ciao bella

Meine Liebe, meine Schöne – was muß ich hören? Du sollst noch schöner und „besser“ werden.Wie kann das denn gehen ? Bist du nicht ohnehin die Schönste, bist du nicht geradezu alterlos schön? Funktionierst du nicht prächtig und das seit 46 Jahren ? Natürlich das eine oder andere Fältchen hast du schon bekommen im Lauf der Jahre. Das ist einerseits natürlich tut aber andererseits deiner zeitlosen Schönheit keinerlei Abbbruch. Wie auch ? Entschuldige, wenn ich jetzt unvermeidlich auf deine Formen zu sprechen kommen muß. Ja, das muß jetzt einfach sein, denn die sind es die uns bezaubern, stets aufs Neue, wenn wir uns mit dir einlassen. Es ist ganz vordergründig das liegende Format an dir, das eine ungeahnte Großzügigkeit ausstrahlt. Dann die Kurven, die Schwünge, das sanfte Hinab- und Hinausgleiten, die eleganten, einem Hüftschwung gleichen Seitwärtsbewegungen. Du leitest uns sanftschwingend hinab und hindurch und ebenso sanft wieder hinauf zum Licht. Wie gerne folgen wir deinen Formen, lassen uns beschwingen, sehen dabei die Vielzahl derer denen es ebenso geht. Einfaltspinsel, die das nicht sehen, gefühllose unsesensible Funktionalisten. Gibt leider zuviele davon. Wenn wir dich dann nach nur 600, viel zu kurzen Metern verlassen, wieder auftauchen müssen, sind wir jedesmal leicht enttäuscht, daß am anderen Ende uns nicht die blaue Adria in Empfang nimmt. Macht nichts. Wir sind dir nicht böse. Nein, im Gegenteil, wir sind dir dankbar, daß du diese Erwartung in uns geweckt hast, daß du uns in diese beschwingte, mediterrane Stimmung versetzt hast.
Welche deiner inzwischen vielzahligen Schwestern in München wäre dazu in der Lage – Keine! absolut keine! Schmalbrüstig sind sie, eng wirken sie, da kommt kein angenehmes Gefühl auf. Ja, Lichter haben sie viele, rote, grüne, weisse und Schilderdeco zuhauf – bling, bling halt. Interressant ?- vielleicht. Schön? – bestimmt nicht ! Nun, seine Schwestern kann man sich nicht aussuchen. Die werden einfach in die Welt gesetzt. Nur eines ist dumm daran, daß ausgerchent diese minderschönen, missproportionierten Schwestern jetzt zum Maßstab gemacht werden und man dich, meine Schöne, in ein ebensolches Korsett pressen will und wird. Da sind die Funktionalisten unerbittlich und natürlich haben sie immer die Sicherheit als Komplizin für ihre Untaten an der Seite. Genau, da fällt mir ein, sicher sollst du nämlich auch nicht mehr sein. Das müsste man doch erst durch statistische Zahlen beweisen. In deinem Fall ist mir zu diesem Punkt noch nie etwas zu Ohren gekommen – in all deinen Lebensjahren. Du bist also kein Sicherheitsrisiko aufgrund von Vorfällen, denn du funktionierst prächtig. 60-80.000 Besucher pro Tag!! Da können sich andere eine Scheibe abschneiden. Selbst der Louvre hat nur 25.000 Besucher pro Tag. Das muß man sich mal vor Augen halten.
Nun werden sie dich also in dieses sichere, unansehnliche und vermutlich für dich unbequeme Schwesternkorsett zwängen bis wir von deiner Generosität nichts mehr erkennen und spüren, bis du mit dem ganzen bling, bling aus Lichtlein und Schildchen nicht mehr wiederzuerkennen bist. Das mitansehen zu müssen, dich so verunstaltet besuchen zu müssen, das tut echt weh. Und wieder werden wir uns zähneknirschned eingestehen müssen, daß der Meister Hein der Schönheit, auch Funktionalismus genannt, meistens siegt und uns dabei gerade die Schönsten raubt.

Ich traue es mir kaum es dir so direkt zu sagen, aber ich könnte mir vorstellen, daß du mir vielleicht zustimmst, daß es eventuell besser wäre statt dieses armselige Dasein fristen zu müssen in Würde und Schönheit zu sterben. Sebstbestimmt sozusagen. Ja, ich glaube das wäre der richtige Weg. Aber, und das tröstet nur wenig, auch dir wird es, wie uns Menschen, nicht vergönnt sein selbstbestimmt über dein Ende mit Würde zu entscheiden. Denn dazu haben die, die dich im Namen von Sicherheit und Funktionalität schänden wollen natürlich nicht den Mut.
Zum Schluß bleibt mir nur dir zu danken für die schönen Momente die du uns sooft geschenkt hast. Wir werden dich vermissen und dir zeitlebens nachtrauern, ciao, bella, ciao.

Bella, ist die Altstadtunterführung am Oskar-von-Miller-Ring, die nun seit 2018 einem Umbau unterzogen wird.

DER PREIS DES ARCHITEKTEN

Jeder hat seinen Preis befand schon im 17. Jahrhundert der britische Premier Sir Robert Walpole. Das wird auch heute Keiner für Andere ausschließen. Mit der Wahrnehmung des eigenen Preises sieht das vermutlich deutlich anders aus. Wer wird sich schon selbst als käuflich bezeichnen? Und doch und gerade weil das wohl jeder für sich verneinen würde, müssen wir an dieser Stelle mal darüber nachdenken, denn Käuflichkeit kommt in vielen Formen und Facetten daher. Ihre offensichtlichste Form ist – die Bestechung – die Gabe und Annahme von Geld für Vorteile die man sich dadurch gegenüber Anderen verschafft. Und damit sind wir schon beim Kern des Themas, der uns interessiert. Es ist nicht die Gabe und Annahme von Geld oder sonstigen Vergünstigungen, sondern das Verschaffen von Vorteilen auf Art und Weisen die der Allgemeinheit Schaden zufügen. Schaden nicht allein im Sinne pekuniär messbarer Werte sondern Schaden im Sinne einer Aushöhlung von Werten und geschriebenen sowie ungeschriebenen Gesetzen. Das sind die schleichenden, die langsam und sehr allmählich über lange Zeiträume eintretenden Schäden, die erst wirksam werden wenn die entsprechenden Werte soweit untergraben sind, daß das ganze Wertesystem morsch und hohl wird und irgendwann so ausgehöhlt ist, daß es in sich zusammenbricht. Wie immer bei diesen schleichenden gesellschaftlichen Prozessen wundert sich dann, wenn es soweit ist, jeder, wie es denn überhaupt soweit hat kommen können. Wer denn wohl die Schuld daran habe. Meist wir selbst, lautet die Antwort. Wir, die wir zugeschaut, oder weggeschaut, oder einfach blauäugig daran teilgenommen haben.
Was heißt das nun, sich einen Vorteil verschaffen und wo liegt vor allem die Schädlichkeit? Macht das nicht ohnehin Jeder? Ist nicht ohnehin Jeder gezwungen so zu handeln um wirtschaftlich überleben zu können? Obwohl wir wissen daß Viele, ja Allzuviele so handeln, ein muß kann jedoch daraus noch lange nicht abgeleitet werden. Wirtschaftlich überleben kann ich auch in einem fairen Wettbewerb um die beste Lösung für eine Bauaufgabe beispielsweise in einem Architektenwettbewerb.

Wie sieht sie nun aus, die das Wertesystem aushöhlende Vorteilsnahme, die wir meinen? Da sind diejenigen die durch unbezahlte Mehrleistungen Andere übertreffen wollen. Noch ein Rendering, noch eine Perspektive oder noch eine zusätzliche Typologie oder Kostenschätzung oder Modell ohne Honorierung seien als einfache Beispiele genannt. Man fragt sich ob diese „Mehrleister“ nicht sehen wohin ihr Handeln führt. Es mag Ihnen ja gelingen damit das eine oder andere mal erfolgreich damit zu sein. Doch Sie können sicher sein wenn nicht heute, dann bestimmt morgen, wird Einer kommen, der noch mehr zum gleichen Preis bietet, und dann in genau dieser Logik noch Einer und noch Einer. Die Sieger in diesem Prozess sind letztlich die Großen, die Dumping durch anderweitig verdientes Geld kompensieren können. Der Mehrheit der Mehrleister geht irgendwann die Luft aus. Fatalerweise haben sie dann viele Kollegen mit in den Dumpingabgrund gezogen. Das, so nehme ich an, ist diesen Kollegen aber sowieso egal. Gemeinsam geht sich besser unter. Wenn ich untergehen muß, dann tut es doch gut ein paar Konkurrenten mitzunehmen.
Und weiter gehts in Liste der Vorteilsverschaffung. Da sind die scheinbar Risikofreudigen, diejenigen die ihre Leistung auf Erfolgsbasis zu Markte tragen. Sie erbringen Vorentwurfsleistungen – und Mehr – für Investoren auf reiner Erfolgsbasis. Heißt, nur wenn der Investor Erfolg damit hat, heißt sein Projekt auch realisieren kann, sieht der Architekt Geld. Heißt auch, oft genug sieht er eben kein Geld und geht leer aus. Ja, wer macht denn sowas ? Ohne hier Namen nennen zu wollen erfährt man im Laufe der Zeit, was man eigentlich nicht glauben wollte, daß viele, sehr viele, auch namhafte Kollegen auf genau dieser Basis arbeiten.

Vieles ließe sich noch anführen was in dieses Schema passt. Wir denken beispielsweise an die Büros die nach dem Prinzip Schleppnetzfänger arbeiten. Das sind die, die eigentlich für bestimmte Aufträge zu groß sind,diese aber trotzdem annehmen um sozusagen ihr Team oder ihre „Praktikanten“ bei Laune zu halten. Und wenn es nur darum geht nur jemand bei Laune zu halten, muß man natürlich auch kein Geld verlangen. Wir denken an diejenigen die schlicht und einfach Praktikanten und Scheinpraktikanten unentgeltlich für sich arbeiten lassen um die eingesparten Gelder als Waffe gegen die Konkurrenz einsetzen zu können.
Das erschreckende an dieser ganzen Misere ist, daß dies keine Einzelfälle sind sondern ein weitverbreitetes und weitverzweigtes System, daß das alles in einer Phase absoluter Bauhochkonjunktur gängige Praxis ist. Wie, so frage ich mich, wird das aussehen wenn diese Phase zu Ende ist. Keine Hochkonjunktur dauert ewig, wie wir wissen. Wie wird das erst aussehen wenn in nicht allzuferner Zukunft die HOAI fallen wird? Dann wird die Architektenwelt wir wir sie in Deutschland kennen und zu einem wesentlichenTeil so auch schätzen der Vergangenheit angehören. Wir werden in dem Sumpf den wir selbst geschaffen haben wie im Treibsand verschwinden. Dann wird es definitv zu spät sein aufzuschreien und zu klagen. Der selbstgeschaffene Unrat aus mangelnder Solidarität und Vorteilnahme, wird uns die Kehle verstopfen und unser Jammern ersticken. Dramatisch ? Ja, dramatisch !! Sage keiner, so schlimm wird es schon nicht kommen. Doch, genauso wird es kommen ! Natürlich wird es weiterhin Architekten geben. Die Frage ist jedoch zu welchen Bedingungen werden sie noch arbeiten können. Eine freie, unabhängige Architektenschaft, die von den Erlösen ihrer Arbeit leben kann, ist etwas anderes und kann anders und vor allem selbstbewußter und unabhängiger von wirtschaftlichen Interrssen agieren, als ein Heer von Angestellten in Großfirmen gepaart mit Küchentischarchitekten die sich, ähnlich wie heute amazons „mechanical turks“, von für billigstes Geld, konkurrierend verkauften Kleinstleistungen ernähren müsssen, die von der Hand in den Mund arbeiten und sich zu nahezu jeglichen Bedingungen verpflichten müssen nur um ihren Beruf überhaupt noch ausüben zu können. Darüber steht dann das Motto: we are all prostitutes. Ja es ist fatal und traurig, aber es ist auch kein Naturgesetz. Es liegt an uns die Gesetze der Prostitution, denen wir uns selbst angedient haben, zu durchbrechen. Sagen wir nein zu Dumpinghonoraren, sagen wir nein zu überzogenen Leistungsforderungen der öffentlichen Auftraggeber, sagen wir nein zu Angeboten die das Investorenrisiko auch noch auf unsere Schultern zu laden versuchen. Fangen wir sofort damit an!
Auch wenn die Sonne der Konjunktur uns derzeit noch schön wärmt, der Herbst der aktuellen Konjunktur und der Winter der anschließenden Rezession wird kommen. Und lezterer wird schrecklich sein. Dann, ja dann wird er endlich kommen, der Schrei nach Solidarität. Solidarität unter Verhungernden soll es zwar geben, letzlich kann sie zu diesme Zeitpunkt nur noch zum gemeinsamen, solidarischen Verhungern beitragen. In Zeiten der Hochkonjuntur muß man die Basis für schlechte Zeiten legen. Das gilt im Privaten wie im Berufsstand. Wer jedoch meint Vorsorge liege nur in der persönlichen Vorteilsbeschaffung auf Kosten der Berufskollegen und damit des Berufsstandes, der irrt gewaltig. Hat sich der Berufsstand erstmal unter die Prostituierten eingereiht wird es schwer diesen Status wieder loszuwerden. Wir können dann noch diskutieren wer zu den Edel- und wer zu den Strassenprostituierten zu rechnen ist. Schöne Aussichten – selbst schuld !!

Die Sowiesos

Die Sowiesos
Stadtkritik – VIII

Es gibt sie noch. die Leute die brav ihre Steuer zahlen, die bei rot an der Ampel stehenbleiben, die den ausgeschilderten Preis einer Ware anstandslos bezahlen, die noch kulturellen Content für Geld kaufen. Das sind die, mit denen man immer rechnen kann, auf die man immer zählen kann. Eine Verfügungsmasse die gebraucht wird um die Dinge am Funktionieren zu halten, auf die man gleichzeitig wenig Rücksicht nehmen muss. Das sind die Sowiesos. Kein gesellschaftlicher Bereich der nicht auf sie angewiesen wäre, der ohne sie funktionieren würde. Auffällig, nein, auffällig werden sie nie, da muss man keine Angst haben.

Diejenigen die uns hier interessieren sind die Sowiesos des öffentlichen Raumes – die Fußgänger.

Gibt es nicht Fußgängerzonen, wird nicht ständig über die Qualität des öffentlichen Raumes diskutiert, werden sie fragen. Ja, aber sicher, ist die Antwort.

Trotzdem betrachtet man die Flächenzuteilungen im öffentlichen Raum, betrachtet man aktuelle Diskussionen so kommt der Sowieso-Fußgänger meist nur beiläufig vor. Meist geht es um Verbesserung der Bedingungen für Radfahrer, um die Qualität des Autoverkehrs etc. pp. Obwohl, oder vielleicht gerade weil die Fußgänger immer da, immer verfügbar und für ein städtisches Leben unverzichtbar sind, sind die Einschränkungen denen sie sich unterwerfen müssen kaum alle zu benennen – fahrende und parkende Autos, allüberall, Radfahrer, denen man das Fahren auf den Gehwegen anerzogen hat, was sie in ihrer anarchischen Gutmenschenmentalität gerne angenommen haben und inzwischen als ihr verbrieftes Recht betrachten. Jammern über all diese Misslichkeiten die sich im öffentlichen Raum unserer Städte zuungunsten der Fußgänger eingeschlichen haben hilft nicht viel. Umdenken und aktiv dagegen vorgehen, heißt es !
Bei der Betrachtung und Behandlung aller Menschen, die sich im öffentlichen Raum bewegen, muss endlich Gleichberechtigung herrschen. Beobachten sie sich selbst, beobachten sie wie der Missbrauch von Flächen im öffentlichen Raum sie selbst schon konditioniert hat. Gehen sie auf einem Gehweg, der nur ein bisschen breiter als minimal ist und der es beispielsweise dem Radfahrer ermöglicht ohne abzusteigen zu nächsten Ampel zu gelangen, so wird die Mehrzahl der Radmenschen die Möglichkeit nutzen und selbstverständlich den shortcut über den Gehweg nehmen. Beobachten sie sich selbst, wie sie reagieren. Natürlich passt ihnen das überhaupt nicht. Gelegentlich murren sie auch wenn wieder einer von hinten an ihnen vorbeizischt, dennoch werden sie feststellen, dass sich bei ihnen eine Verhaltensweise einstellt, die dazu führt, dass man am Rand des Gehweges geht obwohl man genausogut in der Mitte gehen könnte. Das ist die Konditionierung der Sowiesos. Sie funktioniert im Alltag, sie funktioniert auch in der Planung. Da ist zuerst die offensichtliche Missachtung, da ist, nicht weniger bedeutsam, ein eingeschliffener falschgewichteter Diskurs. Haben sie schon jemals erlebt, dass im Zusammenhang mit den Beteiligten im öffentlichen Raum über die Qualität des Gehens gesprochen wurde. Nein, der Fokus liegt auf dem Aufenthalt, dem Verweilen auf Bänkchen und Cafestühlchen, auf Grünflächen oder neuerdings Sitzpodesten. Das ist genauso fragwürdig wie die obsessive Fokussierung mit dem Platz und dem Park als öffentliche Räume bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Strasse oder Gasse. Ich behaupte hier und damit stehe ich vermutlich nicht allein, dass das Gehen, die täglichen Wege zu Fuß in der Stadt weit mehr zum öffentlichen Leben beitragen als jeder nochsogut gestaltete Platz. Auf dem Weg zu Fuß werden mehr Kontakte realisiert, wird mehr gesehen und mehr kommuniziert als anderswo. Die Qualität der Räume in denen wir uns bewegen, wieviel Platz wir dort haben, wieviel Möglichkeiten uneingeschränkt durch andere stehenzubleiben, mit Bekannten oder manchmal auch Unbekannten zu reden, uns auszutauschen, unbedrängt Auslagen anzusehen oder auch nur stehenzubleiben um einen Anruf entgegenzunehmen, das ist ein wesentlicher Faktor für die Lebensqualität unserer Umwelt, unseres Stadtteiles, unseres Wohnumfeldes.

Natürlich ist der Verteilungskampf um das knappe Gut öffentlicher Raum hart. Jeder der Beteiligten hat Ansprüche, die er auch entsprechend begründen kann. Der eine wirtschaftlich – der Verkehr muss schon aus ökonomischen Gründen fliesen, die Geschäfte gehen ein wenn man nicht vor der Türe parken kann, der andere aus Umweltgründen – Fahrradfahren vermeidet Schadstoffausstoß und Umweltverschmutzung und muss bevorzugt werden. Alles richtig. Alles wichtig. Und Fußgänger ? Na ja, die sind halt da, sowieso da. Da muss man sich doch nicht viel drum kümmern. Da gibt es doch viele schöne Plätze zum Verweilen und Ausruhen. Ja und dazwischen ? Da muss man halt durch, wie man so schön sagt. Ein Blick auf Flächenstatistik beleuchtet frappierende Verhältnisse. Ein fahrendes Auto braucht statistisch gesehen 140 m2 Platz, ein Radfahrer ca. 40 m2 ein Fußgänger ca. 1m2. Das Missverhältnis, das hier zum Ausdruck kommt spricht für sich. Wenn es dann in die Diskussion über dieses Missverhältnis geht, kommt zwischen Auto und Radverkehr und sonstigen Fahrvehikeln der Fußgänger ganz schnell unter die Räder. Fortbewegung ist in unserem Denken permanent aufs Rad fixiert. Vom Auto, über das Fahrrad, das E-Bike, den Cityroller, den Segway uns sonstige „selbststabilisierende“ Radmodelle. Sie sind vermeintlich schnell, bequem und bestenfalls auch noch chic und strahlen Modernität aus, erwecken Aufmerksamkeit und last but not least schaffen Verkaufsmodelle, bilden wesentliche Wirtschaftszweige. Dagegen sieht der Fußgänger arm und rückständig aus.
Nichtsdestotrotz ist zufußgehen die menschliche Fortbewegung schlechthin. Der Mensch ist entwicklungsgeschichtlich ein Läufer. Heißt, der Mensch braucht die fußläufige Art der Bewegung für seine körperliche Gesundheit. Was könnte also naheliegender sein als diese mit all den weiteren positiven Effekten auch entsprechend zu fördern. Je angenehmer es empfunden wird Erledigungen und Wege in der Stadt zu Fuß zu bewerkstelligen desto öfter wird das auch geschehen. Kleine Anfänge ziehen größere Kreise. Qualität macht von sich reden und findet Nachahmer. So entstehen Trendwenden.
Beginnen muss dies mit einer Korrektur unserer Betrachtungsweise des Fußgängers – die Essenz seiner Bedeutung liegt in der vergleichsweise langsamen Fortbewegung, die Kontakt, ob nun tatsächlich kommunikativ verwirklicht, oder nur visuell vollzogen am allerbesten ermöglicht, die die Wahrnehmung, auch von Details und Veränderungen unserer alltäglichen Umgebung möglich macht.
Unausweichlich ist auch die Korrektur von Flächenzuweisungen für die Nutzer des öffentlichen Raumes zugunsten derer die die Mehrheit darstellen und am meisten zu seiner Lebendigkeit und Lebenswertheit beitragen, gefolgt von den platzsparendsten radgebundenen Verkehrsmitteln. Auf gut deutsch eine Umkehr der aktuell gültigen Flächenverteilung. Das ist ein permanenter Kampf der offensiv geführt werden muss. Argumente und Beispiele wie dies gelingen kann gibt es inzwischen genug. Der Platz auf dem Stadtboden gehört den Fußgängern, Radfahrer werden toleriert. Alle die sich im Lebensraum Stadt bewegen haben dies mit einer angemessenen Geschwindigkeit zu tun. Die liegt unter 30 Stundenkilometern.
Was uns sonst noch abhält zu Fuß zugehen sind mentale Sperren, die uns anerzogen wurden – automobile Muttermilch. Entfernung ist nicht nur real vorhanden und messbar, im Zusammenhang mit menschlichem Verhalten hat sie eine gewichtige mentale Komponente. Gespräche über Destinationen, die man zu Fuß erreichen könnte, wie Innenstadt, Kino oder Kneipe, offenbaren in der Regel krasse Fehleinschätzungen der Laufzeiten. Mentale Sperren münden häufig in die Floskel nahezu jede Entfernung die über das unmittelbare Wohnumfeld hinausgeht sei doch viel zu weit um sie zu Fuß, ohne Schweißausbruch mit folgender sozialer Stigmatisierung und völlige physische Erschöpfung bewältigen zu können. Da spürt man wie sehr unsere automobile Konditionierung unseren Lebensalltag durchdrungen hat.
Überwindung, Umkehr ist nicht einfach, aber möglich. Man muss sie nur von mehreren Seiten gleichzeitig angehen. Förderung der individuellen Gesundheit, Steigerung der Lebensqualität im Alltag des Wohn- und Stadtumfeld sind gewichtige Argumente aus denen Bewegungen im besten Sinne des Wortes entstehen könnten. Abstimmung mit den Füßen tut not.

SCHÖNHEIT, VERGÄNGLICHKEIT UND WIEDERKEHR

Was ist schön, was ist hässlich, was ist nur banal ?

Über Schönheit lässt sich trefflich streiten und das ist gut so. Der im Zusammenhang mit Schönheit stets zitierte Immanuel Kant bringt es wie kein Anderer zum Ausdruck indem er dem Urteil über Schönheit einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zuschreibt. Schönheit sei „interesseloses Wohlgefallen“. Doch was schön ist oder nicht soll uns hier gar nicht interessieren. Uns interessiert was schön war, ob und wie es wiederkehrt und was wir daraus lernen könnten, wenn wir willens wären zu lernen. Man könnte es auch mit einem Zitat von leider unbekannt, einem Fundstück aus dem Netz sagen: Schönheit von gestern ist der Schmerz von heute und die Weisheit von morgen (Thomas Möginger). Man kann sich also die Frage stellen: ist Schönheit immer vergänglich. Was den Mensch betrifft lässt sich das bejahen. Natürlich wird ein schöner Mensch im Alter selten hässlich. Die Merkmale der Schönheit können meist weiter erkannt werden. Dem wahren Schönheitsideal aber können sie nicht mehr entsprechen.

Architektur hat aufgrund ihrer Beständigkeit andere Gesetzmäßigkeiten. Auch hier scheint Schönheit erstmal vergänglich zu sein. Viele der Bauten die wir heute als schön empfinden können den nächsten Modeschub schon nicht mehr bestehen. Doch anders als der Mensch kennt Architektur die Wiederkehr des Schönen von gestern. Eine neue Wertschätzung nach dem mehr oder minder langen Verlust derselben. Ein Phänomen das sich durch alle Zeiten verfolgen lässt. Das Schöne aus dem unmittelbaren Gestern ist das oft sogar der Verachtung anheimfallende des Heute. Damit muss und kann der Mensch leben. Er tat es schon immer. Der Renaissance folgte der Barock, der für letztere wenig übrig hatte, dem Barock der Klassizismus mit der gleichen Einstellung zu seiner Vorgängerin. Das ließe sich bis in die heutige Zeit fortsetzen, Moderne, Postmoderne,Dekonstruktivismus, Revision der Moderne etc., etc. . Problematisch wird das Ganze wenn der zeitweiligen Ver- oder Missachtung ein entsprechender Aktionismus oder der Furor der Erneuerung auf dem Fuße folgt, der Alles was vorher war, auszumerzen versucht. Das muss nichteinmal absichtlich sein. Es genügt die einfache, gedankenlose Missachtung des Gestrigen. Dem fallen meist unisono die guten und die schlechteren Zeugen der Vergangenheit zum Opfer.  Wenn die erneute Wertschätzung dann einsetzen könnte, sind sie oft leider schon unwiederbringlich verloren.

Dass Schönheit schnell verfällt, dass Moden ebensoschnell vergehen, das sind Allgemeinplätze. Nichts neues unter der Sonne. Warum aber, so frage ich mich, kehrt Schönheit wieder.  Warum wird Altes wieder als Schön angesehen, warum spricht uns das Gründerzeithaus an, das doch eher von durchschnittlichem ästhetischen Wert ist und nur in ganz wenigen Fällen wirkliche ästhetische Höhen erreicht. Nun werden alle sagen, natürlich sind es die immerwährenden Gesetze der Anmut und der Proportion, der Materialwahl und Lichtführung, die nach dem zeitbedingten Wertschätzungsverfall wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken und in den wirklich schönen Gebäuden, nachdem sich die Nebel der Mode gelichtet haben, wieder erkennbar werden.
Zuerst stellt sich die Frage ob es tatsächlich die Zeitgenossen eines Baustils, einer Bauepoche sind, die die Qualitäten einer einstmals abgeschriebenen Periode wiedererkennen, oder ob dieses Revival schon von der nächsten Generation ausgeht und demzufolge in seinem Ursprung keine Wieder- sondern eine Neuentdeckung genannt werden muß. Das tut dem Wiederneuentdeckten natürlich keinen Abbruch in seiner Berechtigung auf Wiederentdeckung und neue Wertschätzung. Der immerwährende zirkuläre Verlauf aus Handlung, Irrtum und Erkenntnis betrifft auch die Auffassung von Schönheit.  Nimmt man die Erkenntnis ernst muß daraus ein Plädoyer für mehr Gelassenheit, Rücksicht und Toleranz mit unseren gestrigen Bauprodukten, ganz besonders denen der nächsten und allernächsten Vergangenheit, folgen.

Das Naserümpfen , tödliche Mißachten der Zeugen jüngster architektonischer Vergangenheit durch die Architekten selbst ist stets der Beginn einer breiten öffentlichen Stigmatisierung dieser Bauten mit den bekannten Bereinigungsfolgen.

Modernes Denken ?

 

Was das wohl ist ? Da müsste man nun eigentlich vorab eine Definition finden und schon wäre man in die permanent lauernde Falle des Wortes „modern“ getappt. Denn kaum ein anderes Wort fordert die Definitionswut so heraus, dieses ewige sich abarbeiten am Begriff der „Moderne“.

Nein, nein, damit haben wir hier nichts am Hut.

Es geht hier um Anderes, es geht um Denkprozesse oder besser Denkmuster. Denkmuster die uns sehr geläufig sind, Denkmuster denen wir in unserer Arbeit als Architekten immer wieder begegnen. Begegnen sie uns zum erstenmal, glaubt man noch es mit individuellen Fehlleistungen, vielleicht auch nur mit Marotten spleeniger Einzelgänger zu tun zu haben. Irgendwann, nach längerer Beobachtung und meist mühsam gewonnener Erkenntnis müssen wir uns dann eingestehen es wohl doch mit mehr zu tun haben.

Beispiele ? Gibt es genug.

Hier eines aus der Praxis. Oft und immer öfter passiert es, dass man, auch als erfahrenes Büro, zu hören bekommt, dass in dem einen oder anderen Bereich der eigenen Kernkompetenz Spezialisten gebe, die für die für spezifische Aufgaben vorzuziehen wären. Das geschieht dann auch. Auf den ersten Blick eine banale Angelegenheit. Die Überschrift dafür könnte einfach lauten: Spezialist sticht Generalist. Das trifft es im Grundsatz, im Detail ist die Entwicklung dieses Musters schon weiter fortgeschritten.

Denn heute geht es bereits um Spezialisierungsgrade. Dass dabei häufig ein geringerer Spezialisierungsgrad mit einem breiteren Erfahrungsschatz einhergeht fällt immer seltener ins Gewicht. Ein inzwischen gängiges Denkmuster mit fatalen Auswirkungen.

Exzessive Spezialisierung und ihre Folgen dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Einseitige Betrachtungsweisen in isolierten Spezialbereichen führen selten zu einem guten Gesamtergebnis, insbesondere wenn dieses, wie in Architektur und Städtebau auf dem Zusammenspiel von vielen aufeinander einwirkenden und in gegenseitiger Abhängigkeit befindlichen Faktoren beruht.

Das ist wie wenn man behaupten würde eine optimierte Heizungsanlage, ein optimaler Wärmeschutz, beste Sicherheitseineinrichtungen und bombenfeste Materialien ergeben auch schon ein gutes Gebäude. Da muss man schon ein rechter funktionaler Einfaltspinsel sein. Das beschäftigt uns.

Noch mehr als einen solche Tendenz selbst beschäftigt uns allerdings die Unfähigkeit oder der Unwille über die Folgen solchen und des eignen Handelns im generellen nachzudenken, sich dieses vor Augen zu führen.

Dazu ein noch alltäglicheres Beispiel. Jeder kann sich bestens die Situation eines zeitgenössischen Konsumenten vor Augen führen, kann sich vorstellen etwas gekauft zu haben, sei es ein Kleidungsstück, ein elektronisches Gerät oder gar ein Auto. Was glauben Sie macht der glückliche Konsument zuerst ? Er geht auf Mängelsuche, auf die Suche nach einem Fehler, sei er auch noch so klein, um – Rabatt herauszuhandeln. Am liebsten lässt unser imaginärer Konsument das gute Stück, gleich um die Ecke vom Geschäft, mal eben fallen, um dann postwendend zurückzulaufen und entrüstet Nachlass zu fordern.

Bezahlen ? Nein, bezahlen tut unser Konsumentagr nicht gern. Am liebsten gar nicht mehr, oder wenn denn doch sein muß gleich mit in Selbstermächtigung großzügig eingeräumten Rabatten und Skonten. Die gleichen Personen, jetzt nicht mehr in ihrer Rolle als Konsumenten, stattdessen als Dienstleister, Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte etc. beklagen sich gleichzeitig bitterlich über ihre Kunden als säumige oder unvollständige Zahler. Niemals würde es ihnen aber in den Sinn kommen in ihrem eigenen Verhalten Vergleichbares zu erkennen.

Wie, so fragen wir uns, kann es sein, dass Verhalten und Denkweisen die noch vor wenigen Jahren als anstößig und nicht gesellschaftsfähig galten heute gängige Praxis geworden sind? Eine Frage, die man sich oft stellt ohne dafür eine wirklich schlüssige Antwort finden zu können.

Doch dann, in einem lichten Augenblick, wie der Zufall es oft will, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Unser zufälliger Anlass ist ein trauriger – der Toddes Schweizer Kulturanthropologen Rene Girard am 4. November diesen Jahres. Eines seiner großen Themen ist – die Rolle der Nachahmung in der Entwicklung des Menschen und ihre Rolle für die Gesellschaft.

Ja, die Nachahmung, das ist er doch, der gesuchte Schlüssel, die langgesuchte Erkenntnis.

Die Nachahmung ist, so Girard, ein in seiner Bedeutung oft vernachlässigter, jedoch immens wichtiger Faktor der menschlichen Entwicklung. Girard bezeichnet sie als das dynamischste Element der menschlichen Intelligenz. Aristoteles beispielsweise, definiert den Menschen als das mimetisschste Tier, das nichts so sehr liebe wie die Nachahmung. Nehmen wir das ernst und das sollten wir, dann ist klar wie sich Verhaltensweisen, auch solche die Einzelnen persönliche Vorteile bringen, in ihrer massenhaften Nachahmung aber für alle nachteilig sind, ausbreiten. Der Mensch hat gelernt nachzuahmen, er hat sich aus Nachahmung entwickelt. Das beginnt in der Kindheit und findet von da seine kontinuierliche Fortsetzung. Die Nachahmung (Mimesis) ist ein starker Impuls. Ein Impuls der weit dominanter ist als Einsicht und Erkenntnisfähigkeit, die ja auch wesentliche menschliche Fähigkeiten darstellen.

Das Zusammenspiel aus Mimesis und mangelnder Erkenntnisfähigkeit oder die Dominanz der ersteren über die letztere, zeitigt, so könnte man resümieren, die Resultate, die wir auf allen gesellschaftlichen Ebenen aktuell spüren. Geiz als erfolgreiches Modell führt zu noch mehr Geiz, Unverfrorenheit und Dreistigkeit wie sie heute allenthalben als Erfolgsmodelle vorgeführt werden (Geissens, Bohlen etc. lassen grüßen) sorgen für deren Ausbreitung und mit der Ausbreitung für immer mehr Akzeptanz. Wer dem nichts entgegenhält begibt sich in den Strudel menschlicher Unzulänglichkeiten und Abartigkeiten, die bis zu den ungeheuerlichen Gewaltakten unserer Tage reichen, die ein wesentliches Thema des Kulturanthropologen Girard sind.

Was kann man tun ? Nichts! wird man antworten.

Es handelt es sich ja, wie gesagt, um Naturgesetzlichkeiten. Es liegt halt in der menschlichen Natur. Ja, das tut es. Aber nicht ohne Auswegmöglichkeit oder Alternativen !

Die Geschichte menschlicher Gesellschaften ist voll von Praktiken, seien es Riten oder Bräuche, die dazu dienen, schädliche gesellschaftliche Tendenzen für die Gemeinschaft einzugrenzen oder zu vermeiden. Man denke an das von Marcel Mauss untersuchte Rivalitätsgeschenk (Potlatsch) oder rituelle Feste und Rauschszenarien zum Abbau schädlicher gesellschaftlicher Überschüsse und Energien, wie sie Georges Bataille es in seiner „Ökonomie der Verschwendung“ untersucht hat. Und die Geschichte zeigt, dass diese Praktiken zu bestimmten Zeiten, in begrenzten Zeiträumen, sehr erfolgreich sein können. Die Geschichte zeigt auch, dass mit Rückschlägen, auch gravierenden, stets gerechnet werden muss. Das ist Gesellschaftsgeschichte und doch hat sie einen Bezug zu unserem Alltag, zu den Kalamitäten die uns betreffen, die sich insbesondere in Gesellschaften mit so geringen gesellschaftlichen Einschränkungen, wie der unseren, immer wieder herausbilden.

Hat ein kritisches und gesellschaftsschädliches Verhalten seine Nachahmer, so wird auch umgekehrt ein Schuh daraus. Wir denken an Vorbildhaftes vergangener Tage, an Rücksicht, Empathie, Solidarität, Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Verlässlichkeit etc. um nur die Wichtigsten und Naheliegendsten zu nennen. Vergangen ? Vielleicht, oder doch moderner und zukunftsweisender alles alles was wir heute sehen. Alles beginnt im Kleinen, um, vielleicht über längere Zeiträume, doch große Wirkungen zu zeitigen und tatsächlich Veränderungen herbeizuführen. tue Gutes und rede darüber ist vermutlich nicht das schlechteste Motto auf diesem beschwerlichen Weg. Wer sich besinnungslos in den aktuellen mimetischen Strudel stürzt, wie Viele, ja Allzu viele es tun, von dem kann man getrost annhemen dass er den Glauben an eine positive gesellschaftliche Entwicklung und damit an die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft aufgegeben hat. Da macht es dann natürlich nichts sich in asozialer Art und Weise, ohne Rücksicht auf Verluste, nur für den eigenen Vorteil einzusetzen. Da macht es nichts Andere auszutricksen und zu übervorteilen. Dumm, nur dumm, dass es dann, in aller Regel, nicht allzu lange dauert bis man selbst die gleiche Art der Behandlung erfährt. Zumindest dann könnte etwas wie Einsicht heraufdämmern. Wenn, ja wenn man bereits wäre nachzudenken. Wenn nicht, bleibt – leider, muss man sagen – der Trost, dass man sich sodann im kollektiven Gejammer über die böse und rücksichtslose Welt in bester und umfassender Gesellschaft befindet. Es darf als sicher gelten, dass uns die mimestische Strömung mitnimmt, wohin auch immer.

 

ENNUI – EIN LOB DER LANGEWEILE

ENNUI – EIN LOB DER LANGEWEILE

Ennui – die Langeweile – ein Zustand hervorgerufen durch erzwungenes Nichtstun. Ein Zustand den wir alle vermutlich schon sehr lange nicht mehr durchlebt haben. Wem ist heute schon noch langweilig ? Selbst wenn, wer würde sich trauen es zuzugeben oder es sich selbst einzugestehen. Ist Langeweile doch das Gegenteil all unserer Bemühungen um Erlebnisse, Abwechslung, Spannung, Spaß. Langeweile ist so weit von uns entfernt dass wir uns ihr ganz langsam wider nähern müssen um ein Verständnis dafür zu entwickeln, um vielleicht sogar Positives darin für uns und die Gesellschaft zu entdecken.

Langeweile das ist ein Zustand der Zweckfreiheit, ein Zustand ohne aktives Tun und Handeln. Wie die Wortzusammensetzung eigentlich sagt hat man eine lange, also sich zeitlich weit ausgedehnte, Weile vor sich. Einen Zeitraum der einen statischen Zustand, einen Zustand des Verweilens einschließt. Das nicht an einen Zweck gebundene Wesen dieses Zustandes bedeutet Ungebundenheit, Richtungslosigkeit, einen unentschiedenen Schwebezustand. Die Gedanken schweben, kreisen, zirkulieren, haben keine bestimmte Richtung und finden auch keine solange dieser Zustand anhält Sobald der Mensch sich aufraffen kann körperlich aktiv zu werden oder geistig in eine Richtung zu denken ist dieser schwebende Zustand entschwunden, entschwunden wie ein fortgewischter Nebel. Was allerdings nicht bedeutet, dass er nicht jederzeit und unmittelbar wiederkehren kann. Dieser scheinbar zwecklose Schwebezustand macht uns aktivitäts- und erlebniskonditionierte Wesen ratlos. Wir können kaum damit umgehen, erachten ihn als Zeitverschwendung, glauben die Zeit dafür nicht mehr zu haben, glauben Wichtiges zu versäumen wenn wir uns ihm tatsächlich hingeben sollten. Die Nähe zu gesellschaftlich und vielleicht auch persönlich unerwünschten Effekten, wie Depression, Unlust, Verlorenheits- und Sinnlosigkeitsgefühlen macht Sie, die Langeweile, auf den ersten Blick so unerwünscht, so abschreckend. Die Gefahr missliebiger Gedanken von Lust und Überdruss bis zum Suizid lässt sie weitgehend in gesellschaftlicher Ächtung verharren.

Doch es gibt auch eine Form oder besser eine Sichtweise der Langeweile die positiv besetzt ist. Wie ein schwaches, unruhig flackerndes Licht tritt sie nur in bestimmten, meist kurzen Zeiträumen zutage, leuchtet kurz auf um bald wieder in gesellschaftlicher Ächtung zu verlöschen. Das was uns leuchtend erreicht ist die Befreiung von Zweckrationalität, und Aktivitätstrieb. Langeweile ist hier vergleichbar mit dem Traum, eine Art Tagtraum der all unserer Hyperaktivität entgegensteht, der die Gedanken aus ihren Gleisen reißt ohne ihnen eine neue Richtung vorzugeben. Eine befreiende Irritation, eine kleine Katharsis, die nach Rückkehr ins geordnete und gerichtete Denken ein befreiendes Gefühl auslösen kann. Diese, nennen wir sie durchaus konstruktive Langeweile, ist diejenige die uns interessiert.

Langeweile und ihr heute kaum noch so genanntes Gegenteil, die Kurzweil, sind, wenn auch wenig beachtete, wichtige Aspekte von Architektur und Städtebau. Die Vermeidung von Langeweile ist ein ungeheuer präsentes Handlungsmotiv von Architekten und Stadtplanern. Wie oft haben wir schon gelesen wie langweilig zum Beispiel der aktuelle Münchner Wohnungsbau, gerade Strassen, rechteckige Plätze, endlos lange Strassen, Plattenbauten oder sich ständig wiederholende Gebäude seien. Muss nicht stets alles spannend, interessant, herausfordernd oder gar „innovativ“ etc. sein ?

Langeweile bedarf der Ruhe. Der Organismus muss sich entschleunigen, die Gedanken dürfen auf keine Tätigkeit gerichtet sein oder die Tätigkeit so geartet sein, dass sie keiner gedanklicher Aktivitäten bedarf. Es gibt diese Ruhe im Inneren und es gibt sie im Äußeren, in unserer Umgebung. Hier wie dort hat sie Bedeutung. Sie ist nicht zu verwechseln mit Ödnis, mit einer völlig reizarmen Umwelt, mit Architektur und Stadträumen die außer ihrer nackten physischen Präsenz nichts anzubieten haben. Es gibt sie noch diese von konstruktiver Langeweile geprägten Orte. Das sind die scheinbar endlosen Reihen viktorianischer und georgianischen terraced houses in England, das sind die von Gleichartigkeit und Wiederholung ähnlicher Gestaltelemente geprägten Gründerzeitstrassen in den gleichnamigen Vierteln, das sind die gleichförmigen Strandhütten am Meer und vielleicht sogar manche Hochhauswälder, wie sie in Schanghai anzutreffen sind. Den Beispielen gemeinsam ist, mit Ausnahme des letztgenannten, ihre zeitliche Distanz, ihre andersartigen gesellschaftlichen Übereinkünften was das Bauen und die Ästhetik des Bauens angeht. Allen gemeinsam ist der spekulative Aspekt, der für Wiederholung und rationales Layout verantwortlich zeichnet,. Der Aspekt der konstruktiven Langeweile ist interessanterweise ein zufälliges Beiprodukt. Bewusst auf Schönheit abzielende Planungen bedienen sich anderer Elemente. Hier wird versucht Ruhe durch Symmetrie und Ausgewogenheit der Proportion herzustellen. Es ist nicht abzustreiten, dass auch hier sich in der Betrachtung und im Erleben die Ausstrahlung der Ruhe und der Ausgewogenheit auf den Betrachter überträgt. Im Vergleich zu den erstgenannten Beispielen jedoch fehlt etwas Wesentliches – der Aspekt der Irritation. Die scheinbare Endlosigkeit englischer terraced houses, die Länge und Geradlinigkeit der Grüderzeitstrassen, die Nähe zur Ödnis durch Wiederholung, liegen aber aufgrund von Detailreichtum doch nicht Öde sind weil das Auge immer einen Halt findet wenn es in seiner leichten Irritation sucht, ihn aber gleich wider verliert weil er sich endlos gleich oder ähnlich wiederholt. Hier kann sie uns befallen diese befreiende Irritation. Bewusste Planungen dieser Art sind kaum zu finden. Allenfalls im italienischen Razionalismo scheinen mir Elemente dieser konstruktiven Langeweile zu finden zu sein. Doch Architektur allein mag das nicht zu leisten. Sie ist ein Baustein im Ensemble der konstruktiven Ennui. Nur im städtebaulichen Ensemble kann sie sich wirklich konstituieren.

Sind sie nun etwa erschrocken ? Langeweile – in Städtebau und Architektur – unvorstellbar ? Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf das Gegenteil, die ewige Kurzweil, das grenzenlose Ereignis, den everlasting Event, die permanente Innovation. Wir blicken nach Japan, weil aus eigener Anschauung von drei Japanreisen wohlbekannt. Wir blicken auf Japan weil gerne und immer wieder in deutschen Fachpublikationen und Feuilletons beschrieben und gelobt. Ja, es ich richtig, in Japan wird viel experimentiert, interessant und vielleicht manchmal auch wirklich innovativ. Es entsteht gerne der Eindruck dass dort an jeder Ecke eine Innovationsikone stehe, dass es abwechslungsreicher und spannender in Architektur und Städtebau kaum zugehen könne. Fakt ist, dass man in Japan das Ergebnis von Neuheitszwang, wie an kaum einem anderen Ort, beobachten kann. Ja, da stehen sie dann, die innovativen, vielbeachteten Bauten. Da stehen aber auch die unzähligen einstmals innovativen und gestern vielbeachteten Bauten. Es sind nicht Wenige, doch sie fristen ein eher trauriges Dasein. Die Ikone ist singulär, sie sucht keinen Anschluss, sie ist sich selbst genug. Das ist solange interessant, solange sie den Neuigkeitstatus besitzt. Schon nach wenigen Jahren hat sich dieser verflüchtigt. So stehen sie jetzt da, wie ausgesetzte, verlassene Kinder, um die sich keiner mehr schert. Sie tun wenig anderes als einen Beitrag zur leider hierzulande zu wenig bemerkten Hässlichkeit japanischer Städte leisten. Und glauben sie mir japanische Städte sind nur nachts „schön“, nachts wenn die Leuchtreklamen in ihrer neongrellen Farbigkeit den verlorenen Zusammenhang wiederherstellen, gemeinsam einen flirrenden Schleier über die dort veranstaltete Kakophonie legen. Das sollte uns zu denken geben, das sollte uns ermutigen mehr konstruktive Langweile, zu wagen, eine ästehtische Ennui als Gegenmittel gegen Event- und Erlebniszwang, falschen Innovationszirkus im Stile imaginierter neuer Kleider unter denen, der, der nicht verlernt hat zu sehen, nur Nacktheit und geistige Armut erkennt.

LA STRADA – DAS LIED DER STRASSE

Heute wollen wir das Lied der Straße singen. Welches Lied werden sie fragen ? Road to nowhere? Nein, road ist nicht die Straße um die es uns geht, Highway to hell, Autobahn ? Nein, auch die nicht. Streets of London, Baker street ? – Ja, das kommt der Sache näher. Ja, es geht um Strassen in der Stadt. Lieder über die Strasse gibt es im wörtlichen und im übertragenen Sinn. In Letzterem finden sie sich bevorzugt in den immer zahlreicheren Publikationen zum Städtebau. Wir denken an „Strassen für Menschen“ von Bernhard Rudofsky oder Jan Gehls „Leben zwischen Häusern“. Auch Christopher Alexanders „A Pattern Language“ enthält Passagen zur Strasse. Gerade zur Zeit der Erstveröffentlichung der genannten Bücher war der schlechte Ruf der Strasse kaum mehr zu unterbieten. Ihre Qualitäten waren ihr erfolgreich ausgetrieben worden, ihre Wahrnehmung auf Verkehrs-, Transport- und Parkraum reduziert. Ihr Lied, das Lied der Strasse, musste neu angestimmt werden. Ein Prozess der über die vielen Jahre, die seither vergangen sind, als gelungen angesehen werden kann. Alle, wirklich Alle, singen inzwischen das Lied der Straße. Keine Publikation zum Thema die heute nicht die kommunikativen Aspekte der Stadtrasse, ihre Bedeutung als Lebensraum weit über ihre Zirkulations- und Transportfunktion hinaus herausstellen würde.

Die Elogen lassen vermuten, wir lebten im goldenen Zeitalter der Strasse, der Strasse als Lebensraum. Wenn dem so wäre dann müsste sich hierfür eine Entsprechung finden lassen. Indikatoren könnten Entwürfe, insbesondere städtebauliche Entwürfe sein. An dem, was in ihnen zu Papier gebracht wird, lässt sich ablesen und zwar viel unmittelbarer als an wohlfeilen Erläuterungen und Texten, wie Planer und Gestalter denken. Jeder Stadtplaner und Städtebauer hat über Vieles und Komplexes nachzudenken. Vieles davon läuft auf einer offensichtlich bewussten Ebene ab. Wie groß sind meine Baufelder, wo liegen Plätze, Parks, Grünzüge, wie hoch sollen Gebäude sein, wo finden sich Merkpunkte etc, etc. All diese offensichtlich bewussten Überlegungen und Entscheidungen basieren auf Anschauungen und Werten die über Ausbildung, Erfahrung und den gesellschaftlichen Wertekanon in unser Handeln eingeflossen sind und es maßgeblich, aber meist unbewusst beeinflussen. „Ideas we think with“ hat dies Bill Hillier ehemals Professor an der Bartlett School of Architecture and Planning immer genannt, im Gegensatz den den „ideas we think of“, den genannten bewussten Entscheidungen. Jeder zu Papier gebrachte Entwurf ist demzufolge nicht nur auf der Ebene der „ideas we think of“, sondern auch auf der der „ideas we think with“ zu lesen. Genau das ist die Ebene die Auskunft gibt über unsere Wert- oder Geringschätzung, unsere positive, negative oder auch nur ignorante Einstellung zu städtebaulich-gesellschaftlichen Themen.

So weit so gut. Ein Beispiel folgt. Zuvor noch Grundsätzliches.

Das Problem mit der Wahrnehmung und Wertschätzung der Straße liegt tief, an der Wurzel ihrer Existenz . Da ist die Tatsache, dass die Straße unter den städtischen Räumen der Regelfall ist. Stadt konstituiert sich in ihren öffentlichen Räumen. Aus guten Gründen sind das erster Linie lineare Verbindungsräume, ob sie jetzt Strasse, Gasse oder Wege genannt werden. Die Ausnahme, das Besondere im Stadtraum sind, im Gegensatz dazu, Plätze und Parks. So sehr wir Plätze und Parks brauchen und schätzen, ihr ubiquitäres Vorkommen würde den Verlust wesentlicher Eigenschaften, die wir mit Stadt verbinden, nach sich ziehen. Regel und Ausnahme – stehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Exceptio probat regulam oder die Ausnahme bestätigt die Regel, wie wir Alle wissen. Wird die Ausnahme zur Regel ist das Ausgangssubjekt der Regel zerstört. Etwas Neues tritt an seine Stelle. Auf die Strasse bezogen bedeutet dies, dass sie in einer schwierigen Grundkonstellation gefangen ist. Das Gewöhnliche im Gegensatz zum Besonderen. Wir brauchen nicht groß weiter zu grübeln wem, in der Regel, mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Das sind natürliche, aber auch unreflektierte Denk- und Verhaltensweisen. Das Besondere liegt immer im Trend, heute mehr denn je. Trotz der Aufmerksamkeitsdominanz von Platz und Park zog die Strasse schon immer eine Reihe von Konnotationen auf sich. Gefährlich, gemein, laut, schmutzig und dergleichen wurde sie genannt. Auch das verdankt sie der Regelhaftigkeit ihres Vorkommens. Geh nicht auf die Strasse, bleib von der Strasse, sagt man. Denn will man sich in der Stadt bewegen ist die Strasse nicht zu vermeiden, der Platz, der Park als Ausnahme sehr wohl. Das ist mit Sichrheit ein Grund weshalb mit ihr auch alles assoziiert was städtisches Leben ausmacht, im Positiven wie im Negativen. Die Straße ist Stadt – könnte man zwar nicht mit ausschließlicher aber doch einiger Berechtigung sagen. Wenn die Straße aber der Regelfall der Räume in der Stadt ist, dann kann daraus nur folgen, dass sich ein Großteil des städtischen Lebens doch genau dort abspielen muss. Wir gehen nicht nur auf die Straße um uns zu einem Platz zu bewegen und dort unser Leben zu entfalten. Nein, wir leben im Strassenraum. Wir bewegen uns entlang der Strassen, wir begegnen dort allen Arten von Menschen, Fremden, Bekannten, Freunden, wir grüßen, wir reden, wir führen den Hund aus, wir schimpfen auf Auto- und Radfahrer, wir gehen windowshopping. Es ließe sich wohl leicht nachweisen, dass ein sich beutender Teil der Kommunikation außerhalb der vier eigenen Wände in Strassenräumen abspielt.

Das ist die Realität. Unser planerisches Denken sieht vielfach anders aus.

Dort liegt der Fokus immer auf den großflächigeren, besonderen Räumen, den Plätzen und Parks. Was dazwischen stattfindet, entzieht sich unserer Aufmerksamkeit. Eine paradigmatische Art zu denken. Eine Art zu denken deren Auswirkungen bei sensibilisierter Wahrnehmung täglich zu spüren sind. Nur die Gewohnheit schüzt uns vor täglichem Gram, hat sie uns doch schon so abgeschliffen, dass wir nur noch selten spüren welche Defizite uns aufgenötigt werden. Ein Mangel an Platz, eine funktionale Aufteilung die alles andere als entfaltungsfreundlich ist, die Aufenthaltsqualität eines Transitraumes mit Kurzkommunikationserlaubnis im Sinne einer Kurzparkzone. Bitte hier nur kurz stehen, kurz sprechen, kurz küssen, sitzen nur unter Konsumzwang, den Fluss der Verkehrsströme nicht behindern, weitergehen, weiterfahren, nächster Platz in nur 50m Entfernung, bitte dort zu leben ! All dies gelesen und aufgenommen ist schon mancher Planer zu einem naheliegenden Schluß gekommen – nur noch Folgen von Platzräumen zu bauen. Das aber hieße wohl das Kind mit dem Bad ausschütten. Eine “ gewöhnliche“ Stadtstraße hat Qualitäten, die uns ob ihrer Alltäglichkeit gar nicht mehr auffallen. Eine davon ist der unmittelbare Bezug der beiden Strassenseiten zueinander. Das ist ein wesentlicher Charakterzug der die Straße vom Platz unterscheidet. Deshalb braucht die Straße vielleicht mehr Platz, oder andere Platzzuteilungen, aber nicht um räumlich zum Platz zu mutieren.

Betrachten wir das versprochene Beispiel. Es gibt solche Raumgebilde. Ein Beispiel, die vielfach publizierte Kaiserau in Bozen. Hier spannen dichte, polygonale Blöcke, mit in der Regel fünfgeschossigen Gebäuden, zwischen sich ebensolche polygonale Raumfolgen anstelle klassischer Strassen auf. Entstanden ist dabei ein schwer begrifflich zu fassendes Etwas, das weder Strasse noch Platz ist. Ein stadträumlicher Alien, garniert mit viel Grün, diffus im Charakter. Die allfälligen landschaftsarchitektonischen Inszenierungen sind dabei nur Ausdruck der Hilflosigkeit was denn mit all dem Raum anzufangen wäre. Die einzigen Räume die etwas Städtisches entfalten sind hier die Innenhöfe der Blöcke. Kompakt und dicht, mit Bezug zu Eingängen, zu den Hausfassaden und den Balkonen. Ob man allerdings bei dem Großangebot an Raum drumherum so nahe aufeinander leben möchte fragt man sich.

Das Lied der Straße ist schnell angestimmt, mit Inbrunst von Allen gesungen und ebensoschnell wieder verhallt. Eine schöne Melodie, gerne gehört aber nur gegen titanische Widerstände in erlebbare Realität umgesetzt. Das beginnt beim universellen funktionalen und ökonomischen Denken, gefolgt von der Phantasie- und Mutlosigkeit politischer Entscheidungsträger, gefolgt von der Verantwortungslosigkeit der Fahrzeugindustrie mit ihrem wohlfeilen Angebot platzaasender Privatpanzer, gefolgt von der Gedankenlosigkeit und dem Egoismus derjenigen, die den Raum vor Ihrer Hasutüre als privaten Abstellraum betrachten, endend bei den Gedankenautobahnen in den Hirnwindungen von uns Planern. Wem also gehört die Strasse? Allen? Ja, theoretisch. Wie alles aber, was in einer Gesellschaft allen gehört, ist darüber gesellschaftlich zu verhandeln – permanent. Was wir hier sehen und täglich erleben ist nichts anderes als Ausdruck dieses Verhandlungsprozesses. Vieles davon ist, ob sinnhaft oder nicht, auch noch von großer Dauerhaftigkeit. Denken Sie nur daran, dass beispielsweise in München, in den attraktivsten Stadtvierteln, immer noch Einbahnstrassen zur Verkehrsbeschleunigung existieren, denken sie an das Fehlen von Sitzgelegenheiten und ganz banal von Abfalleimern, denken sie an die jahrelang geübte Münchner Praxis den Platzbedarf für fehlende Radwege zu Lasten der Gehwege zu regeln. Wenn sie von nun an aufmerksam hinsehen wird ihnen noch Einiges mehr auffallen. Der Kampf um den Lebensraum Strasse ist ein permanenter, kein rein planerischer, sondern ein gesellschaftlicher. Nachdenken über den Regelfall, das Alltägliche, die Strasse, lohnt sich. Gewinner könnten die Stadtbewohner und somit die Stadtgesellschaft sein.

DAS GROSSE GESCHREI

München braucht einen neuen Konzertsaal, München braucht keinen neuen Konzertsaal ! München bekommt einen neuen Konzertsaal, München bekommt einen alten, neuen Konzertsaal ! München blamiert sich, ist bieder und langweilig sowieso ! Der Ministerpräsident verspricht einen neuen Konzertsaal, der Ministerpräsident will aber trotzdem keinen neuen Konzertsaal, ! Die Landeshauptstadt will ihre Ruhe ! Promis jeder Couleur müssen einen neuen Konzertsaal haben, sonst sehen sie sich genötigt München umgehend verlassen und vermutlich nach Hamburg oder Berlin oder gar ins Ausland auszuwandern. Der unvermeidliche kulturelle Supergau steht dann folgerichtig vor der Tür. Auch Architektenkollegen wollen nicht abseits stehen und liefern Beiträge. Manche so brillant, dass man, kämen dieselben Entwürfe von Studenten, diese postwendend zum gründlichem Nachdenken nach Hause geschickt würden. Wir sind gefordert hier Nachsicht zu üben, geht es doch um Dinge die uns Alle beschäftigen, um Aufmerksamkeit, um den Namen in der Presse, um die notwendige Publicity. Sachzwänge, da kommt man halt nicht dran vorbei. Peinlich ? War gestern !

Was also will man zu dem Ganzen hin und her eigentlich noch anmerken, was nicht ohnehin schon zigmal gesagt wurde ?

Braucht München einen weiteren Konzertsaal ? Vermutlich ! Wie und an welcher Stelle sich das am Besten bewerkstelligen lässt kann durch solide Voruntersuchungen geklärt werden. Zur Findung einer außergewöhnlichen Lösung gibt es bestens erprobte, kompetitive Verfahren. Dass davor über den richtigen Weg diskutiert oder auch gestritten wird ist richtig und normal. Dass mit dem Kulturzentrum am Gasteig schon lange kein Kulturschaffender auch nur irgendetwas zu tun haben möchte verwundert auch nicht. Geliebt wurde es ja noch nie. Jetzt aber scheint es ein Lepröser oder gar der Ebolapatient unter den Münchner Kulturbauten geworden zu sein. Vorsicht Ansteckungsgefahr !

Wenn einem das vielstimmige Geschrei noch erlaubt grundsätzlich über die Forderung nach immer Neuem nachzudenken dann könnte man möglicherweise zu der Erkenntnis gelangen wes Geistes dieses und anderes Geschrei nach immer Neuem, unter Ausschluss der Weiterverwendung von Vorhandenem, ist. Das ist der Geist des Überflusses !

Noch brummt die Wirtschaft und die Einnahmen der öffentlichen Hand steigen scheinbar ständig. Wie lange mag das so weitergehen? Ewig jedenfalls nicht. Wer ständig Neues baut, seien es Museen, seien es andere öffentliche Bauten oder auch nur gewöhnliche Infrastrukturbauten wie Straßen und Brücken, der kommt nicht umhin, diese auch zu pflegen, zu reparieren, zu erneuern. Das geht aber nur wenn die Einnahmen zunehmen, zunehmen, und immer weiter zunehmen. Mehr Bauten bedeuten mehr Unterhalt und mehr erforderliche finanzielle Mittel über lange Jahre. Gehen die Einnahmen zurück, stehen profane, ebenso wie herausragende Bauten, immer noch da und wollen betrieben und unterhalten werden. Dann ist guter Rat meist teuer. Dann legen wir sie erstmal vorläufig still, müssen sie, wenn sich nichts ändert, am Besten still und leise, verkommen lassen, um sie letztendlich wieder abzureissen. Ein fraglicher Kreislauf.

Wenn München einen neuen Konzertsaal braucht und vermutlich auch bekommt, dann muß er in allen Belangen auf der Höhe der Zeit sein und sich Innen wie Außen als Highlight, als architketonische Ikone präsentieren. Der intendierten Höchstqualität der musikalischen Darbietung muß die Qualität der Architektur entsprechen. Da soll und darf nicht ausgerechnet die Architektur hintanstehen.

Was allerdings ein Highlight, eine architektonische Ikone, ist, welche Eigenschaften sie aufweisen, wo und wie sie ikonisch wirken sollte, darüber müsste längst fachlich und öffentlich diskutiert werden. Heute sind derartige Ikonen leider allzu häufig nach dem HdM-muster oder Hadid-mascherl gestrickt – höchster Erstellungsaufwand und aufgrund der baulichen Komplexität ein ebensolcher Unterhaltsaufwand. Wer einmal auf der Baustelle der Elbphilharmonie war und die unglaubliche Diskrepanz zwischen der eleganten Raumschöpfung und der dafür erforderlichen baukonstruktiven Qual gesehen hat, kann ein Lied davon singen. Was lernen wir daraus ? Wohl nichts ! Das Motto ist und bleibt – wer kann der kann ! Wenn wir ehrlich sind, können wir, langfristig betrachtet, eigentlich nicht. Deshalb ist weniger, intelligenter, einfacher und nachhaltiger bauen die Forderung der Stunde. Das sind die Themen über die generell und ganz besonders im Zusammenhang mit Architekturikonen, wie z.B. herausragenden Konzertsälen, dringend nachzudenken ist.

Zum Schluss soll nicht vergessen werden, dass dieses Konzertsaalprojekt wieder eines ist, das in erster Linie der ohnehin hochsubventionierten und elitären „Hochkultur“ zugute kommt. Niemand stellt dabei deren Existenzberechtigung in Frage. Die Frage aber, wohin begrenzte öffentliche Budgets fließen, darf und muss auch einmal in diesem Zusammenhang gestellt werden. Der kulturelle Supergau tritt deshalb noch lange nicht ein.

GOLD VERSUS GUGELHUPF

Geschichten über Vergangenes beginnen meist mit „es war einmal“.

So auch diese.

Es war also einmal eine alte Villa, die einmal ein Atelier war und ein Wohnhaus war und zuletzt zum Museum wurde.

Das Haus war in die Jahre gekommen, etwas abgenutzt aber gerade deshalb hatte es das was man gemeinhin Charme nennt. Seine Museumsräume waren schon fern aktueller Standards aber trotzdem vielbesucht. Sein Garten war und ist eine Oase der Kontemplation im Zentrum Münchens, war offen für alle, wenn das Museum, das zugleich durch den Garten erschlossen wurde, geöffnet hatte.

Es war einmal in ebendiesem Haus ein Cafe in einem glasüberdachten Hof, etwas hallig und spartanisch, abgenutzter Natursteinboden und Möbel, die nicht unbedingt zu längerem Verweilen einluden. Ein Cafe mit Eigenschaften die man auch Eigenheiten nennen kann. Wie das mit Eigenheiten so ist, muss man sich im Lauf der Zeit an sie gewöhnen um sie irgendwann zu schätzen und vielleicht sogar zu lieben.

Vom Raum allein, so charakteristisch er auch sein mag, lebt ein Cafe selten. Die Wertschätzung steigt wenn sich dem Raum entsprechende Speisen zugesellen. Ich nehme an es wird nicht allzuviele Menschen in München geben, die wissen, dass es in diesem Cafe den besten Mohn- und einen der besten Schokoladengugelhupfe der Stadt gab.

Das alles war einmal. Dann kam der Großumbau, die Genaralsanierung mit Teilabbruch und Neubau.

Das ficht in der Regel einen Mohngugelhupf überhaupt nicht an. Seine Qualität und seine Geschmacksentfaltung stehen über solchen Vorhaben. Und doch gibt es bedauerlicherweise einen Zusammenhang der dafür gesorgt hat, dass dieser Gugelhupf und die den Um- und Neubau symbolisierende Goldschachtel hinter der Glyptothek keine Freunde werden konnten.

Kennt man die Entstehungsgeschichte des aktuellen Baus dann fügt sich hier unausweichlich Eins ins Andere. Es ist die alte Geschichte vom erhofften großen Wurf, der aber leider über internationales Mittelmaß nicht hinauskam und dabei Veränderungen evoziert hat die uns und den Gugelhupf empfindlich getroffen haben. Denn wenn ein Großarchitekt für 54 Millionen !! baut darf natürlich in der Folge ein leistungsfähiger Großgastronom, einer der München schon an unendlich vielen Stellen mit seinen austauschbaren Produkten beglückt, nicht fehlen. Es ist leider nicht in Erfahrung zu bringen warum die alten Pächter des Cafes, die sich unseres Wissens auch bei der Vergabe für die Pacht des neuen Cafes beworben hatten, den Zuschlag nicht bekommen haben. Als VOF-geplagte Architekten können wir uns aber bestens vorstellen wie soetwas ablaufen kann. Das bestbewährte VOF-Prinzip – wer viel hat muss noch mehr bekommen, wer nicht viel hat ist einfach nicht leistungsfähig genug, trägt hier sicherlich auch seine Früchte.

Die Goldschachtel die uns in ihrem deplatzierten und wie man liest untilgbaren Goldglanz immer an 54 Steuermillionen erinnern wird, ist jedenfalls ein herausragendes Beispiel dafür, daß das leistungsfähige und in diesem Fall äußerst renommierte Großbüro nicht an jeder Stelle der richtige Partner ist und der Großgastronom auch nicht jedermanns Geschmack trifft. Dass der geniale Mohngugelhupf zusätzlich als Kollateralschaden in Kauf genommen werden muss, schmerzt doppelt.

Es tröstet uns auch nicht so recht, dass der Gugelhupf uns sozusagen ein Schicksalsgenosse geworden ist, ebenso wie viele von uns dem Glauben an vermeintliche Leistungsfähigkeit zum Opfer gefallen. Sollen wir uns jetzt in das uns zugedachte Schicksal fügen und das jetzt auch an der Briennerstraße in München angekommene international ubiquitäre Museumsflair mit Gastroterrasse genießen ?

Nein ! Wir gehen stattdessen einfach in die Glypthothek, wo wir zugegebenermaßen auch keinen solchen Mohngugelhupf bekommen, dafür aber einen der schönsten und garantiert goldfreien Innenhöfe Münchens genießen können. Das Gold und seinen Glanz überlassen wir denen, die es sicherlich auch zu schätzen wissen – den internationalen Museumstouristen.