SEXY SHAPE URBANISM – Neuer Städtebau in München

 

Städtebau ist schon seit Jahren in aller Munde. Publikation folgt Publikation. Wir lesen u.a. von der amalgamen, von der kreativen, oder gar der kontrollierten Stadt um nur einige der wichtigsten Publikationstitel zu nennen. Die Aufmerksamkeit die dem Städtebau derzeit zuteil wird ist ein Hinweis auf die längst überfällige gesellschaftliche Erkenntnis seiner Bedeutung und damit ein positives Zeichen.

Ebenso wie das vorangegangene, lange gesellschaftliche Desinteresse bleibt auch die große und beinahe überbordende Aufmerksamkeit nicht ohne Folgen. Ein Trend, der sich in der Architektur schon lange durchgesetzt hat, scheint auf den Städtebau übergegriffen zu haben. Es geht dabei um ein Phänomen, das sich am allerbesten an den Wettbewerbsentwürfen ablesen lässt, die von größeren Restriktionen und Einflußnahmen noch nicht verbogen wurden. Gemeint ist die Aufmerksamkeitsabsicht (Aufmerksamkeitsintentionalität) die sich zunehmend an den Entwürfen ablesen lässt. Hier ist das Ziel des Entwurfs nicht mehr allein die Findung der besten Lösung einer Aufgabe an einem spezifischen Ort, sondern eine auffallende Andersartigkeit und Ungewohntheit.

Wie gesagt, die Architektur kennt das schon seit langem, und wir lernen damit zu leben, mit den allerorten hervorsprießenden Unikaten auch an Stellen, wo man sie mit stupender Verwunderung wahrnimmt. Einiges ist wirklich faszinierend, anderem sieht man die Qualen an, unter denen es durch die Hirnwindungen gepresst wurde. Selbst die faszinierendsten Projekte legen den Gedanken nahe, ob es sich hier wirklich um angemessene Lösungen der gestellten Aufgabe handelt. Jedes Bürohaus ein exaltiertes Eventgehäuse mit Piranesischen Raumfolgen, jede Universitätsfassade ein sich tentakelhaft windendes Relief, das in dunklen Stunden Übergriffe befürchten lässt.

 

shape rules

Dass eine Disziplin wie der Städtebau in diesem Punkt nicht lange abseits stehen kann, steht außer Frage, sind doch die hier aktiven Kollegen alle Teil einer Architektenschaft, die sich medial präsentieren und vermarkten muss. Im Städtebau geht es im allgemeinen um Konzepte, die Strukturen, Raumfolgen und Bebauungen vorschlagen, die über einen meist längeren Zeitraum hinweg realisiert werden sollen. Eine allzu prägnante, expressiv-formale Ausprägung vorgeschlagener Strukturen stellt, das leuchtet schnell ein, schon allein aufgrund der begrenzten Halbwertszeit expressiver Formen einen Widerspruch zum zeitlich gestreckten Realisierungshorizont städtebaulicher Planungen dar.

Natürlich kann man darauf verweisen, dass es solche Entwürfe schon immer gab. Man denke nur an Peter Eisenmans Rebstockpark in Frankfurt (grandios gescheitert) oder den preisgekrönten Entwurf von Liebeskind für die Landsberger Allee / Rhinstraße in Berlin. Diese waren jedoch zu ihrer Zeit Ausnahmeerscheinungen. Jetzt aber scheinen die Ausnahmen zur Regel zu werden. Wir stehen offenbar an einer Schwelle, an der Städtebau in den Strom kreativer Formfindung gerät. Das ist ein Paradigmenwechsel, denn bisher war die kreative Formfindung stets dem strukturstiftenden Städtebau nachgeordnet.

 

Münchens „Sprung nach vorn“

München, bisher eher mit dem Image „konventioneller“ Städtebaustrategien versehen, schickt sich scheinbar an, dieses mit einem großen Sprung nach vorn ablegen zu wollen. Belege sind in den letzten Jahren entschiedene, allerdings damit noch lange nicht realisierte 1. Preise von Wettbewerben wie „Leben in urbaner Natur“ 1: eine sich wurmartig, vielfach schlängelnde Bebauung aus vier Großformen mit unterschiedlichen Gebäudehöhen, durchzogen von parkartigem Grün, oder die Paul-Gerhart-Allee: polygonale Blöcke, unterschiedliche Bauformen aufnehmend, zwischen denen sich in der Mehrzahl dreiecksförmige bis polygonale Freiräume in kurzer Folge aneinanderreihen, und erst kürzlich die Wohnsiedlung an der Ludlstraße: eine Lärmschutzbebauung, die sich u-förmig um ein Baugebiet an der Autobahn nach Lindau legt. Nach außen bleiben die Raumkanten noch relativ ruhig, wenn auch nicht geradlinig, nach innen jedoch bilden sie dreiecksförmige Ausbuchtungen und polygonale Nasen, innerhalb des u-förmigen Gesamtgebildes sind pentagonale Punkthäuser gleichmäßig verteilt und von einer ca. in Mitte und in Längsrichtung des langrechteckigen Grundstücks verlaufenden Erschließungsstraße durchziehen Wohnwege, sich netzartig um die Punkthäuser legend, das Baufeld beidseits der Erschließungsstraße.

 

Sexy shapes

Alle diese Entwürfe zeichnen sich durch klar definierte aber auch sehr spezifische architektonische und städtebauliche Formen – sexy shapes – aus. Alle gewinnen ihren Reiz durch die Andersartigkeit dieser Formen und alle verlieren ihren Reiz, wenn diese Formen so nicht umgesetzt werden. Die ausgebildeten Räume nehmen zwar die Erschließungsstraßen noch auf, die Raumbehandlung ist jedoch nicht mehr auf die Definition von Straßenräumen ausgerichtet. Vielmehr liegt die Straße als Band in einem fließenden Raum, der mit anderen Räumen, seien es Hof- oder seien es Platzräume zusammenfließt. Was dabei als Hof oder Platz definiert wird, folgt mehr der Logik eines grafischen Musters denn einer räumlichen Logik. Wichtig scheint, dass es entgegen dem klassischen städtebaulichen Muster mehr Platzräume als Straßenräume gibt. In München steht mit Jürgen von Gagerns Städtebau um den Westpark ein realisiertes Beispiel. Schlängelnde Baufiguren umschließen nach außen u-förmig den Park. As hier besticht ist die Anbindung an den Park. Städtische Qualitäten, wie sie ganz „banale“ Strassen und Plätze liefern, finden wir hier nur in dem Zentrumssurrogat am nördlichen Kopfende. Ein Stück Stadt aus Randbebauung, viel Park und Einkaufszentrum. So baut man, wenn man Stadt als eine Aneinanderreihung von Versatzstücken versteht, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie durch umgebende, meist abweisende Hauptstraßen und vielleicht noch durch Grünzüge verbunden sind.

 

Zurück zu sexy shape. Ein hervorstechendes Kennzeichen dieser Entwürfe ist ihre Fremdkörperhaftigkeit mit der sie in ihre Umgebung gesetzt sind. Ist diese banal und von mediokrer Architektur geprägt, scheint das den Bestand in den Augen der Planer derart zu stigmatisieren, dass er nicht einmal des strukturellen Weiterbauens für würdig befunden wird. Verlorengegangen ist auch die klassische Straße als lebenswerter Stadtraum. Sie scheint in der Gedankenwelt vieler Planer nicht mehr vorzukommen und in dem Bestreben nach Auffälligem, das viele Wettbewerbe derzeit beherrscht, als wenig erfolgversprechende Strategie eingeschätzt zu werden. Betrachtet man die angesprochenen Lösungen unter dem Aspekt, dass sie letztlich auch nur Interpretationen dessen sind, was in der Gesellschaft gefragt oder nachgefragt wird, dann lässt sich daraus unter anderem ein Bedürfnis nach Distanz herauslesen. Denn die dort angebotenen und die Entwürfe kennzeichnenden großen Zwischenräume werden zwar als Kommunikationsräume verkauft, schaffen aber zuerst Distanz, die für aktive Kommunikation überwunden werden muss.

 

Neu und bewährt

Der Wert des „Neuen“ ist in den Zeiten, in denen Leistungen mit Aufmerksamkeitswährung vergütet werden, nicht zu unterschätzen. Neues will und sollte jedoch gut durchdacht sein, bevor Altbewährtes über Bord geworfen wird. Neues ist, vor allem im Städtebau, meist gar nicht neu, sondern hat oft einen „Innovationswert“, der in der Vergangenheit liegt. Ein Blick in die Geschichte städtebaulicher Versuche und Experimente ist hier immer hilfreich. Hilfreich aber nur dann, wenn man die Dinge vor Ort studiert oder sich zumindest aktueller Studien bedient. Andernfalls läuft man Gefahr, die Elogen der noch ungeprüften Anfangsjahre oder deren ständiger Repetition aufzusitzen und das noch nach vielen Jahren, in denen die Realität schon längst ein völlig anderes Bild hervorgebracht hat. Als Beispiele seien hier nur das notorische Marquess Road Estate oder das Brunswick Centre in London genannt. Beispiele, denen in Publikationen und Führern mit den immer gleichen Sätzen gehuldigt wurde, obwohl sie in London schon längst als soziale Problempunkte (Marquess Road Estate) oder muggers paradise (Brunswick Centre) notorisch bekannt waren.

 

Neu, urban und sexy

Dass sexy shape nicht notgedrungen mit dem Aus kippen urbaner Qualitäten einhergehen muss, zeigt die inzwischen wohl schon jedem bekannte Kabelwerkbebauung in Wien. Auf den ersten Blick stechen auch hier die sexy shapes ins Auge. Hat man das Projekt vor Ort besucht und ist man bereit, die formale Exuberanz hinter sich zu lassen, werden schnell andere Eigenschaften evident. Hier wurde sehr bewusst Einbindung betrieben, und zwar strukturell und nicht formal. Schon das selbst gewählte Motto des Projektes „Kabelwerk – ein Stück Stadt“ kündet davon. Neues und Altes, obwohl formal kaum unterschiedlicher denkbar, folgen einer Übereinkunft, die da lautet: Wir sind Stadt, wir wollen Stadt sein und so verhalten wir uns auch. Wir definieren Wegeverbindungen als Räume, wir wenden uns ihnen mit unseren Fassaden und Eingängen zu, wir glauben, dass Straßen und Wege nicht nur Transporträume sondern wichtige Kommunikationsräume sind. Bestand muss nicht auf Distanz gehalten, sondern integriert werden, egal wie gut oder schlecht seine Architektur derzeit bewertet wird. Stadt lebt von Verbindungen, die sich zu Netzen frei zugänglicher Räume verknüpfen und von fließenden Übergängen der Bebauungen. Brüche müssen nicht künstlich geschaffen werden, es gibt schon durch schwer überwindliche Infrastruktur- und Landschaftselemente genug davon.

 

Einen Konsens bezüglich guten und angemessenen Städtebaus werden wir nur sehr schwer herstellen können. Wir werden mit Fehlschlägen und Fehleinschätzungen leben müssen. Umso wichtiger ist es zurückzublicken in die unmittelbare und weitere Vergangenheit, um nicht von einem Fehler in den nächsten zu stolpern, um uns nur dann von der sexyness des scheinbar Neuen verführen zu lassen, wenn sie auch wirklich die Qualitäten bietet, die ihr schickes Layout verspricht.

 

Sexy shapes sind gefragt in München – vor Fehlern bewahren sie nicht.

 

 

1 2. Preis im Gutachterverfahren, wird jedoch umgesetzt.

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