Fremd werden

Guten Morgen Frau Nachbarin,  guten Abend Herr Nachbar !
So würde ich Sie vielleicht ansprechen wenn sie im gleichen Haus wohnen würden wie ich. Tun Sie aber nicht ! Genau ! Deshalb ist dies auch nur der Auftakt zu einer Betrachtung über das fremd werden.

Wenn die Geschichte beim Nachbarn beginnt, so beginnt sie, am anderen Ende der Skala, dort wo man sich noch nicht fremd ist. Geht also Einer aus der Türe seiner Wohnung so ist er Nachbar. Geht Einer aus dem Haus auf die Straße so ist er auch Nachbar – für den der im Nachbarhaus wohnt. Geht er zwei Strassen weiter so ist er ein Fremder, obwohl ihm selbst der Ort nicht fremd ist und er sich dort auch in der Regel nicht fremd fühlt. Geht er in den Laden, der drei Blocks weiter liegt, und in den er immer geht, so ist er dort ein Bekannter. Trifft er dort Leute die dort, ebenso wie er, auch öfter einkaufen, so sind auch sie Bekannte. So entwickelt sich ein Geflecht von Beziehungen mit graduellen Abstufungen, ein Geflecht wie es an allen Orten, wo Menschen zusammen leben, zu finden ist.  Personen und Orte sind dabei miteinander verbunden. Der Ort lokalisiert die Person, gibt ihr Identität und Verankerung. Das Geflecht, das Netz aus Orten und Menschen und ihren Beziehungen hat, um sich ausbreiten zu können und eine gewisse Wirksamkeit entfalten zu können, Vorraussetzungen. Wie alle Netze erfordert es Kontinuität, die Kontinuität seiner Maschen. Ein Netz kann jedoch auch Fehlstellen haben. Die sind dort wo die Maschen gerissen, oder zu groß sind. Zu groß sind sie wenn etwas hindurchschlüpfen kann, der Zusammenhalt des Netzes geschwächt ist. Löcher im Netz sind Gefährungsstellen für das Netz als Ganzes. Ein Netz lebt von der kontinuierlichen Kraftübertragung. Ist sie geschwächt oder mehrfach unterbrochen droht Rissgefahr. In der Folge kann das Netz seinen Zweck, Verbindungen zu schaffen und im Verbund zusammenzuhalten irgendwann nicht mehr erfüllen.  Aus diesem Grund sind klassische Netze in der Regel gleichmässig strukturiert, Masche an Masche. Natürlich kann man Netzte auch anders knüpfen, wenn sie beispielsweise einem anderen Zweck dienen.

Auch Städte können als Netze gelesen werden, als Netze aus Strassen, aus Wegen und Gassen. Die Maschen sind hier manchmal regelmäßig, und rechtwinklig, öfter jedoch unregelmäßig und polygonal, bei größeren Gebilden meist gar aus vielerlei Teilnetzstrukturen zusammengefügt. Die Löcher, Fehlstellen oder Einschnitte dieser Netzte sind große Parks, Grünzüge, Wasserflächen, Industriebrachen, abgeschlossene Bereiche wie z.B. Miltärareale, Krankenhaus- oder Schulanlagen um nur die wichtigsten zu nennen. Diese Löcher, denken wir beispielsweise an einen Park, können auch positive Einflussfaktoren sein, jedoch nicht für den Belang des Netzzusammenhalts. „Löcher“ sind jedoch nicht die einzigen Störfaktoren des Netzzusammenhalts, nein auch die Art wie das Netz geknüpft ist kann ein Störfaktor sein. Der kontinuierliche Kraftverlauf entlang der Netzmaschen kann verglichen werden mit dem kontinuierlichen Strom der Passanten in einem räumlichen Netz.  Dieser funktioniert umsobesser je gleichmässiger die Maschen angelegt sind, je kontinuierlicher sie verlaufen. Engmaschigkeit allein ist dabei kein Kriterium für gutes Funktionieren des Netzes. Es funktioniert dann gut, wenn es, mit graduellen Abstufungen, eine gleichmäßige Präsenz von Menschen im Netz (des öffentlichenRaumes) sicherstellt. Es gibt die Beispiele, die zeigen, daß enmaschige Netze, verbunden mit einer strukturellen Diskontinuität das Funktionieren des Netzes massiv stören  (ein gut untersuchtes Beispiel ist das Marquess Road Estate in London, einstmals preisgekrönt und vielbeachtet, heute bekannt als muggers paradise). Hier bricht sich an den Aussengrenzen des Estates der Strom der Passanten ab. Das Estate ist wie ein kleinteiliges Labyrint angelegt, mit vielen Verschwenken und Richtungswechseln der Wege, mit vielen kleinen Aufenthaltplätzen. Das Netz ist im Estatebereich sehr viel kleinteiliger und weniger kontinuierlich angelegt. Irgendwie idyllisch, doch trügerisch. Dorthinein verirrt sich kein Fremder und diejenigen die hineinmüssen, weil sie dort wohnen, fühlen sich zu bestimmten Zeiten unwohl, weil sie kaum jemandem mehr begegnen. Bricht der Passantenstrom so bricht auch auch die örtliche Kenntnis.  Ein Ort den niemand betritt, auch nicht zufällig, ist fremd und bleibt fremd. Fremd sein heißt nicht kennen, kein Nachbar sein, auch kein Bekannter sein. Fremdsein lässt Spekulationen Raum, leistet Gerüchten und Stigmatisierungen Vorschub. Fremdsein hat nicht nur über Länder und Kontinentgrenzen eine räumliche Dimension sondern auch im Nahbereich unserer Städte. In nahezu jeder Stadt gibt es die Bereiche die keiner kennt, wo niemand zufällig hinkommt. Dies mag in einigen der bereits genannten Fälle unerheblich, ja normal sein. So manches Schulgelände hat noch nie jemand, der dort nichts zutun hat, betreten. Macht erstmal nichts. Ob ich das Schulgelände kenne oder nicht  ist vielleicht nicht wirklich relevant. Relevant wird aber sein wenn das Schulgelände Größen errreicht die ganze Stadtbereiche voneinander trennen. Wir denken an den Bereiche zwischen Dachauer und XX Strasse in München. Wir denken an so manchen „Bildungscampus“ in neuen, aktuell entstehenden Stadtteilen. Das sind aus der Sicht des Netzes kritische Produkte. Produkte funktional-technokratischen Denkens in ihrer die Netzstruktur sprengenden Größe Störfaktoren städtischer Integration. Schlicht entgegen aller gut gemeinten Argumente zu vermeiden.

Noch schwieriger gestaltet sich die Situation wenn es sich um Wohngebiete handelt.  Wir lesen und hören heute viel von Integraton, vom Vermeiden von Ausgrenzung und Ghettobildung. Das ist gedanklich der richtige Ansatz. Gelingen kann er nur wenn auch seine räumliche Komponente erkannt und umgesetzt wird.

Aber klar ! rufen jetzt alle. Machen wir doch ! Fordern wir doch ständig !

Und doch tauchen sie immer wieder auf, und immer dann wenn es um mehr oder weniger reinen Wohnungsbau geht, die kleinen, von Grün umkreisten Nachbarschaften, die grünzugumzingelten Siedlungsteile, so klein daß sie einer Atomisierung des Stadtkörpers Vorschub leisten. Kleinnachbarschaftseinheiten, fein säuberlich gtrennt. Erkennbarkeit,  Ablesbarkeit, Gliederung – unverzichtbar. Oh ja ! !
Ja, Nachbarschaft braucht räumliche Nähe um Personen und Wohnorte mental verknüpfen zu können. Nachbarschaft braucht auch Räume um sich entfalten zu können, Nachbarschaft braucht jedoch keine räumlich vorgegebene Abgrenzung um sie zu erzeugen oder zu fördern. Denn Nachbarschaften in der Stadt sind fliesend und fliesend sind die sozialen Zusammenhänge dort wo Menschen zusammen leben. Eine Stadt ist selbstredend größer als ein Dorf.  Aus einer Aneinanderfügung von Dorf- oder Nachbarschaftseinheiten, nur um ein einfaches  Beispiel zu wählen, wird aber keine Stadt auch wenn die Fläche oder die Einwohnerschaft die gleiche Größe vergleichbarer Städte erreicht hat. Hinzu kommt, daß abgerenzte Nachbarschaften, wie auch Dörfer, eher soziale Homogenität als Vielfalt bedingen. Jeder der mal am Dorf gewohnt hat weiß wie schwierig all diejenigen, die anders sind, es dort haben. Die Homogenität der Mehrheit ist zu groß und dominant. Man wird Außenseiter oder geht weg. Das ist das dörfliche Prinzip, das ist das Prinzip der engen Nachbarschaft ohne Ausweg, ohne Alternativen. Da passt nicht jeder rein.
Das städtische Prinzip funktioniert anders. Es basiert auf Offenheit, einer gewissen Annonymität und Toleranz, auf der Fähigkeit und dem Willen Andersartigkeit zumindest zu tolerieren.  Auch das hat seine räumliche Vorraussetzung. Die liegt in der Offenheit des räumlichen Systems, in der Kontinuität in der das Netz der räumlichen Verbindungen geknüpft ist. Denn sie erst schafft die Vorraussetzung, die die Präsenz aller Lebensentwürfe im öffentlichen Raum ermöglicht. Der englische Philosoph und Architekturlehrer Bill Hillier hat dies die „virtual community“ genannt. Eine Gemeinschaft noch nicht realisierter sozialer Bindungen, aber mit einem unausgesprochenen, aber gelebten sozialen Konsens, beruhend auf den vorgenannten Grundeigenschaften des städtischen Systems.  Auch das ist ein Zusammenhalt, ein gesellschaftlicher Kit. Wie alles was Gesellschaften verbindet und Zusammenhält muß auch dies ständig neu verhandelt werden.  Architekten und insbesondere Stadtplaner nehmen unmittelbar an diesen Verhandlungen teil. Entsprechend hoch ist ihre Verantwortung. Haben sie kein Bewußtsein für diese Fragen entwickelt, denken sie immer nur auf der überschaubaren lokalen Ebene, dann schaffen sie die Voraussetzungen, daß wir einander fremd werden. Fremdsein lässt sich auch zuhause.

Advertisements

SCHÖNHEIT, VERGÄNGLICHKEIT UND WIEDERKEHR

Was ist schön, was ist hässlich, was ist nur banal ?

Über Schönheit lässt sich trefflich streiten und das ist gut so. Der im Zusammenhang mit Schönheit stets zitierte Immanuel Kant bringt es wie kein Anderer zum Ausdruck indem er dem Urteil über Schönheit einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zuschreibt. Schönheit sei „interesseloses Wohlgefallen“. Doch was schön ist oder nicht soll uns hier gar nicht interessieren. Uns interessiert was schön war, ob und wie es wiederkehrt und was wir daraus lernen könnten, wenn wir willens wären zu lernen. Man könnte es auch mit einem Zitat von leider unbekannt, einem Fundstück aus dem Netz sagen: Schönheit von gestern ist der Schmerz von heute und die Weisheit von morgen (Thomas Möginger). Man kann sich also die Frage stellen: ist Schönheit immer vergänglich. Was den Mensch betrifft lässt sich das bejahen. Natürlich wird ein schöner Mensch im Alter selten hässlich. Die Merkmale der Schönheit können meist weiter erkannt werden. Dem wahren Schönheitsideal aber können sie nicht mehr entsprechen.

Architektur hat aufgrund ihrer Beständigkeit andere Gesetzmäßigkeiten. Auch hier scheint Schönheit erstmal vergänglich zu sein. Viele der Bauten die wir heute als schön empfinden können den nächsten Modeschub schon nicht mehr bestehen. Doch anders als der Mensch kennt Architektur die Wiederkehr des Schönen von gestern. Eine neue Wertschätzung nach dem mehr oder minder langen Verlust derselben. Ein Phänomen das sich durch alle Zeiten verfolgen lässt. Das Schöne aus dem unmittelbaren Gestern ist das oft sogar der Verachtung anheimfallende des Heute. Damit muss und kann der Mensch leben. Er tat es schon immer. Der Renaissance folgte der Barock, der für letztere wenig übrig hatte, dem Barock der Klassizismus mit der gleichen Einstellung zu seiner Vorgängerin. Das ließe sich bis in die heutige Zeit fortsetzen, Moderne, Postmoderne,Dekonstruktivismus, Revision der Moderne etc., etc. . Problematisch wird das Ganze wenn der zeitweiligen Ver- oder Missachtung ein entsprechender Aktionismus oder der Furor der Erneuerung auf dem Fuße folgt, der Alles was vorher war, auszumerzen versucht. Das muss nichteinmal absichtlich sein. Es genügt die einfache, gedankenlose Missachtung des Gestrigen. Dem fallen meist unisono die guten und die schlechteren Zeugen der Vergangenheit zum Opfer.  Wenn die erneute Wertschätzung dann einsetzen könnte, sind sie oft leider schon unwiederbringlich verloren.

Dass Schönheit schnell verfällt, dass Moden ebensoschnell vergehen, das sind Allgemeinplätze. Nichts neues unter der Sonne. Warum aber, so frage ich mich, kehrt Schönheit wieder.  Warum wird Altes wieder als Schön angesehen, warum spricht uns das Gründerzeithaus an, das doch eher von durchschnittlichem ästhetischen Wert ist und nur in ganz wenigen Fällen wirkliche ästhetische Höhen erreicht. Nun werden alle sagen, natürlich sind es die immerwährenden Gesetze der Anmut und der Proportion, der Materialwahl und Lichtführung, die nach dem zeitbedingten Wertschätzungsverfall wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken und in den wirklich schönen Gebäuden, nachdem sich die Nebel der Mode gelichtet haben, wieder erkennbar werden.
Zuerst stellt sich die Frage ob es tatsächlich die Zeitgenossen eines Baustils, einer Bauepoche sind, die die Qualitäten einer einstmals abgeschriebenen Periode wiedererkennen, oder ob dieses Revival schon von der nächsten Generation ausgeht und demzufolge in seinem Ursprung keine Wieder- sondern eine Neuentdeckung genannt werden muß. Das tut dem Wiederneuentdeckten natürlich keinen Abbruch in seiner Berechtigung auf Wiederentdeckung und neue Wertschätzung. Der immerwährende zirkuläre Verlauf aus Handlung, Irrtum und Erkenntnis betrifft auch die Auffassung von Schönheit.  Nimmt man die Erkenntnis ernst muß daraus ein Plädoyer für mehr Gelassenheit, Rücksicht und Toleranz mit unseren gestrigen Bauprodukten, ganz besonders denen der nächsten und allernächsten Vergangenheit, folgen.

Das Naserümpfen , tödliche Mißachten der Zeugen jüngster architektonischer Vergangenheit durch die Architekten selbst ist stets der Beginn einer breiten öffentlichen Stigmatisierung dieser Bauten mit den bekannten Bereinigungsfolgen.