fein säuberlich gtrennt. Erkennbarkeit,  Ablesbarkeit, Gliederung – unverzichtbar. Oh ja ! !
Ja, Nachbarschaft braucht räumliche Nähe um Personen und Wohnorte mental verknüpfen zu können. Nachbarschaft braucht auch Räume um sich entfalten zu können, Nachbarschaft braucht jedoch keine räumlich vorgegebene Abgrenzung um sie zu erzeugen oder zu fördern. Denn Nachbarschaften in der Stadt sind fliesend und fliesend sind die sozialen Zusammenhänge dort wo Menschen zusammen leben. Eine Stadt ist selbstredend größer als ein Dorf.  Aus einer Aneinanderfügung von Dorf- oder Nachbarschaftseinheiten, nur um ein einfaches  Beispiel zu wählen, wird aber keine Stadt auch wenn die Fläche oder die Einwohnerschaft die gleiche Größe vergleichbarer Städte erreicht hat. Hinzu kommt, daß abgerenzte Nachbarschaften, wie auch Dörfer, eher soziale Homogenität als Vielfalt bedingen. Jeder der mal am Dorf gewohnt hat weiß wie schwierig all diejenigen, die anders sind, es dort haben. Die Homogenität der Mehrheit ist zu groß und dominant. Man wird Außenseiter oder geht weg. Das ist das dörfliche Prinzip, das ist das Prinzip der engen Nachbarschaft ohne Ausweg, ohne Alternativen. Da passt nicht jeder rein.
Das städtische Prinzip funktioniert anders. Es basiert auf Offenheit, einer gewissen Annonymität und Toleranz, auf der Fähigkeit und dem Willen Andersartigkeit zumindest zu tolerieren.  Auch das hat seine räumliche Vorraussetzung. Die liegt in der Offenheit des räumlichen Systems, in der Kontinuität in der das Netz der räumlichen Verbindungen geknüpft ist. Denn sie erst schafft die Vorraussetzung, die die Präsenz aller Lebensentwürfe im öffentlichen Raum ermöglicht. Der englische Philosoph und Architekturlehrer Bill Hillier hat dies die „virtual community“ genannt. Eine Gemeinschaft noch nicht realisierter sozialer Bindungen, aber mit einem unausgesprochenen, aber gelebten sozialen Konsens, beruhend auf den vorgenannten Grundeigenschaften des städtischen Systems.  Auch das ist ein Zusammenhalt, ein gesellschaftlicher Kit. Wie alles was Gesellschaften verbindet und Zusammenhält muß auch dies ständig neu verhandelt werden.  Architekten und insbesondere Stadtplaner nehmen unmittelbar an diesen Verhandlungen teil. Entsprechend hoch ist ihre Verantwortung. Haben sie kein Bewußtsein für diese Fragen entwickelt, denken sie immer nur auf der überschaubaren lokalen Ebene, dann schaffen sie die Voraussetzungen, daß wir einander fremd werden. Fremdsein lässt sich auch zuhause.

SCHÖNHEIT, VERGÄNGLICHKEIT UND WIEDERKEHR

Was ist schön, was ist hässlich, was ist nur banal ?

Über Schönheit lässt sich trefflich streiten und das ist gut so. Der im Zusammenhang mit Schönheit stets zitierte Immanuel Kant bringt es wie kein Anderer zum Ausdruck indem er dem Urteil über Schönheit einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zuschreibt. Schönheit sei „interesseloses Wohlgefallen“. Doch was schön ist oder nicht soll uns hier gar nicht interessieren. Uns interessiert was schön war, ob und wie es wiederkehrt und was wir daraus lernen könnten, wenn wir willens wären zu lernen. Man könnte es auch mit einem Zitat von leider unbekannt, einem Fundstück aus dem Netz sagen: Schönheit von gestern ist der Schmerz von heute und die Weisheit von morgen (Thomas Möginger). Man kann sich also die Frage stellen: ist Schönheit immer vergänglich. Was den Mensch betrifft lässt sich das bejahen. Natürlich wird ein schöner Mensch im Alter selten hässlich. Die Merkmale der Schönheit können meist weiter erkannt werden. Dem wahren Schönheitsideal aber können sie nicht mehr entsprechen.

Architektur hat aufgrund ihrer Beständigkeit andere Gesetzmäßigkeiten. Auch hier scheint Schönheit erstmal vergänglich zu sein. Viele der Bauten die wir heute als schön empfinden können den nächsten Modeschub schon nicht mehr bestehen. Doch anders als der Mensch kennt Architektur die Wiederkehr des Schönen von gestern. Eine neue Wertschätzung nach dem mehr oder minder langen Verlust derselben. Ein Phänomen das sich durch alle Zeiten verfolgen lässt. Das Schöne aus dem unmittelbaren Gestern ist das oft sogar der Verachtung anheimfallende des Heute. Damit muss und kann der Mensch leben. Er tat es schon immer. Der Renaissance folgte der Barock, der für letztere wenig übrig hatte, dem Barock der Klassizismus mit der gleichen Einstellung zu seiner Vorgängerin. Das ließe sich bis in die heutige Zeit fortsetzen, Moderne, Postmoderne,Dekonstruktivismus, Revision der Moderne etc., etc. . Problematisch wird das Ganze wenn der zeitweiligen Ver- oder Missachtung ein entsprechender Aktionismus oder der Furor der Erneuerung auf dem Fuße folgt, der Alles was vorher war, auszumerzen versucht. Das muss nichteinmal absichtlich sein. Es genügt die einfache, gedankenlose Missachtung des Gestrigen. Dem fallen meist unisono die guten und die schlechteren Zeugen der Vergangenheit zum Opfer.  Wenn die erneute Wertschätzung dann einsetzen könnte, sind sie oft leider schon unwiederbringlich verloren.

Dass Schönheit schnell verfällt, dass Moden ebensoschnell vergehen, das sind Allgemeinplätze. Nichts neues unter der Sonne. Warum aber, so frage ich mich, kehrt Schönheit wieder.  Warum wird Altes wieder als Schön angesehen, warum spricht uns das Gründerzeithaus an, das doch eher von durchschnittlichem ästhetischen Wert ist und nur in ganz wenigen Fällen wirkliche ästhetische Höhen erreicht. Nun werden alle sagen, natürlich sind es die immerwährenden Gesetze der Anmut und der Proportion, der Materialwahl und Lichtführung, die nach dem zeitbedingten Wertschätzungsverfall wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken und in den wirklich schönen Gebäuden, nachdem sich die Nebel der Mode gelichtet haben, wieder erkennbar werden.
Zuerst stellt sich die Frage ob es tatsächlich die Zeitgenossen eines Baustils, einer Bauepoche sind, die die Qualitäten einer einstmals abgeschriebenen Periode wiedererkennen, oder ob dieses Revival schon von der nächsten Generation ausgeht und demzufolge in seinem Ursprung keine Wieder- sondern eine Neuentdeckung genannt werden muß. Das tut dem Wiederneuentdeckten natürlich keinen Abbruch in seiner Berechtigung auf Wiederentdeckung und neue Wertschätzung. Der immerwährende zirkuläre Verlauf aus Handlung, Irrtum und Erkenntnis betrifft auch die Auffassung von Schönheit.  Nimmt man die Erkenntnis ernst muß daraus ein Plädoyer für mehr Gelassenheit, Rücksicht und Toleranz mit unseren gestrigen Bauprodukten, ganz besonders denen der nächsten und allernächsten Vergangenheit, folgen.

Das Naserümpfen , tödliche Mißachten der Zeugen jüngster architektonischer Vergangenheit durch die Architekten selbst ist stets der Beginn einer breiten öffentlichen Stigmatisierung dieser Bauten mit den bekannten Bereinigungsfolgen.

Modernes Denken ?

 

Was das wohl ist ? Da müsste man nun eigentlich vorab eine Definition finden und schon wäre man in die permanent lauernde Falle des Wortes „modern“ getappt. Denn kaum ein anderes Wort fordert die Definitionswut so heraus, dieses ewige sich abarbeiten am Begriff der „Moderne“.

Nein, nein, damit haben wir hier nichts am Hut.

Es geht hier um Anderes, es geht um Denkprozesse oder besser Denkmuster. Denkmuster die uns sehr geläufig sind, Denkmuster denen wir in unserer Arbeit als Architekten immer wieder begegnen. Begegnen sie uns zum erstenmal, glaubt man noch es mit individuellen Fehlleistungen, vielleicht auch nur mit Marotten spleeniger Einzelgänger zu tun zu haben. Irgendwann, nach längerer Beobachtung und meist mühsam gewonnener Erkenntnis müssen wir uns dann eingestehen es wohl doch mit mehr zu tun haben.

Beispiele ? Gibt es genug.

Hier eines aus der Praxis. Oft und immer öfter passiert es, dass man, auch als erfahrenes Büro, zu hören bekommt, dass in dem einen oder anderen Bereich der eigenen Kernkompetenz Spezialisten gebe, die für die für spezifische Aufgaben vorzuziehen wären. Das geschieht dann auch. Auf den ersten Blick eine banale Angelegenheit. Die Überschrift dafür könnte einfach lauten: Spezialist sticht Generalist. Das trifft es im Grundsatz, im Detail ist die Entwicklung dieses Musters schon weiter fortgeschritten.

Denn heute geht es bereits um Spezialisierungsgrade. Dass dabei häufig ein geringerer Spezialisierungsgrad mit einem breiteren Erfahrungsschatz einhergeht fällt immer seltener ins Gewicht. Ein inzwischen gängiges Denkmuster mit fatalen Auswirkungen.

Exzessive Spezialisierung und ihre Folgen dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Einseitige Betrachtungsweisen in isolierten Spezialbereichen führen selten zu einem guten Gesamtergebnis, insbesondere wenn dieses, wie in Architektur und Städtebau auf dem Zusammenspiel von vielen aufeinander einwirkenden und in gegenseitiger Abhängigkeit befindlichen Faktoren beruht.

Das ist wie wenn man behaupten würde eine optimierte Heizungsanlage, ein optimaler Wärmeschutz, beste Sicherheitseineinrichtungen und bombenfeste Materialien ergeben auch schon ein gutes Gebäude. Da muss man schon ein rechter funktionaler Einfaltspinsel sein. Das beschäftigt uns.

Noch mehr als einen solche Tendenz selbst beschäftigt uns allerdings die Unfähigkeit oder der Unwille über die Folgen solchen und des eignen Handelns im generellen nachzudenken, sich dieses vor Augen zu führen.

Dazu ein noch alltäglicheres Beispiel. Jeder kann sich bestens die Situation eines zeitgenössischen Konsumenten vor Augen führen, kann sich vorstellen etwas gekauft zu haben, sei es ein Kleidungsstück, ein elektronisches Gerät oder gar ein Auto. Was glauben Sie macht der glückliche Konsument zuerst ? Er geht auf Mängelsuche, auf die Suche nach einem Fehler, sei er auch noch so klein, um – Rabatt herauszuhandeln. Am liebsten lässt unser imaginärer Konsument das gute Stück, gleich um die Ecke vom Geschäft, mal eben fallen, um dann postwendend zurückzulaufen und entrüstet Nachlass zu fordern.

Bezahlen ? Nein, bezahlen tut unser Konsumentagr nicht gern. Am liebsten gar nicht mehr, oder wenn denn doch sein muß gleich mit in Selbstermächtigung großzügig eingeräumten Rabatten und Skonten. Die gleichen Personen, jetzt nicht mehr in ihrer Rolle als Konsumenten, stattdessen als Dienstleister, Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte etc. beklagen sich gleichzeitig bitterlich über ihre Kunden als säumige oder unvollständige Zahler. Niemals würde es ihnen aber in den Sinn kommen in ihrem eigenen Verhalten Vergleichbares zu erkennen.

Wie, so fragen wir uns, kann es sein, dass Verhalten und Denkweisen die noch vor wenigen Jahren als anstößig und nicht gesellschaftsfähig galten heute gängige Praxis geworden sind? Eine Frage, die man sich oft stellt ohne dafür eine wirklich schlüssige Antwort finden zu können.

Doch dann, in einem lichten Augenblick, wie der Zufall es oft will, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Unser zufälliger Anlass ist ein trauriger – der Toddes Schweizer Kulturanthropologen Rene Girard am 4. November diesen Jahres. Eines seiner großen Themen ist – die Rolle der Nachahmung in der Entwicklung des Menschen und ihre Rolle für die Gesellschaft.

Ja, die Nachahmung, das ist er doch, der gesuchte Schlüssel, die langgesuchte Erkenntnis.

Die Nachahmung ist, so Girard, ein in seiner Bedeutung oft vernachlässigter, jedoch immens wichtiger Faktor der menschlichen Entwicklung. Girard bezeichnet sie als das dynamischste Element der menschlichen Intelligenz. Aristoteles beispielsweise, definiert den Menschen als das mimetisschste Tier, das nichts so sehr liebe wie die Nachahmung. Nehmen wir das ernst und das sollten wir, dann ist klar wie sich Verhaltensweisen, auch solche die Einzelnen persönliche Vorteile bringen, in ihrer massenhaften Nachahmung aber für alle nachteilig sind, ausbreiten. Der Mensch hat gelernt nachzuahmen, er hat sich aus Nachahmung entwickelt. Das beginnt in der Kindheit und findet von da seine kontinuierliche Fortsetzung. Die Nachahmung (Mimesis) ist ein starker Impuls. Ein Impuls der weit dominanter ist als Einsicht und Erkenntnisfähigkeit, die ja auch wesentliche menschliche Fähigkeiten darstellen.

Das Zusammenspiel aus Mimesis und mangelnder Erkenntnisfähigkeit oder die Dominanz der ersteren über die letztere, zeitigt, so könnte man resümieren, die Resultate, die wir auf allen gesellschaftlichen Ebenen aktuell spüren. Geiz als erfolgreiches Modell führt zu noch mehr Geiz, Unverfrorenheit und Dreistigkeit wie sie heute allenthalben als Erfolgsmodelle vorgeführt werden (Geissens, Bohlen etc. lassen grüßen) sorgen für deren Ausbreitung und mit der Ausbreitung für immer mehr Akzeptanz. Wer dem nichts entgegenhält begibt sich in den Strudel menschlicher Unzulänglichkeiten und Abartigkeiten, die bis zu den ungeheuerlichen Gewaltakten unserer Tage reichen, die ein wesentliches Thema des Kulturanthropologen Girard sind.

Was kann man tun ? Nichts! wird man antworten.

Es handelt es sich ja, wie gesagt, um Naturgesetzlichkeiten. Es liegt halt in der menschlichen Natur. Ja, das tut es. Aber nicht ohne Auswegmöglichkeit oder Alternativen !

Die Geschichte menschlicher Gesellschaften ist voll von Praktiken, seien es Riten oder Bräuche, die dazu dienen, schädliche gesellschaftliche Tendenzen für die Gemeinschaft einzugrenzen oder zu vermeiden. Man denke an das von Marcel Mauss untersuchte Rivalitätsgeschenk (Potlatsch) oder rituelle Feste und Rauschszenarien zum Abbau schädlicher gesellschaftlicher Überschüsse und Energien, wie sie Georges Bataille es in seiner „Ökonomie der Verschwendung“ untersucht hat. Und die Geschichte zeigt, dass diese Praktiken zu bestimmten Zeiten, in begrenzten Zeiträumen, sehr erfolgreich sein können. Die Geschichte zeigt auch, dass mit Rückschlägen, auch gravierenden, stets gerechnet werden muss. Das ist Gesellschaftsgeschichte und doch hat sie einen Bezug zu unserem Alltag, zu den Kalamitäten die uns betreffen, die sich insbesondere in Gesellschaften mit so geringen gesellschaftlichen Einschränkungen, wie der unseren, immer wieder herausbilden.

Hat ein kritisches und gesellschaftsschädliches Verhalten seine Nachahmer, so wird auch umgekehrt ein Schuh daraus. Wir denken an Vorbildhaftes vergangener Tage, an Rücksicht, Empathie, Solidarität, Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Verlässlichkeit etc. um nur die Wichtigsten und Naheliegendsten zu nennen. Vergangen ? Vielleicht, oder doch moderner und zukunftsweisender alles alles was wir heute sehen. Alles beginnt im Kleinen, um, vielleicht über längere Zeiträume, doch große Wirkungen zu zeitigen und tatsächlich Veränderungen herbeizuführen. tue Gutes und rede darüber ist vermutlich nicht das schlechteste Motto auf diesem beschwerlichen Weg. Wer sich besinnungslos in den aktuellen mimetischen Strudel stürzt, wie Viele, ja Allzu viele es tun, von dem kann man getrost annhemen dass er den Glauben an eine positive gesellschaftliche Entwicklung und damit an die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft aufgegeben hat. Da macht es dann natürlich nichts sich in asozialer Art und Weise, ohne Rücksicht auf Verluste, nur für den eigenen Vorteil einzusetzen. Da macht es nichts Andere auszutricksen und zu übervorteilen. Dumm, nur dumm, dass es dann, in aller Regel, nicht allzu lange dauert bis man selbst die gleiche Art der Behandlung erfährt. Zumindest dann könnte etwas wie Einsicht heraufdämmern. Wenn, ja wenn man bereits wäre nachzudenken. Wenn nicht, bleibt – leider, muss man sagen – der Trost, dass man sich sodann im kollektiven Gejammer über die böse und rücksichtslose Welt in bester und umfassender Gesellschaft befindet. Es darf als sicher gelten, dass uns die mimestische Strömung mitnimmt, wohin auch immer.

 

ENNUI – EIN LOB DER LANGEWEILE

ENNUI – EIN LOB DER LANGEWEILE

Ennui – die Langeweile – ein Zustand hervorgerufen durch erzwungenes Nichtstun. Ein Zustand den wir alle vermutlich schon sehr lange nicht mehr durchlebt haben. Wem ist heute schon noch langweilig ? Selbst wenn, wer würde sich trauen es zuzugeben oder es sich selbst einzugestehen. Ist Langeweile doch das Gegenteil all unserer Bemühungen um Erlebnisse, Abwechslung, Spannung, Spaß. Langeweile ist so weit von uns entfernt dass wir uns ihr ganz langsam wider nähern müssen um ein Verständnis dafür zu entwickeln, um vielleicht sogar Positives darin für uns und die Gesellschaft zu entdecken.

Langeweile das ist ein Zustand der Zweckfreiheit, ein Zustand ohne aktives Tun und Handeln. Wie die Wortzusammensetzung eigentlich sagt hat man eine lange, also sich zeitlich weit ausgedehnte, Weile vor sich. Einen Zeitraum der einen statischen Zustand, einen Zustand des Verweilens einschließt. Das nicht an einen Zweck gebundene Wesen dieses Zustandes bedeutet Ungebundenheit, Richtungslosigkeit, einen unentschiedenen Schwebezustand. Die Gedanken schweben, kreisen, zirkulieren, haben keine bestimmte Richtung und finden auch keine solange dieser Zustand anhält Sobald der Mensch sich aufraffen kann körperlich aktiv zu werden oder geistig in eine Richtung zu denken ist dieser schwebende Zustand entschwunden, entschwunden wie ein fortgewischter Nebel. Was allerdings nicht bedeutet, dass er nicht jederzeit und unmittelbar wiederkehren kann. Dieser scheinbar zwecklose Schwebezustand macht uns aktivitäts- und erlebniskonditionierte Wesen ratlos. Wir können kaum damit umgehen, erachten ihn als Zeitverschwendung, glauben die Zeit dafür nicht mehr zu haben, glauben Wichtiges zu versäumen wenn wir uns ihm tatsächlich hingeben sollten. Die Nähe zu gesellschaftlich und vielleicht auch persönlich unerwünschten Effekten, wie Depression, Unlust, Verlorenheits- und Sinnlosigkeitsgefühlen macht Sie, die Langeweile, auf den ersten Blick so unerwünscht, so abschreckend. Die Gefahr missliebiger Gedanken von Lust und Überdruss bis zum Suizid lässt sie weitgehend in gesellschaftlicher Ächtung verharren.

Doch es gibt auch eine Form oder besser eine Sichtweise der Langeweile die positiv besetzt ist. Wie ein schwaches, unruhig flackerndes Licht tritt sie nur in bestimmten, meist kurzen Zeiträumen zutage, leuchtet kurz auf um bald wieder in gesellschaftlicher Ächtung zu verlöschen. Das was uns leuchtend erreicht ist die Befreiung von Zweckrationalität, und Aktivitätstrieb. Langeweile ist hier vergleichbar mit dem Traum, eine Art Tagtraum der all unserer Hyperaktivität entgegensteht, der die Gedanken aus ihren Gleisen reißt ohne ihnen eine neue Richtung vorzugeben. Eine befreiende Irritation, eine kleine Katharsis, die nach Rückkehr ins geordnete und gerichtete Denken ein befreiendes Gefühl auslösen kann. Diese, nennen wir sie durchaus konstruktive Langeweile, ist diejenige die uns interessiert.

Langeweile und ihr heute kaum noch so genanntes Gegenteil, die Kurzweil, sind, wenn auch wenig beachtete, wichtige Aspekte von Architektur und Städtebau. Die Vermeidung von Langeweile ist ein ungeheuer präsentes Handlungsmotiv von Architekten und Stadtplanern. Wie oft haben wir schon gelesen wie langweilig zum Beispiel der aktuelle Münchner Wohnungsbau, gerade Strassen, rechteckige Plätze, endlos lange Strassen, Plattenbauten oder sich ständig wiederholende Gebäude seien. Muss nicht stets alles spannend, interessant, herausfordernd oder gar „innovativ“ etc. sein ?

Langeweile bedarf der Ruhe. Der Organismus muss sich entschleunigen, die Gedanken dürfen auf keine Tätigkeit gerichtet sein oder die Tätigkeit so geartet sein, dass sie keiner gedanklicher Aktivitäten bedarf. Es gibt diese Ruhe im Inneren und es gibt sie im Äußeren, in unserer Umgebung. Hier wie dort hat sie Bedeutung. Sie ist nicht zu verwechseln mit Ödnis, mit einer völlig reizarmen Umwelt, mit Architektur und Stadträumen die außer ihrer nackten physischen Präsenz nichts anzubieten haben. Es gibt sie noch diese von konstruktiver Langeweile geprägten Orte. Das sind die scheinbar endlosen Reihen viktorianischer und georgianischen terraced houses in England, das sind die von Gleichartigkeit und Wiederholung ähnlicher Gestaltelemente geprägten Gründerzeitstrassen in den gleichnamigen Vierteln, das sind die gleichförmigen Strandhütten am Meer und vielleicht sogar manche Hochhauswälder, wie sie in Schanghai anzutreffen sind. Den Beispielen gemeinsam ist, mit Ausnahme des letztgenannten, ihre zeitliche Distanz, ihre andersartigen gesellschaftlichen Übereinkünften was das Bauen und die Ästhetik des Bauens angeht. Allen gemeinsam ist der spekulative Aspekt, der für Wiederholung und rationales Layout verantwortlich zeichnet,. Der Aspekt der konstruktiven Langeweile ist interessanterweise ein zufälliges Beiprodukt. Bewusst auf Schönheit abzielende Planungen bedienen sich anderer Elemente. Hier wird versucht Ruhe durch Symmetrie und Ausgewogenheit der Proportion herzustellen. Es ist nicht abzustreiten, dass auch hier sich in der Betrachtung und im Erleben die Ausstrahlung der Ruhe und der Ausgewogenheit auf den Betrachter überträgt. Im Vergleich zu den erstgenannten Beispielen jedoch fehlt etwas Wesentliches – der Aspekt der Irritation. Die scheinbare Endlosigkeit englischer terraced houses, die Länge und Geradlinigkeit der Grüderzeitstrassen, die Nähe zur Ödnis durch Wiederholung, liegen aber aufgrund von Detailreichtum doch nicht Öde sind weil das Auge immer einen Halt findet wenn es in seiner leichten Irritation sucht, ihn aber gleich wider verliert weil er sich endlos gleich oder ähnlich wiederholt. Hier kann sie uns befallen diese befreiende Irritation. Bewusste Planungen dieser Art sind kaum zu finden. Allenfalls im italienischen Razionalismo scheinen mir Elemente dieser konstruktiven Langeweile zu finden zu sein. Doch Architektur allein mag das nicht zu leisten. Sie ist ein Baustein im Ensemble der konstruktiven Ennui. Nur im städtebaulichen Ensemble kann sie sich wirklich konstituieren.

Sind sie nun etwa erschrocken ? Langeweile – in Städtebau und Architektur – unvorstellbar ? Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf das Gegenteil, die ewige Kurzweil, das grenzenlose Ereignis, den everlasting Event, die permanente Innovation. Wir blicken nach Japan, weil aus eigener Anschauung von drei Japanreisen wohlbekannt. Wir blicken auf Japan weil gerne und immer wieder in deutschen Fachpublikationen und Feuilletons beschrieben und gelobt. Ja, es ich richtig, in Japan wird viel experimentiert, interessant und vielleicht manchmal auch wirklich innovativ. Es entsteht gerne der Eindruck dass dort an jeder Ecke eine Innovationsikone stehe, dass es abwechslungsreicher und spannender in Architektur und Städtebau kaum zugehen könne. Fakt ist, dass man in Japan das Ergebnis von Neuheitszwang, wie an kaum einem anderen Ort, beobachten kann. Ja, da stehen sie dann, die innovativen, vielbeachteten Bauten. Da stehen aber auch die unzähligen einstmals innovativen und gestern vielbeachteten Bauten. Es sind nicht Wenige, doch sie fristen ein eher trauriges Dasein. Die Ikone ist singulär, sie sucht keinen Anschluss, sie ist sich selbst genug. Das ist solange interessant, solange sie den Neuigkeitstatus besitzt. Schon nach wenigen Jahren hat sich dieser verflüchtigt. So stehen sie jetzt da, wie ausgesetzte, verlassene Kinder, um die sich keiner mehr schert. Sie tun wenig anderes als einen Beitrag zur leider hierzulande zu wenig bemerkten Hässlichkeit japanischer Städte leisten. Und glauben sie mir japanische Städte sind nur nachts „schön“, nachts wenn die Leuchtreklamen in ihrer neongrellen Farbigkeit den verlorenen Zusammenhang wiederherstellen, gemeinsam einen flirrenden Schleier über die dort veranstaltete Kakophonie legen. Das sollte uns zu denken geben, das sollte uns ermutigen mehr konstruktive Langweile, zu wagen, eine ästehtische Ennui als Gegenmittel gegen Event- und Erlebniszwang, falschen Innovationszirkus im Stile imaginierter neuer Kleider unter denen, der, der nicht verlernt hat zu sehen, nur Nacktheit und geistige Armut erkennt.

LA STRADA – DAS LIED DER STRASSE

Heute wollen wir das Lied der Straße singen. Welches Lied werden sie fragen ? Road to nowhere? Nein, road ist nicht die Straße um die es uns geht, Highway to hell, Autobahn ? Nein, auch die nicht. Streets of London, Baker street ? – Ja, das kommt der Sache näher. Ja, es geht um Strassen in der Stadt. Lieder über die Strasse gibt es im wörtlichen und im übertragenen Sinn. In Letzterem finden sie sich bevorzugt in den immer zahlreicheren Publikationen zum Städtebau. Wir denken an „Strassen für Menschen“ von Bernhard Rudofsky oder Jan Gehls „Leben zwischen Häusern“. Auch Christopher Alexanders „A Pattern Language“ enthält Passagen zur Strasse. Gerade zur Zeit der Erstveröffentlichung der genannten Bücher war der schlechte Ruf der Strasse kaum mehr zu unterbieten. Ihre Qualitäten waren ihr erfolgreich ausgetrieben worden, ihre Wahrnehmung auf Verkehrs-, Transport- und Parkraum reduziert. Ihr Lied, das Lied der Strasse, musste neu angestimmt werden. Ein Prozess der über die vielen Jahre, die seither vergangen sind, als gelungen angesehen werden kann. Alle, wirklich Alle, singen inzwischen das Lied der Straße. Keine Publikation zum Thema die heute nicht die kommunikativen Aspekte der Stadtrasse, ihre Bedeutung als Lebensraum weit über ihre Zirkulations- und Transportfunktion hinaus herausstellen würde.

Die Elogen lassen vermuten, wir lebten im goldenen Zeitalter der Strasse, der Strasse als Lebensraum. Wenn dem so wäre dann müsste sich hierfür eine Entsprechung finden lassen. Indikatoren könnten Entwürfe, insbesondere städtebauliche Entwürfe sein. An dem, was in ihnen zu Papier gebracht wird, lässt sich ablesen und zwar viel unmittelbarer als an wohlfeilen Erläuterungen und Texten, wie Planer und Gestalter denken. Jeder Stadtplaner und Städtebauer hat über Vieles und Komplexes nachzudenken. Vieles davon läuft auf einer offensichtlich bewussten Ebene ab. Wie groß sind meine Baufelder, wo liegen Plätze, Parks, Grünzüge, wie hoch sollen Gebäude sein, wo finden sich Merkpunkte etc, etc. All diese offensichtlich bewussten Überlegungen und Entscheidungen basieren auf Anschauungen und Werten die über Ausbildung, Erfahrung und den gesellschaftlichen Wertekanon in unser Handeln eingeflossen sind und es maßgeblich, aber meist unbewusst beeinflussen. „Ideas we think with“ hat dies Bill Hillier ehemals Professor an der Bartlett School of Architecture and Planning immer genannt, im Gegensatz den den „ideas we think of“, den genannten bewussten Entscheidungen. Jeder zu Papier gebrachte Entwurf ist demzufolge nicht nur auf der Ebene der „ideas we think of“, sondern auch auf der der „ideas we think with“ zu lesen. Genau das ist die Ebene die Auskunft gibt über unsere Wert- oder Geringschätzung, unsere positive, negative oder auch nur ignorante Einstellung zu städtebaulich-gesellschaftlichen Themen.

So weit so gut. Ein Beispiel folgt. Zuvor noch Grundsätzliches.

Das Problem mit der Wahrnehmung und Wertschätzung der Straße liegt tief, an der Wurzel ihrer Existenz . Da ist die Tatsache, dass die Straße unter den städtischen Räumen der Regelfall ist. Stadt konstituiert sich in ihren öffentlichen Räumen. Aus guten Gründen sind das erster Linie lineare Verbindungsräume, ob sie jetzt Strasse, Gasse oder Wege genannt werden. Die Ausnahme, das Besondere im Stadtraum sind, im Gegensatz dazu, Plätze und Parks. So sehr wir Plätze und Parks brauchen und schätzen, ihr ubiquitäres Vorkommen würde den Verlust wesentlicher Eigenschaften, die wir mit Stadt verbinden, nach sich ziehen. Regel und Ausnahme – stehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Exceptio probat regulam oder die Ausnahme bestätigt die Regel, wie wir Alle wissen. Wird die Ausnahme zur Regel ist das Ausgangssubjekt der Regel zerstört. Etwas Neues tritt an seine Stelle. Auf die Strasse bezogen bedeutet dies, dass sie in einer schwierigen Grundkonstellation gefangen ist. Das Gewöhnliche im Gegensatz zum Besonderen. Wir brauchen nicht groß weiter zu grübeln wem, in der Regel, mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Das sind natürliche, aber auch unreflektierte Denk- und Verhaltensweisen. Das Besondere liegt immer im Trend, heute mehr denn je. Trotz der Aufmerksamkeitsdominanz von Platz und Park zog die Strasse schon immer eine Reihe von Konnotationen auf sich. Gefährlich, gemein, laut, schmutzig und dergleichen wurde sie genannt. Auch das verdankt sie der Regelhaftigkeit ihres Vorkommens. Geh nicht auf die Strasse, bleib von der Strasse, sagt man. Denn will man sich in der Stadt bewegen ist die Strasse nicht zu vermeiden, der Platz, der Park als Ausnahme sehr wohl. Das ist mit Sichrheit ein Grund weshalb mit ihr auch alles assoziiert was städtisches Leben ausmacht, im Positiven wie im Negativen. Die Straße ist Stadt – könnte man zwar nicht mit ausschließlicher aber doch einiger Berechtigung sagen. Wenn die Straße aber der Regelfall der Räume in der Stadt ist, dann kann daraus nur folgen, dass sich ein Großteil des städtischen Lebens doch genau dort abspielen muss. Wir gehen nicht nur auf die Straße um uns zu einem Platz zu bewegen und dort unser Leben zu entfalten. Nein, wir leben im Strassenraum. Wir bewegen uns entlang der Strassen, wir begegnen dort allen Arten von Menschen, Fremden, Bekannten, Freunden, wir grüßen, wir reden, wir führen den Hund aus, wir schimpfen auf Auto- und Radfahrer, wir gehen windowshopping. Es ließe sich wohl leicht nachweisen, dass ein sich beutender Teil der Kommunikation außerhalb der vier eigenen Wände in Strassenräumen abspielt.

Das ist die Realität. Unser planerisches Denken sieht vielfach anders aus.

Dort liegt der Fokus immer auf den großflächigeren, besonderen Räumen, den Plätzen und Parks. Was dazwischen stattfindet, entzieht sich unserer Aufmerksamkeit. Eine paradigmatische Art zu denken. Eine Art zu denken deren Auswirkungen bei sensibilisierter Wahrnehmung täglich zu spüren sind. Nur die Gewohnheit schüzt uns vor täglichem Gram, hat sie uns doch schon so abgeschliffen, dass wir nur noch selten spüren welche Defizite uns aufgenötigt werden. Ein Mangel an Platz, eine funktionale Aufteilung die alles andere als entfaltungsfreundlich ist, die Aufenthaltsqualität eines Transitraumes mit Kurzkommunikationserlaubnis im Sinne einer Kurzparkzone. Bitte hier nur kurz stehen, kurz sprechen, kurz küssen, sitzen nur unter Konsumzwang, den Fluss der Verkehrsströme nicht behindern, weitergehen, weiterfahren, nächster Platz in nur 50m Entfernung, bitte dort zu leben ! All dies gelesen und aufgenommen ist schon mancher Planer zu einem naheliegenden Schluß gekommen – nur noch Folgen von Platzräumen zu bauen. Das aber hieße wohl das Kind mit dem Bad ausschütten. Eine “ gewöhnliche“ Stadtstraße hat Qualitäten, die uns ob ihrer Alltäglichkeit gar nicht mehr auffallen. Eine davon ist der unmittelbare Bezug der beiden Strassenseiten zueinander. Das ist ein wesentlicher Charakterzug der die Straße vom Platz unterscheidet. Deshalb braucht die Straße vielleicht mehr Platz, oder andere Platzzuteilungen, aber nicht um räumlich zum Platz zu mutieren.

Betrachten wir das versprochene Beispiel. Es gibt solche Raumgebilde. Ein Beispiel, die vielfach publizierte Kaiserau in Bozen. Hier spannen dichte, polygonale Blöcke, mit in der Regel fünfgeschossigen Gebäuden, zwischen sich ebensolche polygonale Raumfolgen anstelle klassischer Strassen auf. Entstanden ist dabei ein schwer begrifflich zu fassendes Etwas, das weder Strasse noch Platz ist. Ein stadträumlicher Alien, garniert mit viel Grün, diffus im Charakter. Die allfälligen landschaftsarchitektonischen Inszenierungen sind dabei nur Ausdruck der Hilflosigkeit was denn mit all dem Raum anzufangen wäre. Die einzigen Räume die etwas Städtisches entfalten sind hier die Innenhöfe der Blöcke. Kompakt und dicht, mit Bezug zu Eingängen, zu den Hausfassaden und den Balkonen. Ob man allerdings bei dem Großangebot an Raum drumherum so nahe aufeinander leben möchte fragt man sich.

Das Lied der Straße ist schnell angestimmt, mit Inbrunst von Allen gesungen und ebensoschnell wieder verhallt. Eine schöne Melodie, gerne gehört aber nur gegen titanische Widerstände in erlebbare Realität umgesetzt. Das beginnt beim universellen funktionalen und ökonomischen Denken, gefolgt von der Phantasie- und Mutlosigkeit politischer Entscheidungsträger, gefolgt von der Verantwortungslosigkeit der Fahrzeugindustrie mit ihrem wohlfeilen Angebot platzaasender Privatpanzer, gefolgt von der Gedankenlosigkeit und dem Egoismus derjenigen, die den Raum vor Ihrer Hasutüre als privaten Abstellraum betrachten, endend bei den Gedankenautobahnen in den Hirnwindungen von uns Planern. Wem also gehört die Strasse? Allen? Ja, theoretisch. Wie alles aber, was in einer Gesellschaft allen gehört, ist darüber gesellschaftlich zu verhandeln – permanent. Was wir hier sehen und täglich erleben ist nichts anderes als Ausdruck dieses Verhandlungsprozesses. Vieles davon ist, ob sinnhaft oder nicht, auch noch von großer Dauerhaftigkeit. Denken Sie nur daran, dass beispielsweise in München, in den attraktivsten Stadtvierteln, immer noch Einbahnstrassen zur Verkehrsbeschleunigung existieren, denken sie an das Fehlen von Sitzgelegenheiten und ganz banal von Abfalleimern, denken sie an die jahrelang geübte Münchner Praxis den Platzbedarf für fehlende Radwege zu Lasten der Gehwege zu regeln. Wenn sie von nun an aufmerksam hinsehen wird ihnen noch Einiges mehr auffallen. Der Kampf um den Lebensraum Strasse ist ein permanenter, kein rein planerischer, sondern ein gesellschaftlicher. Nachdenken über den Regelfall, das Alltägliche, die Strasse, lohnt sich. Gewinner könnten die Stadtbewohner und somit die Stadtgesellschaft sein.

DAS GROSSE GESCHREI

München braucht einen neuen Konzertsaal, München braucht keinen neuen Konzertsaal ! München bekommt einen neuen Konzertsaal, München bekommt einen alten, neuen Konzertsaal ! München blamiert sich, ist bieder und langweilig sowieso ! Der Ministerpräsident verspricht einen neuen Konzertsaal, der Ministerpräsident will aber trotzdem keinen neuen Konzertsaal, ! Die Landeshauptstadt will ihre Ruhe ! Promis jeder Couleur müssen einen neuen Konzertsaal haben, sonst sehen sie sich genötigt München umgehend verlassen und vermutlich nach Hamburg oder Berlin oder gar ins Ausland auszuwandern. Der unvermeidliche kulturelle Supergau steht dann folgerichtig vor der Tür. Auch Architektenkollegen wollen nicht abseits stehen und liefern Beiträge. Manche so brillant, dass man, kämen dieselben Entwürfe von Studenten, diese postwendend zum gründlichem Nachdenken nach Hause geschickt würden. Wir sind gefordert hier Nachsicht zu üben, geht es doch um Dinge die uns Alle beschäftigen, um Aufmerksamkeit, um den Namen in der Presse, um die notwendige Publicity. Sachzwänge, da kommt man halt nicht dran vorbei. Peinlich ? War gestern !

Was also will man zu dem Ganzen hin und her eigentlich noch anmerken, was nicht ohnehin schon zigmal gesagt wurde ?

Braucht München einen weiteren Konzertsaal ? Vermutlich ! Wie und an welcher Stelle sich das am Besten bewerkstelligen lässt kann durch solide Voruntersuchungen geklärt werden. Zur Findung einer außergewöhnlichen Lösung gibt es bestens erprobte, kompetitive Verfahren. Dass davor über den richtigen Weg diskutiert oder auch gestritten wird ist richtig und normal. Dass mit dem Kulturzentrum am Gasteig schon lange kein Kulturschaffender auch nur irgendetwas zu tun haben möchte verwundert auch nicht. Geliebt wurde es ja noch nie. Jetzt aber scheint es ein Lepröser oder gar der Ebolapatient unter den Münchner Kulturbauten geworden zu sein. Vorsicht Ansteckungsgefahr !

Wenn einem das vielstimmige Geschrei noch erlaubt grundsätzlich über die Forderung nach immer Neuem nachzudenken dann könnte man möglicherweise zu der Erkenntnis gelangen wes Geistes dieses und anderes Geschrei nach immer Neuem, unter Ausschluss der Weiterverwendung von Vorhandenem, ist. Das ist der Geist des Überflusses !

Noch brummt die Wirtschaft und die Einnahmen der öffentlichen Hand steigen scheinbar ständig. Wie lange mag das so weitergehen? Ewig jedenfalls nicht. Wer ständig Neues baut, seien es Museen, seien es andere öffentliche Bauten oder auch nur gewöhnliche Infrastrukturbauten wie Straßen und Brücken, der kommt nicht umhin, diese auch zu pflegen, zu reparieren, zu erneuern. Das geht aber nur wenn die Einnahmen zunehmen, zunehmen, und immer weiter zunehmen. Mehr Bauten bedeuten mehr Unterhalt und mehr erforderliche finanzielle Mittel über lange Jahre. Gehen die Einnahmen zurück, stehen profane, ebenso wie herausragende Bauten, immer noch da und wollen betrieben und unterhalten werden. Dann ist guter Rat meist teuer. Dann legen wir sie erstmal vorläufig still, müssen sie, wenn sich nichts ändert, am Besten still und leise, verkommen lassen, um sie letztendlich wieder abzureissen. Ein fraglicher Kreislauf.

Wenn München einen neuen Konzertsaal braucht und vermutlich auch bekommt, dann muß er in allen Belangen auf der Höhe der Zeit sein und sich Innen wie Außen als Highlight, als architketonische Ikone präsentieren. Der intendierten Höchstqualität der musikalischen Darbietung muß die Qualität der Architektur entsprechen. Da soll und darf nicht ausgerechnet die Architektur hintanstehen.

Was allerdings ein Highlight, eine architektonische Ikone, ist, welche Eigenschaften sie aufweisen, wo und wie sie ikonisch wirken sollte, darüber müsste längst fachlich und öffentlich diskutiert werden. Heute sind derartige Ikonen leider allzu häufig nach dem HdM-muster oder Hadid-mascherl gestrickt – höchster Erstellungsaufwand und aufgrund der baulichen Komplexität ein ebensolcher Unterhaltsaufwand. Wer einmal auf der Baustelle der Elbphilharmonie war und die unglaubliche Diskrepanz zwischen der eleganten Raumschöpfung und der dafür erforderlichen baukonstruktiven Qual gesehen hat, kann ein Lied davon singen. Was lernen wir daraus ? Wohl nichts ! Das Motto ist und bleibt – wer kann der kann ! Wenn wir ehrlich sind, können wir, langfristig betrachtet, eigentlich nicht. Deshalb ist weniger, intelligenter, einfacher und nachhaltiger bauen die Forderung der Stunde. Das sind die Themen über die generell und ganz besonders im Zusammenhang mit Architekturikonen, wie z.B. herausragenden Konzertsälen, dringend nachzudenken ist.

Zum Schluss soll nicht vergessen werden, dass dieses Konzertsaalprojekt wieder eines ist, das in erster Linie der ohnehin hochsubventionierten und elitären „Hochkultur“ zugute kommt. Niemand stellt dabei deren Existenzberechtigung in Frage. Die Frage aber, wohin begrenzte öffentliche Budgets fließen, darf und muss auch einmal in diesem Zusammenhang gestellt werden. Der kulturelle Supergau tritt deshalb noch lange nicht ein.

GOLD VERSUS GUGELHUPF

Geschichten über Vergangenes beginnen meist mit „es war einmal“.

So auch diese.

Es war also einmal eine alte Villa, die einmal ein Atelier war und ein Wohnhaus war und zuletzt zum Museum wurde.

Das Haus war in die Jahre gekommen, etwas abgenutzt aber gerade deshalb hatte es das was man gemeinhin Charme nennt. Seine Museumsräume waren schon fern aktueller Standards aber trotzdem vielbesucht. Sein Garten war und ist eine Oase der Kontemplation im Zentrum Münchens, war offen für alle, wenn das Museum, das zugleich durch den Garten erschlossen wurde, geöffnet hatte.

Es war einmal in ebendiesem Haus ein Cafe in einem glasüberdachten Hof, etwas hallig und spartanisch, abgenutzter Natursteinboden und Möbel, die nicht unbedingt zu längerem Verweilen einluden. Ein Cafe mit Eigenschaften die man auch Eigenheiten nennen kann. Wie das mit Eigenheiten so ist, muss man sich im Lauf der Zeit an sie gewöhnen um sie irgendwann zu schätzen und vielleicht sogar zu lieben.

Vom Raum allein, so charakteristisch er auch sein mag, lebt ein Cafe selten. Die Wertschätzung steigt wenn sich dem Raum entsprechende Speisen zugesellen. Ich nehme an es wird nicht allzuviele Menschen in München geben, die wissen, dass es in diesem Cafe den besten Mohn- und einen der besten Schokoladengugelhupfe der Stadt gab.

Das alles war einmal. Dann kam der Großumbau, die Genaralsanierung mit Teilabbruch und Neubau.

Das ficht in der Regel einen Mohngugelhupf überhaupt nicht an. Seine Qualität und seine Geschmacksentfaltung stehen über solchen Vorhaben. Und doch gibt es bedauerlicherweise einen Zusammenhang der dafür gesorgt hat, dass dieser Gugelhupf und die den Um- und Neubau symbolisierende Goldschachtel hinter der Glyptothek keine Freunde werden konnten.

Kennt man die Entstehungsgeschichte des aktuellen Baus dann fügt sich hier unausweichlich Eins ins Andere. Es ist die alte Geschichte vom erhofften großen Wurf, der aber leider über internationales Mittelmaß nicht hinauskam und dabei Veränderungen evoziert hat die uns und den Gugelhupf empfindlich getroffen haben. Denn wenn ein Großarchitekt für 54 Millionen !! baut darf natürlich in der Folge ein leistungsfähiger Großgastronom, einer der München schon an unendlich vielen Stellen mit seinen austauschbaren Produkten beglückt, nicht fehlen. Es ist leider nicht in Erfahrung zu bringen warum die alten Pächter des Cafes, die sich unseres Wissens auch bei der Vergabe für die Pacht des neuen Cafes beworben hatten, den Zuschlag nicht bekommen haben. Als VOF-geplagte Architekten können wir uns aber bestens vorstellen wie soetwas ablaufen kann. Das bestbewährte VOF-Prinzip – wer viel hat muss noch mehr bekommen, wer nicht viel hat ist einfach nicht leistungsfähig genug, trägt hier sicherlich auch seine Früchte.

Die Goldschachtel die uns in ihrem deplatzierten und wie man liest untilgbaren Goldglanz immer an 54 Steuermillionen erinnern wird, ist jedenfalls ein herausragendes Beispiel dafür, daß das leistungsfähige und in diesem Fall äußerst renommierte Großbüro nicht an jeder Stelle der richtige Partner ist und der Großgastronom auch nicht jedermanns Geschmack trifft. Dass der geniale Mohngugelhupf zusätzlich als Kollateralschaden in Kauf genommen werden muss, schmerzt doppelt.

Es tröstet uns auch nicht so recht, dass der Gugelhupf uns sozusagen ein Schicksalsgenosse geworden ist, ebenso wie viele von uns dem Glauben an vermeintliche Leistungsfähigkeit zum Opfer gefallen. Sollen wir uns jetzt in das uns zugedachte Schicksal fügen und das jetzt auch an der Briennerstraße in München angekommene international ubiquitäre Museumsflair mit Gastroterrasse genießen ?

Nein ! Wir gehen stattdessen einfach in die Glypthothek, wo wir zugegebenermaßen auch keinen solchen Mohngugelhupf bekommen, dafür aber einen der schönsten und garantiert goldfreien Innenhöfe Münchens genießen können. Das Gold und seinen Glanz überlassen wir denen, die es sicherlich auch zu schätzen wissen – den internationalen Museumstouristen.

SEXY SHAPE URBANISM – Neuer Städtebau in München

 

Städtebau ist schon seit Jahren in aller Munde. Publikation folgt Publikation. Wir lesen u.a. von der amalgamen, von der kreativen, oder gar der kontrollierten Stadt um nur einige der wichtigsten Publikationstitel zu nennen. Die Aufmerksamkeit die dem Städtebau derzeit zuteil wird ist ein Hinweis auf die längst überfällige gesellschaftliche Erkenntnis seiner Bedeutung und damit ein positives Zeichen.

Ebenso wie das vorangegangene, lange gesellschaftliche Desinteresse bleibt auch die große und beinahe überbordende Aufmerksamkeit nicht ohne Folgen. Ein Trend, der sich in der Architektur schon lange durchgesetzt hat, scheint auf den Städtebau übergegriffen zu haben. Es geht dabei um ein Phänomen, das sich am allerbesten an den Wettbewerbsentwürfen ablesen lässt, die von größeren Restriktionen und Einflußnahmen noch nicht verbogen wurden. Gemeint ist die Aufmerksamkeitsabsicht (Aufmerksamkeitsintentionalität) die sich zunehmend an den Entwürfen ablesen lässt. Hier ist das Ziel des Entwurfs nicht mehr allein die Findung der besten Lösung einer Aufgabe an einem spezifischen Ort, sondern eine auffallende Andersartigkeit und Ungewohntheit.

Wie gesagt, die Architektur kennt das schon seit langem, und wir lernen damit zu leben, mit den allerorten hervorsprießenden Unikaten auch an Stellen, wo man sie mit stupender Verwunderung wahrnimmt. Einiges ist wirklich faszinierend, anderem sieht man die Qualen an, unter denen es durch die Hirnwindungen gepresst wurde. Selbst die faszinierendsten Projekte legen den Gedanken nahe, ob es sich hier wirklich um angemessene Lösungen der gestellten Aufgabe handelt. Jedes Bürohaus ein exaltiertes Eventgehäuse mit Piranesischen Raumfolgen, jede Universitätsfassade ein sich tentakelhaft windendes Relief, das in dunklen Stunden Übergriffe befürchten lässt.

 

shape rules

Dass eine Disziplin wie der Städtebau in diesem Punkt nicht lange abseits stehen kann, steht außer Frage, sind doch die hier aktiven Kollegen alle Teil einer Architektenschaft, die sich medial präsentieren und vermarkten muss. Im Städtebau geht es im allgemeinen um Konzepte, die Strukturen, Raumfolgen und Bebauungen vorschlagen, die über einen meist längeren Zeitraum hinweg realisiert werden sollen. Eine allzu prägnante, expressiv-formale Ausprägung vorgeschlagener Strukturen stellt, das leuchtet schnell ein, schon allein aufgrund der begrenzten Halbwertszeit expressiver Formen einen Widerspruch zum zeitlich gestreckten Realisierungshorizont städtebaulicher Planungen dar.

Natürlich kann man darauf verweisen, dass es solche Entwürfe schon immer gab. Man denke nur an Peter Eisenmans Rebstockpark in Frankfurt (grandios gescheitert) oder den preisgekrönten Entwurf von Liebeskind für die Landsberger Allee / Rhinstraße in Berlin. Diese waren jedoch zu ihrer Zeit Ausnahmeerscheinungen. Jetzt aber scheinen die Ausnahmen zur Regel zu werden. Wir stehen offenbar an einer Schwelle, an der Städtebau in den Strom kreativer Formfindung gerät. Das ist ein Paradigmenwechsel, denn bisher war die kreative Formfindung stets dem strukturstiftenden Städtebau nachgeordnet.

 

Münchens „Sprung nach vorn“

München, bisher eher mit dem Image „konventioneller“ Städtebaustrategien versehen, schickt sich scheinbar an, dieses mit einem großen Sprung nach vorn ablegen zu wollen. Belege sind in den letzten Jahren entschiedene, allerdings damit noch lange nicht realisierte 1. Preise von Wettbewerben wie „Leben in urbaner Natur“ 1: eine sich wurmartig, vielfach schlängelnde Bebauung aus vier Großformen mit unterschiedlichen Gebäudehöhen, durchzogen von parkartigem Grün, oder die Paul-Gerhart-Allee: polygonale Blöcke, unterschiedliche Bauformen aufnehmend, zwischen denen sich in der Mehrzahl dreiecksförmige bis polygonale Freiräume in kurzer Folge aneinanderreihen, und erst kürzlich die Wohnsiedlung an der Ludlstraße: eine Lärmschutzbebauung, die sich u-förmig um ein Baugebiet an der Autobahn nach Lindau legt. Nach außen bleiben die Raumkanten noch relativ ruhig, wenn auch nicht geradlinig, nach innen jedoch bilden sie dreiecksförmige Ausbuchtungen und polygonale Nasen, innerhalb des u-förmigen Gesamtgebildes sind pentagonale Punkthäuser gleichmäßig verteilt und von einer ca. in Mitte und in Längsrichtung des langrechteckigen Grundstücks verlaufenden Erschließungsstraße durchziehen Wohnwege, sich netzartig um die Punkthäuser legend, das Baufeld beidseits der Erschließungsstraße.

 

Sexy shapes

Alle diese Entwürfe zeichnen sich durch klar definierte aber auch sehr spezifische architektonische und städtebauliche Formen – sexy shapes – aus. Alle gewinnen ihren Reiz durch die Andersartigkeit dieser Formen und alle verlieren ihren Reiz, wenn diese Formen so nicht umgesetzt werden. Die ausgebildeten Räume nehmen zwar die Erschließungsstraßen noch auf, die Raumbehandlung ist jedoch nicht mehr auf die Definition von Straßenräumen ausgerichtet. Vielmehr liegt die Straße als Band in einem fließenden Raum, der mit anderen Räumen, seien es Hof- oder seien es Platzräume zusammenfließt. Was dabei als Hof oder Platz definiert wird, folgt mehr der Logik eines grafischen Musters denn einer räumlichen Logik. Wichtig scheint, dass es entgegen dem klassischen städtebaulichen Muster mehr Platzräume als Straßenräume gibt. In München steht mit Jürgen von Gagerns Städtebau um den Westpark ein realisiertes Beispiel. Schlängelnde Baufiguren umschließen nach außen u-förmig den Park. As hier besticht ist die Anbindung an den Park. Städtische Qualitäten, wie sie ganz „banale“ Strassen und Plätze liefern, finden wir hier nur in dem Zentrumssurrogat am nördlichen Kopfende. Ein Stück Stadt aus Randbebauung, viel Park und Einkaufszentrum. So baut man, wenn man Stadt als eine Aneinanderreihung von Versatzstücken versteht, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie durch umgebende, meist abweisende Hauptstraßen und vielleicht noch durch Grünzüge verbunden sind.

 

Zurück zu sexy shape. Ein hervorstechendes Kennzeichen dieser Entwürfe ist ihre Fremdkörperhaftigkeit mit der sie in ihre Umgebung gesetzt sind. Ist diese banal und von mediokrer Architektur geprägt, scheint das den Bestand in den Augen der Planer derart zu stigmatisieren, dass er nicht einmal des strukturellen Weiterbauens für würdig befunden wird. Verlorengegangen ist auch die klassische Straße als lebenswerter Stadtraum. Sie scheint in der Gedankenwelt vieler Planer nicht mehr vorzukommen und in dem Bestreben nach Auffälligem, das viele Wettbewerbe derzeit beherrscht, als wenig erfolgversprechende Strategie eingeschätzt zu werden. Betrachtet man die angesprochenen Lösungen unter dem Aspekt, dass sie letztlich auch nur Interpretationen dessen sind, was in der Gesellschaft gefragt oder nachgefragt wird, dann lässt sich daraus unter anderem ein Bedürfnis nach Distanz herauslesen. Denn die dort angebotenen und die Entwürfe kennzeichnenden großen Zwischenräume werden zwar als Kommunikationsräume verkauft, schaffen aber zuerst Distanz, die für aktive Kommunikation überwunden werden muss.

 

Neu und bewährt

Der Wert des „Neuen“ ist in den Zeiten, in denen Leistungen mit Aufmerksamkeitswährung vergütet werden, nicht zu unterschätzen. Neues will und sollte jedoch gut durchdacht sein, bevor Altbewährtes über Bord geworfen wird. Neues ist, vor allem im Städtebau, meist gar nicht neu, sondern hat oft einen „Innovationswert“, der in der Vergangenheit liegt. Ein Blick in die Geschichte städtebaulicher Versuche und Experimente ist hier immer hilfreich. Hilfreich aber nur dann, wenn man die Dinge vor Ort studiert oder sich zumindest aktueller Studien bedient. Andernfalls läuft man Gefahr, die Elogen der noch ungeprüften Anfangsjahre oder deren ständiger Repetition aufzusitzen und das noch nach vielen Jahren, in denen die Realität schon längst ein völlig anderes Bild hervorgebracht hat. Als Beispiele seien hier nur das notorische Marquess Road Estate oder das Brunswick Centre in London genannt. Beispiele, denen in Publikationen und Führern mit den immer gleichen Sätzen gehuldigt wurde, obwohl sie in London schon längst als soziale Problempunkte (Marquess Road Estate) oder muggers paradise (Brunswick Centre) notorisch bekannt waren.

 

Neu, urban und sexy

Dass sexy shape nicht notgedrungen mit dem Aus kippen urbaner Qualitäten einhergehen muss, zeigt die inzwischen wohl schon jedem bekannte Kabelwerkbebauung in Wien. Auf den ersten Blick stechen auch hier die sexy shapes ins Auge. Hat man das Projekt vor Ort besucht und ist man bereit, die formale Exuberanz hinter sich zu lassen, werden schnell andere Eigenschaften evident. Hier wurde sehr bewusst Einbindung betrieben, und zwar strukturell und nicht formal. Schon das selbst gewählte Motto des Projektes „Kabelwerk – ein Stück Stadt“ kündet davon. Neues und Altes, obwohl formal kaum unterschiedlicher denkbar, folgen einer Übereinkunft, die da lautet: Wir sind Stadt, wir wollen Stadt sein und so verhalten wir uns auch. Wir definieren Wegeverbindungen als Räume, wir wenden uns ihnen mit unseren Fassaden und Eingängen zu, wir glauben, dass Straßen und Wege nicht nur Transporträume sondern wichtige Kommunikationsräume sind. Bestand muss nicht auf Distanz gehalten, sondern integriert werden, egal wie gut oder schlecht seine Architektur derzeit bewertet wird. Stadt lebt von Verbindungen, die sich zu Netzen frei zugänglicher Räume verknüpfen und von fließenden Übergängen der Bebauungen. Brüche müssen nicht künstlich geschaffen werden, es gibt schon durch schwer überwindliche Infrastruktur- und Landschaftselemente genug davon.

 

Einen Konsens bezüglich guten und angemessenen Städtebaus werden wir nur sehr schwer herstellen können. Wir werden mit Fehlschlägen und Fehleinschätzungen leben müssen. Umso wichtiger ist es zurückzublicken in die unmittelbare und weitere Vergangenheit, um nicht von einem Fehler in den nächsten zu stolpern, um uns nur dann von der sexyness des scheinbar Neuen verführen zu lassen, wenn sie auch wirklich die Qualitäten bietet, die ihr schickes Layout verspricht.

 

Sexy shapes sind gefragt in München – vor Fehlern bewahren sie nicht.

 

 

1 2. Preis im Gutachterverfahren, wird jedoch umgesetzt.

VIERZIG + ZWEI JAHRE GEHWEGPLATTE – Fussgängerzone München

Vor zwei Jahren war das 40-jährige Jubiläum der Münchner Fußgängerzone. Ihr seid zwei Jahre zu spät – könnte man also gleich zu Anfang einwenden.  Wer zu spät kommt den bestraft das Leben – vorzugsweise mit Missachtung und Desinteresse.
Macht nichts, antworten wir, es hat sich ja seither nichts grundlegend verändert, gleichzeitig sind die Vorboten einer Veränderung gerade jetzt erkennbar.

Genau deshalb ist der Zeitpunkt richtig, nochmal ganz genau hinzuschauen.

Sie war nicht die erste Fußgängerzone in Deutschland. Wie so oft hat es in München etwas länger gedauert bis ein innovatives Konzept sich durchsetzen konnte. Einfach war es trotzdem nicht.
Die erste Fußgängerzone in Deutschland ist die Treppenstrasse im Zentrum Kassels, die bereits 1953 eröffnet wurde. 1967, also zehn Jahre später, wurde in München der Wettbewerb zur Umgestaltung von Neuhauser- und Kaufingerstrasse mit anschließenden Seitenräumen entschieden. In der Diktion eines der Verfasser des später realisierten Wettbewerbsentwurfes, Prof.  Bernhard Winkler sollte “ das Wesen der Strasse von einem Flur, der nur zum Durchgehen dient sich zu einem menschlichen Lebensraum hin verändern, dessen  Aktivitäten von sehr komplexer Natur sind. Der Aufenthalt, das Verweilen in diesem Raum sollte ausschlaggebend sein, nicht das Gehen als Fortbewegung.“ Ein schöner Leitsatz an dem man die Qualität die Fußgängerzone auch und gerade heute messen sollte.

 

Erfolg, Veränderung – Wertschätzung ?
Oft, vielleicht schon zu oft, für aufmerksames Hinsehen sind wir alle durch die Fußgängerzone gegangen. Vor vierzig Jahren hat man sicherlich ein anderes Bewusstsein gehabt für die neuen Errungenschaften, wie die Freiheit der Bewegung, das unbehinderte Flanieren in einem zentralen öffentlichen Straßenraum, die einheitliche Bodengestaltung von Hauskante zu Hauskante, eine nicht von abgestellten Formblechbehältern verstellte Raumwirkung. Heute sind das den Meisten nur noch wenig beachtete Selbstverständlichkeiten. Der Aufmerksamkeit gleichermaßen entzogen sind die Dinge die im Zuge einer graduellen, schleichenden Veränderung Einzug gehalten haben.  Geschäftlich erfolgreich ist sie allemal, die Münchner Fußgängerzone. Das beweisen statistische Erhebungen zu Umsatzzahlen, Passantenströme und Ladenhöchstmieten jährlich aufs Neue.  Das optische, das gestalterische und das atmosphärische Bild, das sie uns heute liefert passt dazu allerdings nicht. Was wir heute sehen können oder vielleicht treffender, sehen müssen, ist ein in die Jahre gekommenes Gestaltungs- und insbesondere Materialkonzept. Hier feiert die Münchner Gehwegplatte Triumpfe. Zusammen mit unregelmäßig in variierender Breite angelegten Gliederugsstreifen aus Kleinsteinpflaster und parallel dem Raumverlauf folgenden Pflasterrinnen ist sie das bestimmende, ja beherschende Material. Da sie sich jetzt auch noch großflächig in weitere neugestaltete Zonen wie das Tal und die Sendlinger Straße ausbreitet, muß hier einmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass sie kein angemessener Bodenbelag für derat wichtige und wertvolle Stadträume ist.  Würden sie im ihrem Wohnzimmer PVC verlegen während nebenan im Bad Marmor liegt ? Wohl kaum.
Altern in Würde, Patina als Spur des Lebens und Gebrauchs, das ist ein grundlegendes Thema in der Auswahl des Materials, auch bei Strassen- und Platzbelägen. Die in der Betoneuphorie der damaligen Zeit gewählte Betonplatte, strahlt weder im neuen noch im gealterten Zustand etwas Reizvolles, geschweige denn Würdiges aus. Sie ist pragmatisch, praktisch und kostengünstig – nicht mehr und nicht weniger.
Es scheint in München kein Konzept zu geben das für die Politik , die Bürger und die Planer beispielsweise in Form einer Kategorisierung der städtischen Freiräume zum Ausdruck bringt, wo welche Wertigkeit angemessen und einer Gestaltung zugrunde zu legen ist. Sonst könnte die Fußgängerzone schon lange nicht mehr so aussehen wie sie aussieht.  In anderen Städten legt man mehr Wert auf die Qualität, Haltbarkeit und Alterungsfähigkeit des Bodens der wertvollsten Stadträume. Regensburg sei hier als leuchtendes Beispiel genannt, aber selbst die sparsamen Augsburger Schwaben sind derzeit damit beschäftigt große Teile ihrer Innenstadträume auf ein angemessenes Niveau zu bringen.

 

Alles moderat
Würde man versuchen die Eindrücke vom Leben in der Fußgängerzone mit einem Wort zu charakterisieren so käme vermutlich „moderat“ dabei heraus.  Alles erscheint auf irgendeine Art moderat. Es gibt Aussengastronomie, die trotz großen Drucks, von der Stadtverwaltung noch auf einem moderaten, verträglichen Level gehalten werden kann. Es gibt Verkaufsstände (meist Obst oder gebrannte Mandeln, manchmal auch traditionellere Maroni), es gibt ein bisschen Grün.  Alles in Maßen, alles moderat. Es gibt moderat wenige Sitzgelegenheiten, moderat wenige Bettler, moderat wenige Fahrradständer und Hundeklos und in der Summe ergibt das moderat wenig Charakter.
Die Häuser die den Raum säumen haben sich in diesen vierzig Jahren oft mehrmals gehäutet. Manche sind dabei sogar schöner geworden, andere nur „moderner“. Das eine oder andere allerneuester Umgestaltungsprojekte hat trotz ästhetisch ansprechender Fassade aber leider den Maßstab in der Gliederung verfehlt, hält sich wohl eher für eine „Einkaufskathedrale“ als für ein Geschäftshaus unter Seinesgleichen. Selbst ehrwürdige Kirchenbauten werden da in den Schatten gestellt.  Die Gewichtsverschiebung, die hier zum Ausdruck kommt, kann man in Frage stellen, die Fußgängerzone als Raum verträgt es. Das räumliche Kontinuum zwischen Karlstor und Marienplatz ist stark genug um mit dieser Vielfalt umzugehen.

 

Neu, altneu oder ganzneu ?
Wer, wie wir es hier versuchen, genauer hinsieht, kann derzeit die ersten Ansätze eines Aufwertungsbemühens erkennen. So wie es sich darstellt muss es wohl eher Renovierung denn Neugestaltung genannt werden. Wie im marienplatznahen Abschnitt der Sendlinger Straße schon sichtbar, scheint es Absicht der Stadt zu sein die Kleinsteinflasterzeilen und Rinnen durch dunkle Natursteinplattenbänder zu ersetzen.
Wenn das so kommen soll, ist es ein beinahe denkmalpflegerischer, aber leider auch mutloser Ansatz. Schwarzgrau an mausgrau. Harmoniert, aber leider nur in brüderlicher Tristesse. Die verlegten Natursteinstreifen jedenfalls erreichen nicht den gleichstarken Gliederungseffekt wie die Pflasterbänder mit ihrer weit stärkeren Körnigkeit. Das verspricht noch homogener in der Wirkung zu werden als es ohnehin schon ist. Attraktiver wird der Stadtboden so nicht.

Wählt man einen solcherart konservierenden Ansatz, muss man gute Gründe dafür haben. Sei es man hat kein Geld, sei es, man hält das ursprüngliche Gestaltungskonzept für so bedeutend, dass es der Nachwelt unbedingt zu erhalten wäre. Beides ist hier unwahrscheinlich.
Die Landeshauptstadt München hat vermutlich soviel Geld in den Kassen wie nie und das Gestaltungskonzept ist nicht mehr als ein Kind seiner Zeit, dessen Anspruch auf zeitlose Gültigkeit wir verneinen möchten, zumal ihm eines ziemlich abgeht, die Aufenthaltsqualität.  Aufenthaltsqualität ist mehr als die Möglichkeit von Fahrzeugen aller Art unbelästigt durch die Strassen gehen zu können. Obwohl in der Fußgängerzone immer etwas los ist, ist sie doch kein Platz, an dem man sich als Münchner, in eines der zahlreichen Freischankangebote setzten würde. Die Wortwahl „Freischankangebot“ macht deutlich womit wir es gerade nicht zu tun haben, was uns davon abhält uns hier aufzuhalten zu wollen.  Angeboten wird uns eben kein Garten, auch kein Straßencafe, sondern etwas seltsam Undefiniertes, Beiläufiges, wenig Charakteristisches und Charaktervolles.  Weitere, insbesondere nichtkommerzielle Aufenthaltsmöglichkeiten, außer den frei verschieblichen, silbernen Stühlchen gibt es kaum.  Alles in diesem Raum ist sehr beilläufig , ja flüchtig angelegt. Der kontinuierliche, mal stärker und mal schwächer dahinfliesende Passantenstrom ist das bestimmende Element. Das Motto ist klar: Geh shoppen, bleib nicht zu lange und wenn du schon meinst verweilen zu müssen dann zahl gefälligst dafür. Geschäftlich funktioniert das.  Warum sich also beklagen ?

Denkt man darüber nach stellt sich sehr schnell die Erkenntnis ein, dass dieser Zustand Ausdruck einer ziemlich vollkommenen Funktionalisierung ist.

Stadtraum wie wir ihn uns vorstellen funktioniert anders. Er hält ein differenziertes Angebot für unsere Aktivitäten im städtischen Aussenraum bereit.  Wir wollen dort auch mal sitzen ohne zu konsumieren,  ausruhen, verschnaufen, einfach nur schauen, auf Bänken, vielleicht auch nur auf Stufen oder Sockeln, weniger auf Gartenstühlchen, die so schön beiläufig sind und sich so gerne um die rückhaltgebenden Pflanzkübel schutzsuchend zusammenrotten, die auch im Sitzen noch den Flüchtigkeitsgedanken widerspiegeln.
Einen solide Bank, ein zum Sitzen geeigneter Sockel oder Sitzstufen strahlen die Anmutung des Festen, und Unverrückbaren aus. Der freistehende Stuhl, so reizvoll er auf den ersten Blick erscheinen mag ist ein Symbol der Vereinzelung und der Verfügbarkeit. In diesem Modell für Sitzen im Stadtraum ist nichts Gemeinschaftliches und Verbindendes. Ein dislozierbares Objekt im Strom der Passanten. Das Sitzmodell als  perfekter Spiegel der allumfassenden Dominanz des Passantenstromes.

 

Zwischen ästhetischer Dauerhaftigkeit und Sensation
Die Frage der notwendigen Sanierung durch eine Neugestaltung, mit einem möglichst offenen konkurierenden Verfahren zu lösen, wäre die eleganteste Lösung gewesen. Wir wissen nicht warum es dazu nicht kam.  Gegner dieses Vorgehens gibt es immer und allerorten zuhauf. Oft genug setzen sie sich leider auch noch durch.
Alle vierzig oder auch schon zwanzig Jahre neugestalten oder das Bewährte bewahren, sind zwei gegensätzliche Pole. Für jeden von Ihnen lassen sich gute Argumente ins Feld führen.
Bewahren setzt immer Bewahrenswertes voraus, setzt auch voraus, dass ein Gedanke des Bewahrens und der Dauerhaftigkeit schon im Ursprung angelegt wurde. Das aber geht gerade vielen der Freiraumgestaltungen aus den 60 und 70er Jahren ab.  Dort wo dies allerdings geschehen ist stellt sich kein Eindruck der Schäbigkeit und Vernachlässigung ein. Dort hat sich in der Regel eine angenehme Patina gebildet, eine die Härte des Neuen mildernde, Steine und Flächen mit Nutzungsspuren versehende und häufig die Farbigkeit ins Changierende hinüberspielende Gebrauchsspur,  die keineswegs als Abnutzung wahrgenommen wird, sondern vielmehr dazu angetan ist eine dezente Würde auszustrahlen. Das was wir an Wohlgealtertem so schätzen.
Haltbarkeit und Dauerhaftigkeit sind nicht nur Kriterien der Materialwahl sondern auch der Ästhetik. Ästhetische Haltbarkeit oder auch ästhetische Nachhaltigkeit ist leider ein komplett in Vergessenheit geratenes Gestaltungskriterium. Manche verwechseln diese Haltung mit Einfallslosigkeit,  Andere diskreditieren sie bewusst indem sie sie mit dem Begriff Langeweile stigmatisieren.
Die Extreme kurzlebiger Neugestaltungsansätze sind heute in Kopenhagen mit dem Landschaftspark Superkilen von von Topotec 1, BIG und superflex, oder dem roten oder Raiffeisenplatz von Pipilotti Rist in St. Gallen zu besichtigen, vielleicht auch zu bestaunen. Beide mit großer Begeisterung, nicht nur in der Bevölkerung, aufgenommen.
Folgt auf das berechtigte erste Staunen das Nachdenken wird schnell klar daß diesen Projekten kein Dauerhaftigkeitsgedanke innewohnt. Hier ist die Kurzlebigkeit Programm. In zweierlei Hinsicht. Das Material ist nicht geeignet gute Patina anzusetzen und die Ästhetik ist so extrem zeitbezogen, dass zu befürchten ist, sich in kürzester Zeit daran zu übersehen. Spätestens dann handelt es sich um Mode der letzten Saison.  Alles in allem ein enormer Aufwand für eine kurzfristige Angelegenheit, angelegt um demnächst von der nächsten Sensation abgelöst zu werden und dann schnell in Vergessenheit zu geraten – Schnee von gestern.

Derartiges braucht München, jedenfalls an dieser Stelle, nicht.

 

Ansprüche an eine europäische Großstadt
An eine Großstadt, die im Konzert europäischer Großstädte mitspielen will, kann man für die Stadträume im zentralsten Bereich, im Herzen der Stadt, hohe und höchste Ansprüche stellen.
Entsprechend groß und breit muss der Gedanken- und Ideenpool im Wettstreit um eine adäquate Gestaltung geöffnet werden. Kleinere bayerische Städte sind hier der Landeshauptstadt schon voraus.
Ein abschreckendes Beispiel provinzieller Gestaltung in bester Lage und somit vertaner Chancen können wir am Oberanger, in räumlicher Nähe zur Fußgängerzone, bereits bestaunen.  Abstandsgrüncharme neben Betonplattenödnis, als Sahnehäubchen eine zur Kunst stilisierte Duschkabine. Der Ästhet fröstelt und sucht mit Ganzkörpergänsehaut schnell das Weite. Der Jakobsplatz ist gottlob nicht weit und verspricht hier Linderung.

Es bleibt die Hoffnung. Die Hoffnung, dass der Zug für die Fußgängerzone nicht schon in die falsche Richtung abgefahren ist.  Wenn doch, ist Kurskorrektur, Umleitung auf das richtige Gleis vielleicht eine lohnenswerte Aufgabe für einen ästhetisch sensiblen und entscheidungsfreudigen neuen Münchner Oberbürgermeister.