ENNUI – EIN LOB DER LANGEWEILE

ENNUI – EIN LOB DER LANGEWEILE

Ennui – die Langeweile – ein Zustand hervorgerufen durch erzwungenes Nichtstun. Ein Zustand den wir alle vermutlich schon sehr lange nicht mehr durchlebt haben. Wem ist heute schon noch langweilig ? Selbst wenn, wer würde sich trauen es zuzugeben oder es sich selbst einzugestehen. Ist Langeweile doch das Gegenteil all unserer Bemühungen um Erlebnisse, Abwechslung, Spannung, Spaß. Langeweile ist so weit von uns entfernt dass wir uns ihr ganz langsam wider nähern müssen um ein Verständnis dafür zu entwickeln, um vielleicht sogar Positives darin für uns und die Gesellschaft zu entdecken.

Langeweile das ist ein Zustand der Zweckfreiheit, ein Zustand ohne aktives Tun und Handeln. Wie die Wortzusammensetzung eigentlich sagt hat man eine lange, also sich zeitlich weit ausgedehnte, Weile vor sich. Einen Zeitraum der einen statischen Zustand, einen Zustand des Verweilens einschließt. Das nicht an einen Zweck gebundene Wesen dieses Zustandes bedeutet Ungebundenheit, Richtungslosigkeit, einen unentschiedenen Schwebezustand. Die Gedanken schweben, kreisen, zirkulieren, haben keine bestimmte Richtung und finden auch keine solange dieser Zustand anhält Sobald der Mensch sich aufraffen kann körperlich aktiv zu werden oder geistig in eine Richtung zu denken ist dieser schwebende Zustand entschwunden, entschwunden wie ein fortgewischter Nebel. Was allerdings nicht bedeutet, dass er nicht jederzeit und unmittelbar wiederkehren kann. Dieser scheinbar zwecklose Schwebezustand macht uns aktivitäts- und erlebniskonditionierte Wesen ratlos. Wir können kaum damit umgehen, erachten ihn als Zeitverschwendung, glauben die Zeit dafür nicht mehr zu haben, glauben Wichtiges zu versäumen wenn wir uns ihm tatsächlich hingeben sollten. Die Nähe zu gesellschaftlich und vielleicht auch persönlich unerwünschten Effekten, wie Depression, Unlust, Verlorenheits- und Sinnlosigkeitsgefühlen macht Sie, die Langeweile, auf den ersten Blick so unerwünscht, so abschreckend. Die Gefahr missliebiger Gedanken von Lust und Überdruss bis zum Suizid lässt sie weitgehend in gesellschaftlicher Ächtung verharren.

Doch es gibt auch eine Form oder besser eine Sichtweise der Langeweile die positiv besetzt ist. Wie ein schwaches, unruhig flackerndes Licht tritt sie nur in bestimmten, meist kurzen Zeiträumen zutage, leuchtet kurz auf um bald wieder in gesellschaftlicher Ächtung zu verlöschen. Das was uns leuchtend erreicht ist die Befreiung von Zweckrationalität, und Aktivitätstrieb. Langeweile ist hier vergleichbar mit dem Traum, eine Art Tagtraum der all unserer Hyperaktivität entgegensteht, der die Gedanken aus ihren Gleisen reißt ohne ihnen eine neue Richtung vorzugeben. Eine befreiende Irritation, eine kleine Katharsis, die nach Rückkehr ins geordnete und gerichtete Denken ein befreiendes Gefühl auslösen kann. Diese, nennen wir sie durchaus konstruktive Langeweile, ist diejenige die uns interessiert.

Langeweile und ihr heute kaum noch so genanntes Gegenteil, die Kurzweil, sind, wenn auch wenig beachtete, wichtige Aspekte von Architektur und Städtebau. Die Vermeidung von Langeweile ist ein ungeheuer präsentes Handlungsmotiv von Architekten und Stadtplanern. Wie oft haben wir schon gelesen wie langweilig zum Beispiel der aktuelle Münchner Wohnungsbau, gerade Strassen, rechteckige Plätze, endlos lange Strassen, Plattenbauten oder sich ständig wiederholende Gebäude seien. Muss nicht stets alles spannend, interessant, herausfordernd oder gar „innovativ“ etc. sein ?

Langeweile bedarf der Ruhe. Der Organismus muss sich entschleunigen, die Gedanken dürfen auf keine Tätigkeit gerichtet sein oder die Tätigkeit so geartet sein, dass sie keiner gedanklicher Aktivitäten bedarf. Es gibt diese Ruhe im Inneren und es gibt sie im Äußeren, in unserer Umgebung. Hier wie dort hat sie Bedeutung. Sie ist nicht zu verwechseln mit Ödnis, mit einer völlig reizarmen Umwelt, mit Architektur und Stadträumen die außer ihrer nackten physischen Präsenz nichts anzubieten haben. Es gibt sie noch diese von konstruktiver Langeweile geprägten Orte. Das sind die scheinbar endlosen Reihen viktorianischer und georgianischen terraced houses in England, das sind die von Gleichartigkeit und Wiederholung ähnlicher Gestaltelemente geprägten Gründerzeitstrassen in den gleichnamigen Vierteln, das sind die gleichförmigen Strandhütten am Meer und vielleicht sogar manche Hochhauswälder, wie sie in Schanghai anzutreffen sind. Den Beispielen gemeinsam ist, mit Ausnahme des letztgenannten, ihre zeitliche Distanz, ihre andersartigen gesellschaftlichen Übereinkünften was das Bauen und die Ästhetik des Bauens angeht. Allen gemeinsam ist der spekulative Aspekt, der für Wiederholung und rationales Layout verantwortlich zeichnet,. Der Aspekt der konstruktiven Langeweile ist interessanterweise ein zufälliges Beiprodukt. Bewusst auf Schönheit abzielende Planungen bedienen sich anderer Elemente. Hier wird versucht Ruhe durch Symmetrie und Ausgewogenheit der Proportion herzustellen. Es ist nicht abzustreiten, dass auch hier sich in der Betrachtung und im Erleben die Ausstrahlung der Ruhe und der Ausgewogenheit auf den Betrachter überträgt. Im Vergleich zu den erstgenannten Beispielen jedoch fehlt etwas Wesentliches – der Aspekt der Irritation. Die scheinbare Endlosigkeit englischer terraced houses, die Länge und Geradlinigkeit der Grüderzeitstrassen, die Nähe zur Ödnis durch Wiederholung, liegen aber aufgrund von Detailreichtum doch nicht Öde sind weil das Auge immer einen Halt findet wenn es in seiner leichten Irritation sucht, ihn aber gleich wider verliert weil er sich endlos gleich oder ähnlich wiederholt. Hier kann sie uns befallen diese befreiende Irritation. Bewusste Planungen dieser Art sind kaum zu finden. Allenfalls im italienischen Razionalismo scheinen mir Elemente dieser konstruktiven Langeweile zu finden zu sein. Doch Architektur allein mag das nicht zu leisten. Sie ist ein Baustein im Ensemble der konstruktiven Ennui. Nur im städtebaulichen Ensemble kann sie sich wirklich konstituieren.

Sind sie nun etwa erschrocken ? Langeweile – in Städtebau und Architektur – unvorstellbar ? Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf das Gegenteil, die ewige Kurzweil, das grenzenlose Ereignis, den everlasting Event, die permanente Innovation. Wir blicken nach Japan, weil aus eigener Anschauung von drei Japanreisen wohlbekannt. Wir blicken auf Japan weil gerne und immer wieder in deutschen Fachpublikationen und Feuilletons beschrieben und gelobt. Ja, es ich richtig, in Japan wird viel experimentiert, interessant und vielleicht manchmal auch wirklich innovativ. Es entsteht gerne der Eindruck dass dort an jeder Ecke eine Innovationsikone stehe, dass es abwechslungsreicher und spannender in Architektur und Städtebau kaum zugehen könne. Fakt ist, dass man in Japan das Ergebnis von Neuheitszwang, wie an kaum einem anderen Ort, beobachten kann. Ja, da stehen sie dann, die innovativen, vielbeachteten Bauten. Da stehen aber auch die unzähligen einstmals innovativen und gestern vielbeachteten Bauten. Es sind nicht Wenige, doch sie fristen ein eher trauriges Dasein. Die Ikone ist singulär, sie sucht keinen Anschluss, sie ist sich selbst genug. Das ist solange interessant, solange sie den Neuigkeitstatus besitzt. Schon nach wenigen Jahren hat sich dieser verflüchtigt. So stehen sie jetzt da, wie ausgesetzte, verlassene Kinder, um die sich keiner mehr schert. Sie tun wenig anderes als einen Beitrag zur leider hierzulande zu wenig bemerkten Hässlichkeit japanischer Städte leisten. Und glauben sie mir japanische Städte sind nur nachts „schön“, nachts wenn die Leuchtreklamen in ihrer neongrellen Farbigkeit den verlorenen Zusammenhang wiederherstellen, gemeinsam einen flirrenden Schleier über die dort veranstaltete Kakophonie legen. Das sollte uns zu denken geben, das sollte uns ermutigen mehr konstruktive Langweile, zu wagen, eine ästehtische Ennui als Gegenmittel gegen Event- und Erlebniszwang, falschen Innovationszirkus im Stile imaginierter neuer Kleider unter denen, der, der nicht verlernt hat zu sehen, nur Nacktheit und geistige Armut erkennt.

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