LA STRADA – DAS LIED DER STRASSE

Heute wollen wir das Lied der Straße singen. Welches Lied werden sie fragen ? Road to nowhere? Nein, road ist nicht die Straße um die es uns geht, Highway to hell, Autobahn ? Nein, auch die nicht. Streets of London, Baker street ? – Ja, das kommt der Sache näher. Ja, es geht um Strassen in der Stadt. Lieder über die Strasse gibt es im wörtlichen und im übertragenen Sinn. In Letzterem finden sie sich bevorzugt in den immer zahlreicheren Publikationen zum Städtebau. Wir denken an „Strassen für Menschen“ von Bernhard Rudofsky oder Jan Gehls „Leben zwischen Häusern“. Auch Christopher Alexanders „A Pattern Language“ enthält Passagen zur Strasse. Gerade zur Zeit der Erstveröffentlichung der genannten Bücher war der schlechte Ruf der Strasse kaum mehr zu unterbieten. Ihre Qualitäten waren ihr erfolgreich ausgetrieben worden, ihre Wahrnehmung auf Verkehrs-, Transport- und Parkraum reduziert. Ihr Lied, das Lied der Strasse, musste neu angestimmt werden. Ein Prozess der über die vielen Jahre, die seither vergangen sind, als gelungen angesehen werden kann. Alle, wirklich Alle, singen inzwischen das Lied der Straße. Keine Publikation zum Thema die heute nicht die kommunikativen Aspekte der Stadtrasse, ihre Bedeutung als Lebensraum weit über ihre Zirkulations- und Transportfunktion hinaus herausstellen würde.

Die Elogen lassen vermuten, wir lebten im goldenen Zeitalter der Strasse, der Strasse als Lebensraum. Wenn dem so wäre dann müsste sich hierfür eine Entsprechung finden lassen. Indikatoren könnten Entwürfe, insbesondere städtebauliche Entwürfe sein. An dem, was in ihnen zu Papier gebracht wird, lässt sich ablesen und zwar viel unmittelbarer als an wohlfeilen Erläuterungen und Texten, wie Planer und Gestalter denken. Jeder Stadtplaner und Städtebauer hat über Vieles und Komplexes nachzudenken. Vieles davon läuft auf einer offensichtlich bewussten Ebene ab. Wie groß sind meine Baufelder, wo liegen Plätze, Parks, Grünzüge, wie hoch sollen Gebäude sein, wo finden sich Merkpunkte etc, etc. All diese offensichtlich bewussten Überlegungen und Entscheidungen basieren auf Anschauungen und Werten die über Ausbildung, Erfahrung und den gesellschaftlichen Wertekanon in unser Handeln eingeflossen sind und es maßgeblich, aber meist unbewusst beeinflussen. „Ideas we think with“ hat dies Bill Hillier ehemals Professor an der Bartlett School of Architecture and Planning immer genannt, im Gegensatz den den „ideas we think of“, den genannten bewussten Entscheidungen. Jeder zu Papier gebrachte Entwurf ist demzufolge nicht nur auf der Ebene der „ideas we think of“, sondern auch auf der der „ideas we think with“ zu lesen. Genau das ist die Ebene die Auskunft gibt über unsere Wert- oder Geringschätzung, unsere positive, negative oder auch nur ignorante Einstellung zu städtebaulich-gesellschaftlichen Themen.

So weit so gut. Ein Beispiel folgt. Zuvor noch Grundsätzliches.

Das Problem mit der Wahrnehmung und Wertschätzung der Straße liegt tief, an der Wurzel ihrer Existenz . Da ist die Tatsache, dass die Straße unter den städtischen Räumen der Regelfall ist. Stadt konstituiert sich in ihren öffentlichen Räumen. Aus guten Gründen sind das erster Linie lineare Verbindungsräume, ob sie jetzt Strasse, Gasse oder Wege genannt werden. Die Ausnahme, das Besondere im Stadtraum sind, im Gegensatz dazu, Plätze und Parks. So sehr wir Plätze und Parks brauchen und schätzen, ihr ubiquitäres Vorkommen würde den Verlust wesentlicher Eigenschaften, die wir mit Stadt verbinden, nach sich ziehen. Regel und Ausnahme – stehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Exceptio probat regulam oder die Ausnahme bestätigt die Regel, wie wir Alle wissen. Wird die Ausnahme zur Regel ist das Ausgangssubjekt der Regel zerstört. Etwas Neues tritt an seine Stelle. Auf die Strasse bezogen bedeutet dies, dass sie in einer schwierigen Grundkonstellation gefangen ist. Das Gewöhnliche im Gegensatz zum Besonderen. Wir brauchen nicht groß weiter zu grübeln wem, in der Regel, mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Das sind natürliche, aber auch unreflektierte Denk- und Verhaltensweisen. Das Besondere liegt immer im Trend, heute mehr denn je. Trotz der Aufmerksamkeitsdominanz von Platz und Park zog die Strasse schon immer eine Reihe von Konnotationen auf sich. Gefährlich, gemein, laut, schmutzig und dergleichen wurde sie genannt. Auch das verdankt sie der Regelhaftigkeit ihres Vorkommens. Geh nicht auf die Strasse, bleib von der Strasse, sagt man. Denn will man sich in der Stadt bewegen ist die Strasse nicht zu vermeiden, der Platz, der Park als Ausnahme sehr wohl. Das ist mit Sichrheit ein Grund weshalb mit ihr auch alles assoziiert was städtisches Leben ausmacht, im Positiven wie im Negativen. Die Straße ist Stadt – könnte man zwar nicht mit ausschließlicher aber doch einiger Berechtigung sagen. Wenn die Straße aber der Regelfall der Räume in der Stadt ist, dann kann daraus nur folgen, dass sich ein Großteil des städtischen Lebens doch genau dort abspielen muss. Wir gehen nicht nur auf die Straße um uns zu einem Platz zu bewegen und dort unser Leben zu entfalten. Nein, wir leben im Strassenraum. Wir bewegen uns entlang der Strassen, wir begegnen dort allen Arten von Menschen, Fremden, Bekannten, Freunden, wir grüßen, wir reden, wir führen den Hund aus, wir schimpfen auf Auto- und Radfahrer, wir gehen windowshopping. Es ließe sich wohl leicht nachweisen, dass ein sich beutender Teil der Kommunikation außerhalb der vier eigenen Wände in Strassenräumen abspielt.

Das ist die Realität. Unser planerisches Denken sieht vielfach anders aus.

Dort liegt der Fokus immer auf den großflächigeren, besonderen Räumen, den Plätzen und Parks. Was dazwischen stattfindet, entzieht sich unserer Aufmerksamkeit. Eine paradigmatische Art zu denken. Eine Art zu denken deren Auswirkungen bei sensibilisierter Wahrnehmung täglich zu spüren sind. Nur die Gewohnheit schüzt uns vor täglichem Gram, hat sie uns doch schon so abgeschliffen, dass wir nur noch selten spüren welche Defizite uns aufgenötigt werden. Ein Mangel an Platz, eine funktionale Aufteilung die alles andere als entfaltungsfreundlich ist, die Aufenthaltsqualität eines Transitraumes mit Kurzkommunikationserlaubnis im Sinne einer Kurzparkzone. Bitte hier nur kurz stehen, kurz sprechen, kurz küssen, sitzen nur unter Konsumzwang, den Fluss der Verkehrsströme nicht behindern, weitergehen, weiterfahren, nächster Platz in nur 50m Entfernung, bitte dort zu leben ! All dies gelesen und aufgenommen ist schon mancher Planer zu einem naheliegenden Schluß gekommen – nur noch Folgen von Platzräumen zu bauen. Das aber hieße wohl das Kind mit dem Bad ausschütten. Eine “ gewöhnliche“ Stadtstraße hat Qualitäten, die uns ob ihrer Alltäglichkeit gar nicht mehr auffallen. Eine davon ist der unmittelbare Bezug der beiden Strassenseiten zueinander. Das ist ein wesentlicher Charakterzug der die Straße vom Platz unterscheidet. Deshalb braucht die Straße vielleicht mehr Platz, oder andere Platzzuteilungen, aber nicht um räumlich zum Platz zu mutieren.

Betrachten wir das versprochene Beispiel. Es gibt solche Raumgebilde. Ein Beispiel, die vielfach publizierte Kaiserau in Bozen. Hier spannen dichte, polygonale Blöcke, mit in der Regel fünfgeschossigen Gebäuden, zwischen sich ebensolche polygonale Raumfolgen anstelle klassischer Strassen auf. Entstanden ist dabei ein schwer begrifflich zu fassendes Etwas, das weder Strasse noch Platz ist. Ein stadträumlicher Alien, garniert mit viel Grün, diffus im Charakter. Die allfälligen landschaftsarchitektonischen Inszenierungen sind dabei nur Ausdruck der Hilflosigkeit was denn mit all dem Raum anzufangen wäre. Die einzigen Räume die etwas Städtisches entfalten sind hier die Innenhöfe der Blöcke. Kompakt und dicht, mit Bezug zu Eingängen, zu den Hausfassaden und den Balkonen. Ob man allerdings bei dem Großangebot an Raum drumherum so nahe aufeinander leben möchte fragt man sich.

Das Lied der Straße ist schnell angestimmt, mit Inbrunst von Allen gesungen und ebensoschnell wieder verhallt. Eine schöne Melodie, gerne gehört aber nur gegen titanische Widerstände in erlebbare Realität umgesetzt. Das beginnt beim universellen funktionalen und ökonomischen Denken, gefolgt von der Phantasie- und Mutlosigkeit politischer Entscheidungsträger, gefolgt von der Verantwortungslosigkeit der Fahrzeugindustrie mit ihrem wohlfeilen Angebot platzaasender Privatpanzer, gefolgt von der Gedankenlosigkeit und dem Egoismus derjenigen, die den Raum vor Ihrer Hasutüre als privaten Abstellraum betrachten, endend bei den Gedankenautobahnen in den Hirnwindungen von uns Planern. Wem also gehört die Strasse? Allen? Ja, theoretisch. Wie alles aber, was in einer Gesellschaft allen gehört, ist darüber gesellschaftlich zu verhandeln – permanent. Was wir hier sehen und täglich erleben ist nichts anderes als Ausdruck dieses Verhandlungsprozesses. Vieles davon ist, ob sinnhaft oder nicht, auch noch von großer Dauerhaftigkeit. Denken Sie nur daran, dass beispielsweise in München, in den attraktivsten Stadtvierteln, immer noch Einbahnstrassen zur Verkehrsbeschleunigung existieren, denken sie an das Fehlen von Sitzgelegenheiten und ganz banal von Abfalleimern, denken sie an die jahrelang geübte Münchner Praxis den Platzbedarf für fehlende Radwege zu Lasten der Gehwege zu regeln. Wenn sie von nun an aufmerksam hinsehen wird ihnen noch Einiges mehr auffallen. Der Kampf um den Lebensraum Strasse ist ein permanenter, kein rein planerischer, sondern ein gesellschaftlicher. Nachdenken über den Regelfall, das Alltägliche, die Strasse, lohnt sich. Gewinner könnten die Stadtbewohner und somit die Stadtgesellschaft sein.

DAS GROSSE GESCHREI

München braucht einen neuen Konzertsaal, München braucht keinen neuen Konzertsaal ! München bekommt einen neuen Konzertsaal, München bekommt einen alten, neuen Konzertsaal ! München blamiert sich, ist bieder und langweilig sowieso ! Der Ministerpräsident verspricht einen neuen Konzertsaal, der Ministerpräsident will aber trotzdem keinen neuen Konzertsaal, ! Die Landeshauptstadt will ihre Ruhe ! Promis jeder Couleur müssen einen neuen Konzertsaal haben, sonst sehen sie sich genötigt München umgehend verlassen und vermutlich nach Hamburg oder Berlin oder gar ins Ausland auszuwandern. Der unvermeidliche kulturelle Supergau steht dann folgerichtig vor der Tür. Auch Architektenkollegen wollen nicht abseits stehen und liefern Beiträge. Manche so brillant, dass man, kämen dieselben Entwürfe von Studenten, diese postwendend zum gründlichem Nachdenken nach Hause geschickt würden. Wir sind gefordert hier Nachsicht zu üben, geht es doch um Dinge die uns Alle beschäftigen, um Aufmerksamkeit, um den Namen in der Presse, um die notwendige Publicity. Sachzwänge, da kommt man halt nicht dran vorbei. Peinlich ? War gestern !

Was also will man zu dem Ganzen hin und her eigentlich noch anmerken, was nicht ohnehin schon zigmal gesagt wurde ?

Braucht München einen weiteren Konzertsaal ? Vermutlich ! Wie und an welcher Stelle sich das am Besten bewerkstelligen lässt kann durch solide Voruntersuchungen geklärt werden. Zur Findung einer außergewöhnlichen Lösung gibt es bestens erprobte, kompetitive Verfahren. Dass davor über den richtigen Weg diskutiert oder auch gestritten wird ist richtig und normal. Dass mit dem Kulturzentrum am Gasteig schon lange kein Kulturschaffender auch nur irgendetwas zu tun haben möchte verwundert auch nicht. Geliebt wurde es ja noch nie. Jetzt aber scheint es ein Lepröser oder gar der Ebolapatient unter den Münchner Kulturbauten geworden zu sein. Vorsicht Ansteckungsgefahr !

Wenn einem das vielstimmige Geschrei noch erlaubt grundsätzlich über die Forderung nach immer Neuem nachzudenken dann könnte man möglicherweise zu der Erkenntnis gelangen wes Geistes dieses und anderes Geschrei nach immer Neuem, unter Ausschluss der Weiterverwendung von Vorhandenem, ist. Das ist der Geist des Überflusses !

Noch brummt die Wirtschaft und die Einnahmen der öffentlichen Hand steigen scheinbar ständig. Wie lange mag das so weitergehen? Ewig jedenfalls nicht. Wer ständig Neues baut, seien es Museen, seien es andere öffentliche Bauten oder auch nur gewöhnliche Infrastrukturbauten wie Straßen und Brücken, der kommt nicht umhin, diese auch zu pflegen, zu reparieren, zu erneuern. Das geht aber nur wenn die Einnahmen zunehmen, zunehmen, und immer weiter zunehmen. Mehr Bauten bedeuten mehr Unterhalt und mehr erforderliche finanzielle Mittel über lange Jahre. Gehen die Einnahmen zurück, stehen profane, ebenso wie herausragende Bauten, immer noch da und wollen betrieben und unterhalten werden. Dann ist guter Rat meist teuer. Dann legen wir sie erstmal vorläufig still, müssen sie, wenn sich nichts ändert, am Besten still und leise, verkommen lassen, um sie letztendlich wieder abzureissen. Ein fraglicher Kreislauf.

Wenn München einen neuen Konzertsaal braucht und vermutlich auch bekommt, dann muß er in allen Belangen auf der Höhe der Zeit sein und sich Innen wie Außen als Highlight, als architketonische Ikone präsentieren. Der intendierten Höchstqualität der musikalischen Darbietung muß die Qualität der Architektur entsprechen. Da soll und darf nicht ausgerechnet die Architektur hintanstehen.

Was allerdings ein Highlight, eine architektonische Ikone, ist, welche Eigenschaften sie aufweisen, wo und wie sie ikonisch wirken sollte, darüber müsste längst fachlich und öffentlich diskutiert werden. Heute sind derartige Ikonen leider allzu häufig nach dem HdM-muster oder Hadid-mascherl gestrickt – höchster Erstellungsaufwand und aufgrund der baulichen Komplexität ein ebensolcher Unterhaltsaufwand. Wer einmal auf der Baustelle der Elbphilharmonie war und die unglaubliche Diskrepanz zwischen der eleganten Raumschöpfung und der dafür erforderlichen baukonstruktiven Qual gesehen hat, kann ein Lied davon singen. Was lernen wir daraus ? Wohl nichts ! Das Motto ist und bleibt – wer kann der kann ! Wenn wir ehrlich sind, können wir, langfristig betrachtet, eigentlich nicht. Deshalb ist weniger, intelligenter, einfacher und nachhaltiger bauen die Forderung der Stunde. Das sind die Themen über die generell und ganz besonders im Zusammenhang mit Architekturikonen, wie z.B. herausragenden Konzertsälen, dringend nachzudenken ist.

Zum Schluss soll nicht vergessen werden, dass dieses Konzertsaalprojekt wieder eines ist, das in erster Linie der ohnehin hochsubventionierten und elitären „Hochkultur“ zugute kommt. Niemand stellt dabei deren Existenzberechtigung in Frage. Die Frage aber, wohin begrenzte öffentliche Budgets fließen, darf und muss auch einmal in diesem Zusammenhang gestellt werden. Der kulturelle Supergau tritt deshalb noch lange nicht ein.