SEXY SHAPE URBANISM – Neuer Städtebau in München

 

Städtebau ist schon seit Jahren in aller Munde. Publikation folgt Publikation. Wir lesen u.a. von der amalgamen, von der kreativen, oder gar der kontrollierten Stadt um nur einige der wichtigsten Publikationstitel zu nennen. Die Aufmerksamkeit die dem Städtebau derzeit zuteil wird ist ein Hinweis auf die längst überfällige gesellschaftliche Erkenntnis seiner Bedeutung und damit ein positives Zeichen.

Ebenso wie das vorangegangene, lange gesellschaftliche Desinteresse bleibt auch die große und beinahe überbordende Aufmerksamkeit nicht ohne Folgen. Ein Trend, der sich in der Architektur schon lange durchgesetzt hat, scheint auf den Städtebau übergegriffen zu haben. Es geht dabei um ein Phänomen, das sich am allerbesten an den Wettbewerbsentwürfen ablesen lässt, die von größeren Restriktionen und Einflußnahmen noch nicht verbogen wurden. Gemeint ist die Aufmerksamkeitsabsicht (Aufmerksamkeitsintentionalität) die sich zunehmend an den Entwürfen ablesen lässt. Hier ist das Ziel des Entwurfs nicht mehr allein die Findung der besten Lösung einer Aufgabe an einem spezifischen Ort, sondern eine auffallende Andersartigkeit und Ungewohntheit.

Wie gesagt, die Architektur kennt das schon seit langem, und wir lernen damit zu leben, mit den allerorten hervorsprießenden Unikaten auch an Stellen, wo man sie mit stupender Verwunderung wahrnimmt. Einiges ist wirklich faszinierend, anderem sieht man die Qualen an, unter denen es durch die Hirnwindungen gepresst wurde. Selbst die faszinierendsten Projekte legen den Gedanken nahe, ob es sich hier wirklich um angemessene Lösungen der gestellten Aufgabe handelt. Jedes Bürohaus ein exaltiertes Eventgehäuse mit Piranesischen Raumfolgen, jede Universitätsfassade ein sich tentakelhaft windendes Relief, das in dunklen Stunden Übergriffe befürchten lässt.

 

shape rules

Dass eine Disziplin wie der Städtebau in diesem Punkt nicht lange abseits stehen kann, steht außer Frage, sind doch die hier aktiven Kollegen alle Teil einer Architektenschaft, die sich medial präsentieren und vermarkten muss. Im Städtebau geht es im allgemeinen um Konzepte, die Strukturen, Raumfolgen und Bebauungen vorschlagen, die über einen meist längeren Zeitraum hinweg realisiert werden sollen. Eine allzu prägnante, expressiv-formale Ausprägung vorgeschlagener Strukturen stellt, das leuchtet schnell ein, schon allein aufgrund der begrenzten Halbwertszeit expressiver Formen einen Widerspruch zum zeitlich gestreckten Realisierungshorizont städtebaulicher Planungen dar.

Natürlich kann man darauf verweisen, dass es solche Entwürfe schon immer gab. Man denke nur an Peter Eisenmans Rebstockpark in Frankfurt (grandios gescheitert) oder den preisgekrönten Entwurf von Liebeskind für die Landsberger Allee / Rhinstraße in Berlin. Diese waren jedoch zu ihrer Zeit Ausnahmeerscheinungen. Jetzt aber scheinen die Ausnahmen zur Regel zu werden. Wir stehen offenbar an einer Schwelle, an der Städtebau in den Strom kreativer Formfindung gerät. Das ist ein Paradigmenwechsel, denn bisher war die kreative Formfindung stets dem strukturstiftenden Städtebau nachgeordnet.

 

Münchens „Sprung nach vorn“

München, bisher eher mit dem Image „konventioneller“ Städtebaustrategien versehen, schickt sich scheinbar an, dieses mit einem großen Sprung nach vorn ablegen zu wollen. Belege sind in den letzten Jahren entschiedene, allerdings damit noch lange nicht realisierte 1. Preise von Wettbewerben wie „Leben in urbaner Natur“ 1: eine sich wurmartig, vielfach schlängelnde Bebauung aus vier Großformen mit unterschiedlichen Gebäudehöhen, durchzogen von parkartigem Grün, oder die Paul-Gerhart-Allee: polygonale Blöcke, unterschiedliche Bauformen aufnehmend, zwischen denen sich in der Mehrzahl dreiecksförmige bis polygonale Freiräume in kurzer Folge aneinanderreihen, und erst kürzlich die Wohnsiedlung an der Ludlstraße: eine Lärmschutzbebauung, die sich u-förmig um ein Baugebiet an der Autobahn nach Lindau legt. Nach außen bleiben die Raumkanten noch relativ ruhig, wenn auch nicht geradlinig, nach innen jedoch bilden sie dreiecksförmige Ausbuchtungen und polygonale Nasen, innerhalb des u-förmigen Gesamtgebildes sind pentagonale Punkthäuser gleichmäßig verteilt und von einer ca. in Mitte und in Längsrichtung des langrechteckigen Grundstücks verlaufenden Erschließungsstraße durchziehen Wohnwege, sich netzartig um die Punkthäuser legend, das Baufeld beidseits der Erschließungsstraße.

 

Sexy shapes

Alle diese Entwürfe zeichnen sich durch klar definierte aber auch sehr spezifische architektonische und städtebauliche Formen – sexy shapes – aus. Alle gewinnen ihren Reiz durch die Andersartigkeit dieser Formen und alle verlieren ihren Reiz, wenn diese Formen so nicht umgesetzt werden. Die ausgebildeten Räume nehmen zwar die Erschließungsstraßen noch auf, die Raumbehandlung ist jedoch nicht mehr auf die Definition von Straßenräumen ausgerichtet. Vielmehr liegt die Straße als Band in einem fließenden Raum, der mit anderen Räumen, seien es Hof- oder seien es Platzräume zusammenfließt. Was dabei als Hof oder Platz definiert wird, folgt mehr der Logik eines grafischen Musters denn einer räumlichen Logik. Wichtig scheint, dass es entgegen dem klassischen städtebaulichen Muster mehr Platzräume als Straßenräume gibt. In München steht mit Jürgen von Gagerns Städtebau um den Westpark ein realisiertes Beispiel. Schlängelnde Baufiguren umschließen nach außen u-förmig den Park. As hier besticht ist die Anbindung an den Park. Städtische Qualitäten, wie sie ganz „banale“ Strassen und Plätze liefern, finden wir hier nur in dem Zentrumssurrogat am nördlichen Kopfende. Ein Stück Stadt aus Randbebauung, viel Park und Einkaufszentrum. So baut man, wenn man Stadt als eine Aneinanderreihung von Versatzstücken versteht, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie durch umgebende, meist abweisende Hauptstraßen und vielleicht noch durch Grünzüge verbunden sind.

 

Zurück zu sexy shape. Ein hervorstechendes Kennzeichen dieser Entwürfe ist ihre Fremdkörperhaftigkeit mit der sie in ihre Umgebung gesetzt sind. Ist diese banal und von mediokrer Architektur geprägt, scheint das den Bestand in den Augen der Planer derart zu stigmatisieren, dass er nicht einmal des strukturellen Weiterbauens für würdig befunden wird. Verlorengegangen ist auch die klassische Straße als lebenswerter Stadtraum. Sie scheint in der Gedankenwelt vieler Planer nicht mehr vorzukommen und in dem Bestreben nach Auffälligem, das viele Wettbewerbe derzeit beherrscht, als wenig erfolgversprechende Strategie eingeschätzt zu werden. Betrachtet man die angesprochenen Lösungen unter dem Aspekt, dass sie letztlich auch nur Interpretationen dessen sind, was in der Gesellschaft gefragt oder nachgefragt wird, dann lässt sich daraus unter anderem ein Bedürfnis nach Distanz herauslesen. Denn die dort angebotenen und die Entwürfe kennzeichnenden großen Zwischenräume werden zwar als Kommunikationsräume verkauft, schaffen aber zuerst Distanz, die für aktive Kommunikation überwunden werden muss.

 

Neu und bewährt

Der Wert des „Neuen“ ist in den Zeiten, in denen Leistungen mit Aufmerksamkeitswährung vergütet werden, nicht zu unterschätzen. Neues will und sollte jedoch gut durchdacht sein, bevor Altbewährtes über Bord geworfen wird. Neues ist, vor allem im Städtebau, meist gar nicht neu, sondern hat oft einen „Innovationswert“, der in der Vergangenheit liegt. Ein Blick in die Geschichte städtebaulicher Versuche und Experimente ist hier immer hilfreich. Hilfreich aber nur dann, wenn man die Dinge vor Ort studiert oder sich zumindest aktueller Studien bedient. Andernfalls läuft man Gefahr, die Elogen der noch ungeprüften Anfangsjahre oder deren ständiger Repetition aufzusitzen und das noch nach vielen Jahren, in denen die Realität schon längst ein völlig anderes Bild hervorgebracht hat. Als Beispiele seien hier nur das notorische Marquess Road Estate oder das Brunswick Centre in London genannt. Beispiele, denen in Publikationen und Führern mit den immer gleichen Sätzen gehuldigt wurde, obwohl sie in London schon längst als soziale Problempunkte (Marquess Road Estate) oder muggers paradise (Brunswick Centre) notorisch bekannt waren.

 

Neu, urban und sexy

Dass sexy shape nicht notgedrungen mit dem Aus kippen urbaner Qualitäten einhergehen muss, zeigt die inzwischen wohl schon jedem bekannte Kabelwerkbebauung in Wien. Auf den ersten Blick stechen auch hier die sexy shapes ins Auge. Hat man das Projekt vor Ort besucht und ist man bereit, die formale Exuberanz hinter sich zu lassen, werden schnell andere Eigenschaften evident. Hier wurde sehr bewusst Einbindung betrieben, und zwar strukturell und nicht formal. Schon das selbst gewählte Motto des Projektes „Kabelwerk – ein Stück Stadt“ kündet davon. Neues und Altes, obwohl formal kaum unterschiedlicher denkbar, folgen einer Übereinkunft, die da lautet: Wir sind Stadt, wir wollen Stadt sein und so verhalten wir uns auch. Wir definieren Wegeverbindungen als Räume, wir wenden uns ihnen mit unseren Fassaden und Eingängen zu, wir glauben, dass Straßen und Wege nicht nur Transporträume sondern wichtige Kommunikationsräume sind. Bestand muss nicht auf Distanz gehalten, sondern integriert werden, egal wie gut oder schlecht seine Architektur derzeit bewertet wird. Stadt lebt von Verbindungen, die sich zu Netzen frei zugänglicher Räume verknüpfen und von fließenden Übergängen der Bebauungen. Brüche müssen nicht künstlich geschaffen werden, es gibt schon durch schwer überwindliche Infrastruktur- und Landschaftselemente genug davon.

 

Einen Konsens bezüglich guten und angemessenen Städtebaus werden wir nur sehr schwer herstellen können. Wir werden mit Fehlschlägen und Fehleinschätzungen leben müssen. Umso wichtiger ist es zurückzublicken in die unmittelbare und weitere Vergangenheit, um nicht von einem Fehler in den nächsten zu stolpern, um uns nur dann von der sexyness des scheinbar Neuen verführen zu lassen, wenn sie auch wirklich die Qualitäten bietet, die ihr schickes Layout verspricht.

 

Sexy shapes sind gefragt in München – vor Fehlern bewahren sie nicht.

 

 

1 2. Preis im Gutachterverfahren, wird jedoch umgesetzt.

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VIERZIG + ZWEI JAHRE GEHWEGPLATTE – Fussgängerzone München

Vor zwei Jahren war das 40-jährige Jubiläum der Münchner Fußgängerzone. Ihr seid zwei Jahre zu spät – könnte man also gleich zu Anfang einwenden.  Wer zu spät kommt den bestraft das Leben – vorzugsweise mit Missachtung und Desinteresse.
Macht nichts, antworten wir, es hat sich ja seither nichts grundlegend verändert, gleichzeitig sind die Vorboten einer Veränderung gerade jetzt erkennbar.

Genau deshalb ist der Zeitpunkt richtig, nochmal ganz genau hinzuschauen.

Sie war nicht die erste Fußgängerzone in Deutschland. Wie so oft hat es in München etwas länger gedauert bis ein innovatives Konzept sich durchsetzen konnte. Einfach war es trotzdem nicht.
Die erste Fußgängerzone in Deutschland ist die Treppenstrasse im Zentrum Kassels, die bereits 1953 eröffnet wurde. 1967, also zehn Jahre später, wurde in München der Wettbewerb zur Umgestaltung von Neuhauser- und Kaufingerstrasse mit anschließenden Seitenräumen entschieden. In der Diktion eines der Verfasser des später realisierten Wettbewerbsentwurfes, Prof.  Bernhard Winkler sollte “ das Wesen der Strasse von einem Flur, der nur zum Durchgehen dient sich zu einem menschlichen Lebensraum hin verändern, dessen  Aktivitäten von sehr komplexer Natur sind. Der Aufenthalt, das Verweilen in diesem Raum sollte ausschlaggebend sein, nicht das Gehen als Fortbewegung.“ Ein schöner Leitsatz an dem man die Qualität die Fußgängerzone auch und gerade heute messen sollte.

 

Erfolg, Veränderung – Wertschätzung ?
Oft, vielleicht schon zu oft, für aufmerksames Hinsehen sind wir alle durch die Fußgängerzone gegangen. Vor vierzig Jahren hat man sicherlich ein anderes Bewusstsein gehabt für die neuen Errungenschaften, wie die Freiheit der Bewegung, das unbehinderte Flanieren in einem zentralen öffentlichen Straßenraum, die einheitliche Bodengestaltung von Hauskante zu Hauskante, eine nicht von abgestellten Formblechbehältern verstellte Raumwirkung. Heute sind das den Meisten nur noch wenig beachtete Selbstverständlichkeiten. Der Aufmerksamkeit gleichermaßen entzogen sind die Dinge die im Zuge einer graduellen, schleichenden Veränderung Einzug gehalten haben.  Geschäftlich erfolgreich ist sie allemal, die Münchner Fußgängerzone. Das beweisen statistische Erhebungen zu Umsatzzahlen, Passantenströme und Ladenhöchstmieten jährlich aufs Neue.  Das optische, das gestalterische und das atmosphärische Bild, das sie uns heute liefert passt dazu allerdings nicht. Was wir heute sehen können oder vielleicht treffender, sehen müssen, ist ein in die Jahre gekommenes Gestaltungs- und insbesondere Materialkonzept. Hier feiert die Münchner Gehwegplatte Triumpfe. Zusammen mit unregelmäßig in variierender Breite angelegten Gliederugsstreifen aus Kleinsteinpflaster und parallel dem Raumverlauf folgenden Pflasterrinnen ist sie das bestimmende, ja beherschende Material. Da sie sich jetzt auch noch großflächig in weitere neugestaltete Zonen wie das Tal und die Sendlinger Straße ausbreitet, muß hier einmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass sie kein angemessener Bodenbelag für derat wichtige und wertvolle Stadträume ist.  Würden sie im ihrem Wohnzimmer PVC verlegen während nebenan im Bad Marmor liegt ? Wohl kaum.
Altern in Würde, Patina als Spur des Lebens und Gebrauchs, das ist ein grundlegendes Thema in der Auswahl des Materials, auch bei Strassen- und Platzbelägen. Die in der Betoneuphorie der damaligen Zeit gewählte Betonplatte, strahlt weder im neuen noch im gealterten Zustand etwas Reizvolles, geschweige denn Würdiges aus. Sie ist pragmatisch, praktisch und kostengünstig – nicht mehr und nicht weniger.
Es scheint in München kein Konzept zu geben das für die Politik , die Bürger und die Planer beispielsweise in Form einer Kategorisierung der städtischen Freiräume zum Ausdruck bringt, wo welche Wertigkeit angemessen und einer Gestaltung zugrunde zu legen ist. Sonst könnte die Fußgängerzone schon lange nicht mehr so aussehen wie sie aussieht.  In anderen Städten legt man mehr Wert auf die Qualität, Haltbarkeit und Alterungsfähigkeit des Bodens der wertvollsten Stadträume. Regensburg sei hier als leuchtendes Beispiel genannt, aber selbst die sparsamen Augsburger Schwaben sind derzeit damit beschäftigt große Teile ihrer Innenstadträume auf ein angemessenes Niveau zu bringen.

 

Alles moderat
Würde man versuchen die Eindrücke vom Leben in der Fußgängerzone mit einem Wort zu charakterisieren so käme vermutlich „moderat“ dabei heraus.  Alles erscheint auf irgendeine Art moderat. Es gibt Aussengastronomie, die trotz großen Drucks, von der Stadtverwaltung noch auf einem moderaten, verträglichen Level gehalten werden kann. Es gibt Verkaufsstände (meist Obst oder gebrannte Mandeln, manchmal auch traditionellere Maroni), es gibt ein bisschen Grün.  Alles in Maßen, alles moderat. Es gibt moderat wenige Sitzgelegenheiten, moderat wenige Bettler, moderat wenige Fahrradständer und Hundeklos und in der Summe ergibt das moderat wenig Charakter.
Die Häuser die den Raum säumen haben sich in diesen vierzig Jahren oft mehrmals gehäutet. Manche sind dabei sogar schöner geworden, andere nur „moderner“. Das eine oder andere allerneuester Umgestaltungsprojekte hat trotz ästhetisch ansprechender Fassade aber leider den Maßstab in der Gliederung verfehlt, hält sich wohl eher für eine „Einkaufskathedrale“ als für ein Geschäftshaus unter Seinesgleichen. Selbst ehrwürdige Kirchenbauten werden da in den Schatten gestellt.  Die Gewichtsverschiebung, die hier zum Ausdruck kommt, kann man in Frage stellen, die Fußgängerzone als Raum verträgt es. Das räumliche Kontinuum zwischen Karlstor und Marienplatz ist stark genug um mit dieser Vielfalt umzugehen.

 

Neu, altneu oder ganzneu ?
Wer, wie wir es hier versuchen, genauer hinsieht, kann derzeit die ersten Ansätze eines Aufwertungsbemühens erkennen. So wie es sich darstellt muss es wohl eher Renovierung denn Neugestaltung genannt werden. Wie im marienplatznahen Abschnitt der Sendlinger Straße schon sichtbar, scheint es Absicht der Stadt zu sein die Kleinsteinflasterzeilen und Rinnen durch dunkle Natursteinplattenbänder zu ersetzen.
Wenn das so kommen soll, ist es ein beinahe denkmalpflegerischer, aber leider auch mutloser Ansatz. Schwarzgrau an mausgrau. Harmoniert, aber leider nur in brüderlicher Tristesse. Die verlegten Natursteinstreifen jedenfalls erreichen nicht den gleichstarken Gliederungseffekt wie die Pflasterbänder mit ihrer weit stärkeren Körnigkeit. Das verspricht noch homogener in der Wirkung zu werden als es ohnehin schon ist. Attraktiver wird der Stadtboden so nicht.

Wählt man einen solcherart konservierenden Ansatz, muss man gute Gründe dafür haben. Sei es man hat kein Geld, sei es, man hält das ursprüngliche Gestaltungskonzept für so bedeutend, dass es der Nachwelt unbedingt zu erhalten wäre. Beides ist hier unwahrscheinlich.
Die Landeshauptstadt München hat vermutlich soviel Geld in den Kassen wie nie und das Gestaltungskonzept ist nicht mehr als ein Kind seiner Zeit, dessen Anspruch auf zeitlose Gültigkeit wir verneinen möchten, zumal ihm eines ziemlich abgeht, die Aufenthaltsqualität.  Aufenthaltsqualität ist mehr als die Möglichkeit von Fahrzeugen aller Art unbelästigt durch die Strassen gehen zu können. Obwohl in der Fußgängerzone immer etwas los ist, ist sie doch kein Platz, an dem man sich als Münchner, in eines der zahlreichen Freischankangebote setzten würde. Die Wortwahl „Freischankangebot“ macht deutlich womit wir es gerade nicht zu tun haben, was uns davon abhält uns hier aufzuhalten zu wollen.  Angeboten wird uns eben kein Garten, auch kein Straßencafe, sondern etwas seltsam Undefiniertes, Beiläufiges, wenig Charakteristisches und Charaktervolles.  Weitere, insbesondere nichtkommerzielle Aufenthaltsmöglichkeiten, außer den frei verschieblichen, silbernen Stühlchen gibt es kaum.  Alles in diesem Raum ist sehr beilläufig , ja flüchtig angelegt. Der kontinuierliche, mal stärker und mal schwächer dahinfliesende Passantenstrom ist das bestimmende Element. Das Motto ist klar: Geh shoppen, bleib nicht zu lange und wenn du schon meinst verweilen zu müssen dann zahl gefälligst dafür. Geschäftlich funktioniert das.  Warum sich also beklagen ?

Denkt man darüber nach stellt sich sehr schnell die Erkenntnis ein, dass dieser Zustand Ausdruck einer ziemlich vollkommenen Funktionalisierung ist.

Stadtraum wie wir ihn uns vorstellen funktioniert anders. Er hält ein differenziertes Angebot für unsere Aktivitäten im städtischen Aussenraum bereit.  Wir wollen dort auch mal sitzen ohne zu konsumieren,  ausruhen, verschnaufen, einfach nur schauen, auf Bänken, vielleicht auch nur auf Stufen oder Sockeln, weniger auf Gartenstühlchen, die so schön beiläufig sind und sich so gerne um die rückhaltgebenden Pflanzkübel schutzsuchend zusammenrotten, die auch im Sitzen noch den Flüchtigkeitsgedanken widerspiegeln.
Einen solide Bank, ein zum Sitzen geeigneter Sockel oder Sitzstufen strahlen die Anmutung des Festen, und Unverrückbaren aus. Der freistehende Stuhl, so reizvoll er auf den ersten Blick erscheinen mag ist ein Symbol der Vereinzelung und der Verfügbarkeit. In diesem Modell für Sitzen im Stadtraum ist nichts Gemeinschaftliches und Verbindendes. Ein dislozierbares Objekt im Strom der Passanten. Das Sitzmodell als  perfekter Spiegel der allumfassenden Dominanz des Passantenstromes.

 

Zwischen ästhetischer Dauerhaftigkeit und Sensation
Die Frage der notwendigen Sanierung durch eine Neugestaltung, mit einem möglichst offenen konkurierenden Verfahren zu lösen, wäre die eleganteste Lösung gewesen. Wir wissen nicht warum es dazu nicht kam.  Gegner dieses Vorgehens gibt es immer und allerorten zuhauf. Oft genug setzen sie sich leider auch noch durch.
Alle vierzig oder auch schon zwanzig Jahre neugestalten oder das Bewährte bewahren, sind zwei gegensätzliche Pole. Für jeden von Ihnen lassen sich gute Argumente ins Feld führen.
Bewahren setzt immer Bewahrenswertes voraus, setzt auch voraus, dass ein Gedanke des Bewahrens und der Dauerhaftigkeit schon im Ursprung angelegt wurde. Das aber geht gerade vielen der Freiraumgestaltungen aus den 60 und 70er Jahren ab.  Dort wo dies allerdings geschehen ist stellt sich kein Eindruck der Schäbigkeit und Vernachlässigung ein. Dort hat sich in der Regel eine angenehme Patina gebildet, eine die Härte des Neuen mildernde, Steine und Flächen mit Nutzungsspuren versehende und häufig die Farbigkeit ins Changierende hinüberspielende Gebrauchsspur,  die keineswegs als Abnutzung wahrgenommen wird, sondern vielmehr dazu angetan ist eine dezente Würde auszustrahlen. Das was wir an Wohlgealtertem so schätzen.
Haltbarkeit und Dauerhaftigkeit sind nicht nur Kriterien der Materialwahl sondern auch der Ästhetik. Ästhetische Haltbarkeit oder auch ästhetische Nachhaltigkeit ist leider ein komplett in Vergessenheit geratenes Gestaltungskriterium. Manche verwechseln diese Haltung mit Einfallslosigkeit,  Andere diskreditieren sie bewusst indem sie sie mit dem Begriff Langeweile stigmatisieren.
Die Extreme kurzlebiger Neugestaltungsansätze sind heute in Kopenhagen mit dem Landschaftspark Superkilen von von Topotec 1, BIG und superflex, oder dem roten oder Raiffeisenplatz von Pipilotti Rist in St. Gallen zu besichtigen, vielleicht auch zu bestaunen. Beide mit großer Begeisterung, nicht nur in der Bevölkerung, aufgenommen.
Folgt auf das berechtigte erste Staunen das Nachdenken wird schnell klar daß diesen Projekten kein Dauerhaftigkeitsgedanke innewohnt. Hier ist die Kurzlebigkeit Programm. In zweierlei Hinsicht. Das Material ist nicht geeignet gute Patina anzusetzen und die Ästhetik ist so extrem zeitbezogen, dass zu befürchten ist, sich in kürzester Zeit daran zu übersehen. Spätestens dann handelt es sich um Mode der letzten Saison.  Alles in allem ein enormer Aufwand für eine kurzfristige Angelegenheit, angelegt um demnächst von der nächsten Sensation abgelöst zu werden und dann schnell in Vergessenheit zu geraten – Schnee von gestern.

Derartiges braucht München, jedenfalls an dieser Stelle, nicht.

 

Ansprüche an eine europäische Großstadt
An eine Großstadt, die im Konzert europäischer Großstädte mitspielen will, kann man für die Stadträume im zentralsten Bereich, im Herzen der Stadt, hohe und höchste Ansprüche stellen.
Entsprechend groß und breit muss der Gedanken- und Ideenpool im Wettstreit um eine adäquate Gestaltung geöffnet werden. Kleinere bayerische Städte sind hier der Landeshauptstadt schon voraus.
Ein abschreckendes Beispiel provinzieller Gestaltung in bester Lage und somit vertaner Chancen können wir am Oberanger, in räumlicher Nähe zur Fußgängerzone, bereits bestaunen.  Abstandsgrüncharme neben Betonplattenödnis, als Sahnehäubchen eine zur Kunst stilisierte Duschkabine. Der Ästhet fröstelt und sucht mit Ganzkörpergänsehaut schnell das Weite. Der Jakobsplatz ist gottlob nicht weit und verspricht hier Linderung.

Es bleibt die Hoffnung. Die Hoffnung, dass der Zug für die Fußgängerzone nicht schon in die falsche Richtung abgefahren ist.  Wenn doch, ist Kurskorrektur, Umleitung auf das richtige Gleis vielleicht eine lohnenswerte Aufgabe für einen ästhetisch sensiblen und entscheidungsfreudigen neuen Münchner Oberbürgermeister.