Modernes Denken ?

 

Was das wohl ist ? Da müsste man nun eigentlich vorab eine Definition finden und schon wäre man in die permanent lauernde Falle des Wortes „modern“ getappt. Denn kaum ein anderes Wort fordert die Definitionswut so heraus, dieses ewige sich abarbeiten am Begriff der „Moderne“.

Nein, nein, damit haben wir hier nichts am Hut.

Es geht hier um Anderes, es geht um Denkprozesse oder besser Denkmuster. Denkmuster die uns sehr geläufig sind, Denkmuster denen wir in unserer Arbeit als Architekten immer wieder begegnen. Begegnen sie uns zum erstenmal, glaubt man noch es mit individuellen Fehlleistungen, vielleicht auch nur mit Marotten spleeniger Einzelgänger zu tun zu haben. Irgendwann, nach längerer Beobachtung und meist mühsam gewonnener Erkenntnis müssen wir uns dann eingestehen es wohl doch mit mehr zu tun haben.

Beispiele ? Gibt es genug.

Hier eines aus der Praxis. Oft und immer öfter passiert es, dass man, auch als erfahrenes Büro, zu hören bekommt, dass in dem einen oder anderen Bereich der eigenen Kernkompetenz Spezialisten gebe, die für die für spezifische Aufgaben vorzuziehen wären. Das geschieht dann auch. Auf den ersten Blick eine banale Angelegenheit. Die Überschrift dafür könnte einfach lauten: Spezialist sticht Generalist. Das trifft es im Grundsatz, im Detail ist die Entwicklung dieses Musters schon weiter fortgeschritten.

Denn heute geht es bereits um Spezialisierungsgrade. Dass dabei häufig ein geringerer Spezialisierungsgrad mit einem breiteren Erfahrungsschatz einhergeht fällt immer seltener ins Gewicht. Ein inzwischen gängiges Denkmuster mit fatalen Auswirkungen.

Exzessive Spezialisierung und ihre Folgen dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Einseitige Betrachtungsweisen in isolierten Spezialbereichen führen selten zu einem guten Gesamtergebnis, insbesondere wenn dieses, wie in Architektur und Städtebau auf dem Zusammenspiel von vielen aufeinander einwirkenden und in gegenseitiger Abhängigkeit befindlichen Faktoren beruht.

Das ist wie wenn man behaupten würde eine optimierte Heizungsanlage, ein optimaler Wärmeschutz, beste Sicherheitseineinrichtungen und bombenfeste Materialien ergeben auch schon ein gutes Gebäude. Da muss man schon ein rechter funktionaler Einfaltspinsel sein. Das beschäftigt uns.

Noch mehr als einen solche Tendenz selbst beschäftigt uns allerdings die Unfähigkeit oder der Unwille über die Folgen solchen und des eignen Handelns im generellen nachzudenken, sich dieses vor Augen zu führen.

Dazu ein noch alltäglicheres Beispiel. Jeder kann sich bestens die Situation eines zeitgenössischen Konsumenten vor Augen führen, kann sich vorstellen etwas gekauft zu haben, sei es ein Kleidungsstück, ein elektronisches Gerät oder gar ein Auto. Was glauben Sie macht der glückliche Konsument zuerst ? Er geht auf Mängelsuche, auf die Suche nach einem Fehler, sei er auch noch so klein, um – Rabatt herauszuhandeln. Am liebsten lässt unser imaginärer Konsument das gute Stück, gleich um die Ecke vom Geschäft, mal eben fallen, um dann postwendend zurückzulaufen und entrüstet Nachlass zu fordern.

Bezahlen ? Nein, bezahlen tut unser Konsumentagr nicht gern. Am liebsten gar nicht mehr, oder wenn denn doch sein muß gleich mit in Selbstermächtigung großzügig eingeräumten Rabatten und Skonten. Die gleichen Personen, jetzt nicht mehr in ihrer Rolle als Konsumenten, stattdessen als Dienstleister, Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte etc. beklagen sich gleichzeitig bitterlich über ihre Kunden als säumige oder unvollständige Zahler. Niemals würde es ihnen aber in den Sinn kommen in ihrem eigenen Verhalten Vergleichbares zu erkennen.

Wie, so fragen wir uns, kann es sein, dass Verhalten und Denkweisen die noch vor wenigen Jahren als anstößig und nicht gesellschaftsfähig galten heute gängige Praxis geworden sind? Eine Frage, die man sich oft stellt ohne dafür eine wirklich schlüssige Antwort finden zu können.

Doch dann, in einem lichten Augenblick, wie der Zufall es oft will, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Unser zufälliger Anlass ist ein trauriger – der Toddes Schweizer Kulturanthropologen Rene Girard am 4. November diesen Jahres. Eines seiner großen Themen ist – die Rolle der Nachahmung in der Entwicklung des Menschen und ihre Rolle für die Gesellschaft.

Ja, die Nachahmung, das ist er doch, der gesuchte Schlüssel, die langgesuchte Erkenntnis.

Die Nachahmung ist, so Girard, ein in seiner Bedeutung oft vernachlässigter, jedoch immens wichtiger Faktor der menschlichen Entwicklung. Girard bezeichnet sie als das dynamischste Element der menschlichen Intelligenz. Aristoteles beispielsweise, definiert den Menschen als das mimetisschste Tier, das nichts so sehr liebe wie die Nachahmung. Nehmen wir das ernst und das sollten wir, dann ist klar wie sich Verhaltensweisen, auch solche die Einzelnen persönliche Vorteile bringen, in ihrer massenhaften Nachahmung aber für alle nachteilig sind, ausbreiten. Der Mensch hat gelernt nachzuahmen, er hat sich aus Nachahmung entwickelt. Das beginnt in der Kindheit und findet von da seine kontinuierliche Fortsetzung. Die Nachahmung (Mimesis) ist ein starker Impuls. Ein Impuls der weit dominanter ist als Einsicht und Erkenntnisfähigkeit, die ja auch wesentliche menschliche Fähigkeiten darstellen.

Das Zusammenspiel aus Mimesis und mangelnder Erkenntnisfähigkeit oder die Dominanz der ersteren über die letztere, zeitigt, so könnte man resümieren, die Resultate, die wir auf allen gesellschaftlichen Ebenen aktuell spüren. Geiz als erfolgreiches Modell führt zu noch mehr Geiz, Unverfrorenheit und Dreistigkeit wie sie heute allenthalben als Erfolgsmodelle vorgeführt werden (Geissens, Bohlen etc. lassen grüßen) sorgen für deren Ausbreitung und mit der Ausbreitung für immer mehr Akzeptanz. Wer dem nichts entgegenhält begibt sich in den Strudel menschlicher Unzulänglichkeiten und Abartigkeiten, die bis zu den ungeheuerlichen Gewaltakten unserer Tage reichen, die ein wesentliches Thema des Kulturanthropologen Girard sind.

Was kann man tun ? Nichts! wird man antworten.

Es handelt es sich ja, wie gesagt, um Naturgesetzlichkeiten. Es liegt halt in der menschlichen Natur. Ja, das tut es. Aber nicht ohne Auswegmöglichkeit oder Alternativen !

Die Geschichte menschlicher Gesellschaften ist voll von Praktiken, seien es Riten oder Bräuche, die dazu dienen, schädliche gesellschaftliche Tendenzen für die Gemeinschaft einzugrenzen oder zu vermeiden. Man denke an das von Marcel Mauss untersuchte Rivalitätsgeschenk (Potlatsch) oder rituelle Feste und Rauschszenarien zum Abbau schädlicher gesellschaftlicher Überschüsse und Energien, wie sie Georges Bataille es in seiner „Ökonomie der Verschwendung“ untersucht hat. Und die Geschichte zeigt, dass diese Praktiken zu bestimmten Zeiten, in begrenzten Zeiträumen, sehr erfolgreich sein können. Die Geschichte zeigt auch, dass mit Rückschlägen, auch gravierenden, stets gerechnet werden muss. Das ist Gesellschaftsgeschichte und doch hat sie einen Bezug zu unserem Alltag, zu den Kalamitäten die uns betreffen, die sich insbesondere in Gesellschaften mit so geringen gesellschaftlichen Einschränkungen, wie der unseren, immer wieder herausbilden.

Hat ein kritisches und gesellschaftsschädliches Verhalten seine Nachahmer, so wird auch umgekehrt ein Schuh daraus. Wir denken an Vorbildhaftes vergangener Tage, an Rücksicht, Empathie, Solidarität, Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Verlässlichkeit etc. um nur die Wichtigsten und Naheliegendsten zu nennen. Vergangen ? Vielleicht, oder doch moderner und zukunftsweisender alles alles was wir heute sehen. Alles beginnt im Kleinen, um, vielleicht über längere Zeiträume, doch große Wirkungen zu zeitigen und tatsächlich Veränderungen herbeizuführen. tue Gutes und rede darüber ist vermutlich nicht das schlechteste Motto auf diesem beschwerlichen Weg. Wer sich besinnungslos in den aktuellen mimetischen Strudel stürzt, wie Viele, ja Allzu viele es tun, von dem kann man getrost annhemen dass er den Glauben an eine positive gesellschaftliche Entwicklung und damit an die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft aufgegeben hat. Da macht es dann natürlich nichts sich in asozialer Art und Weise, ohne Rücksicht auf Verluste, nur für den eigenen Vorteil einzusetzen. Da macht es nichts Andere auszutricksen und zu übervorteilen. Dumm, nur dumm, dass es dann, in aller Regel, nicht allzu lange dauert bis man selbst die gleiche Art der Behandlung erfährt. Zumindest dann könnte etwas wie Einsicht heraufdämmern. Wenn, ja wenn man bereits wäre nachzudenken. Wenn nicht, bleibt – leider, muss man sagen – der Trost, dass man sich sodann im kollektiven Gejammer über die böse und rücksichtslose Welt in bester und umfassender Gesellschaft befindet. Es darf als sicher gelten, dass uns die mimestische Strömung mitnimmt, wohin auch immer.

 

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